Gedichte über die Sixtina

Die Sixtinische Madonna ist das Dornröschen der Renaissancemalerei. Denn, wie die schöne Prinzessin im Märchen, war auch die Sixtina lange einem Dämmerschlaf ausgesetzt. Dieser dauerte sogar über zweihundert Jahre an. Das Bild befand sich seit 1512 in einer nur wenig besuchten Klosterkirche in Piacenza und blieb somit weitgehend unbekannt. Erst mit dem Ankauf des Bildes 1754 durch August III. und den zahlreichen Reproduktionen des Bildes als Kupferstich und Radierung, gewann die Sixtinische Madonna zunehmend eine allseitige Wertschätzung und Popularität. Auch die Dichter und Denker Deutschlands beehrten das Bild mit zahlreichen literarischen Zeugnissen und Gedichten. Einige prominente Beispiele können Sie im Folgenden lesen.

Alle hier zitierten Gedichte sind folgender Publikation entnommen:

Raffaels Sixtinische Madonna – Literarische Erzeugnisse aus zwei Jahrhunderten. Gesammelt und erläutert von Michael Ladwein, Pforte Verlag, Dornach 2004

Novalis (1772 – 1801) schrieb im vierzehnten Gedicht seiner Sammlung Geistliche Lieder über die Sixtinische Madonna. Veröffentlicht wurde die Gedichtsammlung posthum im Jahre 1802.

Wer einmal, Mutter, dich erblickt,
Wird vom Verderben nie bestrickt,
Trennung von dir muß ihn betrüben,
Ewig wird er dich brünstig lieben
Und deiner Huld Erinnerung
Bleibt fortan seines Geistes höchster Schwung.

Ich mein es herzlich gut mit dir
Was mir gebricht, siehst du in mir.
Laß, süße Mutter, dich erweichen,
Einmal gib mir ein frohes Zeichen.
Mein ganzes Dasein ruht in dir,
Nur einen Augenblick sei du bei mir.

Oft, wenn ich träumte, sah ich dich
So schön, so herzensinniglich,
Der kleine Gott auf deinen Armen
Wollt das Gespielen sich erbarmen;
Du aber hobst den hehren Blick
Und gingst in tiefe Wolkenpracht zurück;

Was hab ich, Armer, dir getan?
Noch bet ich voll die Sehnsucht an.
Sind deine heiligen Kapellen
Nicht meines Lebens Ruhestellen?
Gebenedeite Königin
Nimm dieses Herz mit diesem Leben hin.

Du weißt, geliebte Königin,
Wie ich so ganz dein eigen bin.
Hab ich nicht schon seit langen Jahren
Im stillen deine Huld erfahren?
Als ich kaum meiner noch bewußt,
Sog ich schon Milch aus deiner Brust.

Unzähligmal sah ich nach dir,
Dein Kindlein gab mir seine Hände,
Daß es dereinst mich wieder fände;
Du lächeltest voll Zärtlichkeit
Und küßtest mich, o himmelsüße Zeit!

Fern steht nun diese selge Welt,
Gram hat sich längst zu mir gesellt,
Betrübt bin ich umhergegangen,
Hab ich mich denn so schwer vergangen?
Kindlich berühr ich deinen Saum,
Erwecke mich aus diesem schweren Traum.

Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun,
Und deinem Beistand fest vertraun,
So löse doch des Alters Binde
Und mache mich zu deinem Kinde.
Die Kindesleib und Kindestreu
Wohnt mir von jener goldnen Zeit noch bei.
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Friedrich Carl Witte (1800-1883), Wunderkind, Jurist und bedeutendster Dante-Forscher des 19. Jahrhundert schrieb 18jährig folgendes Gedicht über die Sixtinische Madonna:

Die sixtinische Madonna

Maria schwebt mit dem erhabnen Sohne
Als aller Herrlichkeit und Gottheit Bild,
Und eine Glorie hat die Luft erfüllt,
Die ihre ird´sche Demut strahlend lohne.

