Ein ehemaliger Sakralraum wird zum Gedankengebäude. Jacob Böhme in der Dresdner Schlosskapelle

Pieter van Gunst, Bildnis Jacob Böhme, 1686/1715, Kupferstich, Kupferstich-Kabinett, Copyright: SKD

In der Dresdner Schlosskapelle wird es geheimnisvoll. Vom 26. August bis 19. November 2017 zeigt die Ausstellung „Alles in Allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ Ideen und Konzepte des Philosophen und präsentiert unter anderem originale Schriften und wissenschaftliche Instrumente des 16. und 17. Jahrhunderts sowie spätere künstlerische Auseinandersetzungen mit Böhmes Werk. Lucinda Martin führt ein DFG-Projekt am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt und forscht seit 2009 zu Jacob Böhme. Gemeinsam mit Claudia Brink von den SKD und Cecilia Muratori, die an der University of Warwick arbeitet, hat Frau Martin die Ausstellung kuratiert. Wir trafen sie für ein Interview.

Frau Martin, vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Vorbereitung der Ausstellung?

Es war zunächst ein großes Problem einen Schriftsteller in Form einer Ausstellung darzustellen und vor allem einen, der so eine dichte, eine archaische Sprache hat, sehr barock, sehr alchemistisch. Ein Vorteil bei Böhme ist, dass er viele visuelle Metaphern und Bilder benutzt. Über die Jahrhunderte hinweg haben Künstler immer wieder versucht Böhme zu erfassen, was uns in jedem Fall auch geholfen hat. Wir wagen mit der Ausstellung ein Experiment und hoffen, dass es funktioniert. Wir stellen Böhme aus und haben in der Mitte des Raumes eine Hörstation, an der man seine Schriften hören kann. In jeder Nische der Kapelle zeigen wir Böhme im Kontext seiner Zeit. Zudem werden wissenschaftliche Instrumente ausgestellt, damit der Besucher zum Beispiel versteht, was der Schriftsteller meint, wenn er von Heliozentrismus spricht, dem Weltbild, in dem die Sonne als Zentrum gilt, oder von Alchemie. Daneben präsentieren wir Kunstwerke und haben sogenannte Reflektionswände gegenüber den kleinen Kapellen mit Böhmes Konzepten aufgestellt, auf denen wir zeigen, wie spätere Künstler sich mit Böhme auseinandergesetzt haben. Der Maler Wassily Kandinsky, zum Beispiel, war sehr inspiriert von Böhmes Idee, dass sich auf einem bestimmten Niveau alles in Harmonie befindet und alles miteinander verbunden ist. Des Weiteren denke ich, dass für die Kunst des 20. Jahrhunderts die Überlegung der Schöpfung als nie endender Prozess sehr wichtig war. Künstler griffen diese Ideen auf; sie führten diesen Prozess fort und erschufen quasi eine kleine Welt für sich.

Blick in die Sonderausstellung "ALLES IN ALLEM. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme" in der Schlosskapelle des Residenzschlosses Dresden, Foto: Oliver Killig © SKD

Die grundlegende Schwierigkeit, vor der wir standen, war jedoch, wie man Philosophie überhaupt ausstellt. Wie kann man das Denken Böhmes ausstellen? Wir sahen eine Möglichkeit in einer Skizze von Böhme selber, seiner sogenannten „philosophischen Kugel“. Böhmes großes Anliegen war es, altes Wissen mit neuen Erkenntnissen in Harmonie zu bringen. Zu Böhmes Zeit gab es sehr viele neue Entdeckungen und Erfindungen. Die Welt wurde durch das Mikroskop, das Teleskop und die Entdeckung der neuen Welt viel größer. Böhme arbeitete an einer Theorie, die all diesen Aspekten des Kosmos gerecht wird. Mit seiner „philosophischen Kugel“ versucht Böhme diverse Elemente aus der Religion und aus der Naturphilosophie zu kombinieren. Er sieht darin keinen Wiederspruch, denn für Böhme laufen spirituelle und religiöse Prozesse parallel.

Wie ist die Aufstellung räumlich und inhaltlich aufgebaut?

Die „philosophische Kugel“ wurde zur Blaupause für die gesamte Ausstellung. Innerhalb der Kugel gibt es zwei Halbkugeln, die nach außen schauend geöffnet sind. Eine Seite davon ist dunkel, die andere Seite ist hell. Zurückzuführen ist diese Anordnung auf Böhmes Idee der zwei Kräfte in allen Dingen: Dunkel und Hell, Tod und Leben, Ja und Nein. Laut Böhme ergebe sich nur aus dieser Spannung heraus Dynamik, nur so könne Leben entstehen, denn ohne den Tod hätte auch das Leben keine Bedeutung. In der Mitte der Kugel hat Böhme eine Achse angebracht, an der er ganz unterschiedliche Dinge wie „Himmel“ und „Hölle“ einander gegenüberstellt, um sie in seinem System zusammenzubringen. Die besagte Kugel haben wir auf den Boden des Raumes gemalt. Wir haben uns bemüht das Konzept räumlich so ähnlich zu gestalten, wie Böhme es in seiner „philosophischen Kugel“ anordnet. Dies bedeutet, dass der Besucher, der durch die Ausstellung geht, auch gleichzeitig durch Böhmes Kugel geht, durch sein Gedankengebäude. Der Besucher begibt sich damit in der ersten Nische der Kapelle auf eine Reise durch die Natur bis zur menschlichen Freiheit in der letzten Nische und schlägt damit einen Weg ein, den nach Jacob Böhme jeder Mensch während seines Lebens geht. Das Streben nach Gott und nach Wissen ist für Böhme miteinander verbunden. Wenn wir dem nachgehen, können wir wiedergeboren werden, können den Zustand der Freiheit erlangen, was für Böhme die Einheit von Gott und Natur bedeutet.

Die Philosophische Kugel, aus: Jacob Böhme, Vierzig Fragen von der Seelen, 1730, Copyright und Foto: Bibliotheca Philosophica Hermetica, Amsterdam

In welchem Verhältnis stand Jacob Böhme zur Kirche? Wie äußerte er sich bezüglich der Religion? 

Jacob Böhme wurde von seinem Pastor in Görlitz stark dafür kritisiert, dass er als Schuster wagte, sich über Religion zu äußern. Es gab feste Standesregeln und er hatte als Handwerker eigentlich überhaupt keine Kompetenz, sich mit theologischen Themen auseinanderzusetzen. Böhme verstand sich jedoch als guter Lutheraner und er ging jeden Sonntag in die Kirche. Die Kritik, die er gegenüber der Kirche äußerte, hatte mit zweierlei Dingen zu tun: Zum einen sagte Böhme, dass ein rechter Christ keine Kriege führe. Und zum anderen äußerte er sich kritisch gegenüber theologischen Streitigkeiten innerhalb der Kirche. Böhme plädierte dafür, sich lieber um die Gemeinschaft zu kümmern.

Wieso entschieden Sie sich für die Schlosskapelle? Inwiefern passt dieser Ausstellungsort zu Böhme?

Es gab Gespräche über verschiedene Orte. Schlussendlich wurde es die Schlosskapelle, worüber wir sehr glücklich sind. Zum einen passt sie wunderbar mit unserem Konzept des begehbaren Gedankengebäudes Böhmes zusammen. Zum anderen konnten wir seine Hauptbegriffe den Seitennischen zuordnen. Zudem ist die aufwendig restaurierte Decke mit ihrem Schlingrippenwölbe aus verflochtenen Kreisen wie prädestiniert für Jacob Böhme, weil die Sphäre in seinem System so ein wichtiger Begriff ist. Ich finde auch, dass es passt, dass Böhme zurück zur Kirche kommt; er kommt sozusagen nach Hause.

Welchen Beitrag leisten Ihrer Meinung nach das Denken und die Ansätze Böhmes für unsere heutige Gesellschaft?

Ich denke, dass Böhme durchaus viele Dinge gesagt hat, die für uns heute noch relevant sind. Alle Kirchen in Böhmes Zeit betonten die Erbsünde, wonach die Menschen unfrei geboren seien. Böhme aber unterstreicht eine Erb-Freiheit. Weil der Mensch mit einem Gewissen ausgestattet ist, sind wir frei. Böhme thematisiert zudem stets die individuelle Verantwortung, die Freiheit mit sich bringt. Wir hätten sowohl das Göttliche als auch das Teuflische in uns und was wir aus uns machen, sei uns selbst überlassen. Natürlich sind seine Aussagen gegen Krieg und Gewalt relevanter denn je sowie seine Überzeugung, dass es gute Menschen überall gäbe und nicht nur im Christentum. Seine Auffassung geht in die Richtung unseres heutigen Begriffs der Toleranz. Konfessionen waren Böhme weniger wichtig, als das Handeln des Menschen. Die ökumenische oder überkonfessionelle Idee ist wesentlich für Böhmes Denken. Zudem finde ich essentiell, dass er ein weibliches Element in der Gottheit sieht. Das Kreative in Gott, das Schöpfungsmoment, nennt er die Sophia oder auch die Gottesweisheit. Diese Idee geht zurück auf eine sehr alte christliche Tradition. Der griechische Name für die göttliche Weisheit ist Sophia und wurde bereits im frühen Christentum als eine Person angesehen. Diese Idee blieb jedoch nicht über die Jahrhunderte hinweg stabil, mal kam sie wieder auf, dann verschwand sie erneut. Für Böhme löst sie ein wissenschaftliches Problem. Da er glaubt, dass Gott alle Elemente und Prinzipien des Kosmos umfassen muss, muss notwendigerweise auch das Weibliche präsent sein.