Da kniet, gesenkt die dreifach mächt´ge Krone,
Ein Pabst, und fühlt des Forschers Trieb gestillt;
Hier beugt das Haupt in Demuth, fromm und mild,
Die Heil´ge, fleht, daß sie der Richter schone.

Unendlich, unerkannt zu ew´gen Zeiten,
Im Glanze unbegriffner Herrlichkeiten,
Ist Gottes Größe, Liebe, Huld und Macht.

Dem Glauben neigt sich aller Himmel Pracht,
Die Weisheit muß ihr Haupt in Demuth beugen,
Nur Offenbarung kann das Ew´ge zeigen.

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Karl von Holtei (1798-1880) betonte besonders Jesus als handelndes und sprechendes Subjekt in seinem Gedicht:

Madonna (Dresden 1820)
Vor Raphael

Ich rufe Dich! Vermagst Du Dich zu heben,
So folge mir! Was meine Blicke künden:
Glanz, Demuth, Liebe – Alles wirst Du finden
Bei sinnigem und innigem Bestreben.

Zwar kann ich keine ird´sche Kunde geben,
Die kalten Forscher werden´s nie ergründen;
Wer sich allmählich will an mir entzünden,
Der laß´ im Schauen fromm sein Herz erheben.

Wenn Du mich anflehst, will ich gern dich segnen,
Mitleidig fühl´ ich alle deine Mängel.
Erkennen kann mich nie die Erdenrohheit.

Der Liebe aber will ich lieb begegnen,
D´rum send´ ich dir vertraulich sel´ge Engel,
Vermittler zwischen dir und meiner Hoheit.
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Über die Anekdote, dass Raffael im Traum die Madonna mit dem Jesuskind erschienen ist, hat Heinrich Stieglitz (1801-1849) im Jahr 1823 das Poem Rafaels Traum verfasst.

Rafaels Traum

Sanft entschlummert unter Träumen
Fühlt der Jüngling sich mit Beben
In des hohen Domes Räumen
Hochempor zum Himmel schweben.

All´ die mächtigen Gestalten,
All´die milden Angesichte
Sieht er im verklärten Lichte
Sich vor seinem Blick entfalten,
Sieht sie mit des Künstlers blicken,
Wie sie sich zum Licht verklären,
Fleht mit glühendem Entzücken:

Himmel willst du eine Bitte
Brünstigem Gebet gewähren,
»Gib, daß in der Engel Mitte,
In dem heiligsten Vereine
Mir die Heiligste erscheine! «–

Und was auf Geistes Ruf
Im begeisterten Empfangen
Je des Künstlers Hand erschuf,
Was von heiligem Verlangen,
Tiefer Demuth, zartem Bangen,
Was von reiner Göttermilde
Je ein sterblich Aug´ erblickt,
Einigt, wie im Zauberbilde
Einer höher´n Welt entrückt,
Mit dem kindlich-hohen Christo
Die Madonna di San Sisto.
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Im Jahre 1870 schrieb der Maler, Dichter und Dresdener Galeriedirektor Julius Hübner (1806-1882) ein Gedicht über die Madonna, welches 1865 sogar in das Galerieverzeichnis aufgenommen wurde.

Madonna Sixtina

Sie schwebt herab! Die Jungfrau mit dem Kinde
Deß Himmels Blicke ernst die Welt begrüßen,
In Wolken liegt die Erde ihr zu Füßen
Und Schleier und Gewande wehn im Winde!

Das schöne Haupt neigt Barbara gelinde
In Demuth, knieend so viel Huld zu büßen –
Verklärt schaut Sixtus aufwärts in dem süßen
Bewußtsein, daß die Menschheit Gnade finde! –

Und mit den Engeln schau´n auch wir nach oben,
In lichten Chören ewig Ihn zu loben,
Der unsres Heiles selige Begründung!
So, Raphael, Du Engel der Verkündung!
So sahst Du sie – so läßt Du sie uns schauen:
»Die Königin des Himmels und der Frauen!«

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