Wie erklären Sie sich die geringe Popularität Böhmes? Warum ist er im Gegensatz zu den Niederlanden und Großbritannien in Deutschland so unbekannt?

Jacob Böhme war sehr einflussreich; er ist einer der originellsten und einflussreichsten deutschen Schriftsteller. Es gibt eine riesige Rezeption in der Kunstgeschichte, in der Literatur und in der Philosophie. Hegel nannte ihn den ersten deutschen Philosophen. Dann ist die moderne Kunst zu erwähnen: Kandinskys Idee von abstrakter Kunst bezieht sich auf Böhmes Idee einer ewigen Geburt. Dass Böhme hierzulande wenig bekannt ist, hat vor allem mit Fächergrenzen zu tun. Als religiöser Schriftsteller wurde Böhme immer der Theologie zugeordnet, aber die konfessionelle Kirchengeschichte nahm Böhme als Laie nicht ernst und hat ihn lange Zeit  als „Fanatiker“ abgetan. Erst vor  wenigen Jahren wurde er schließlich wegen seiner radikalen poetischen Sprache von der Literaturwissenschaft entdeckt. Das Resultat ist, dass Böhme in anderen Ländern mehr untersucht wurde als in Deutschland. Im angelsächsischen und französischen Raum ist er bekannter. Zudem muss man aber sagen, dass seine Schriften schwer zu verstehen sind. Es ist erst einmal eine Hürde Böhme zu lesen, aber ich würde sagen es lohnt sich, wenn man sich die Zeit nimmt und etwas Geduld für Böhme.

In welchem Verhältnis steht Böhmes Philosophie zur Politik seiner Zeit? Inwieweit können Philosophen Ihrer Meinung nach Einfluss auf politische Aktivitäten nehmen?

Böhmes Kritik der sozialen und politischen Zustände seiner Zeit sorgte für Aufsehen und Diskussion. Aber es waren wichtige Anstöße, die er machte. Auch wenn Böhme die Institutionen seiner Zeit nicht ändern konnte und die Dinge, die er kritisierte, weiterhin so liefen wie bisher, hat er etwas Wichtiges angestoßen. Böhme und andere Spiritualisten haben den Weg geebnet für das, was wir heute als „Menschenrechte“ bezeichnen – Gewissensfreiheit, die Rechte von Minderheiten, eine Gesellschaft, die für alle gerecht ist. Böhme und weitere Spiritualisten betonten, dass der innere Charakter eines Menschen wichtiger sei als äußere Eigenschaften wie Geschlecht, Hautfarbe, Konfession oder sozialer Rang.  Wenn Böhme kein Autodidakt gewesen wäre, wenn er eine Stelle als ordinierter Theologe oder Universitätsprofessor inne gehabt hätte, dann hätte er diese wegen solcher Aussagen vermutlich verloren. Es ist natürlich weiterhin so, dass die Gesellschaft Querdenker braucht, die uns zwingen in den Spiegel zu schauen, damit wir über unsere Grundfeste nachdenken.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Martin.

ALLES IN ALLEM. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme

Ausstellungsort: Residenzschloss, Schlosskapelle

26. August bis 19. November 2017

Öffnungszeiten: 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen Eintritt Schlosskapelle Sonderausstellung mit Hausmannsturm: regulär 6 €, ermäßigt 4,50 €, Gruppen ab 10 Personen 5,50 €

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Ausgestellt!, SKD Nachgefragt!, Vorgestellt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wo kommt Urushi her? Die Tradition der Arbeit mit Lack in Japan.

Magdalena Kozar ist Restauratorin in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zurzeit arbeitet sie an einem Restaurierungsprojekt zu Japanischen Imari Vasen mit Lackauflagen, die um 1700 in Arita hergestellt wurden. Magdalena begleitet den Restaurierungsprozess in Tokyo, um von den Spezialisten aus dem Ursprungsland der Vasen zu lernen. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen rund um die Restaurierung in Dresden und Tokyo.

Heute: Wo kommt Urushi her? Die Tradition der Arbeit mit Lack in Japan.

Die Sommermonate in Japan waren eine gute Gelegenheit zu erfahren, auf welche Art und Weise man Urushi gewinnt – ein besonderer pflanzlicher Lack, der die Vogelbauervasen aus der Porzellansammlung in Dresden schmückt.

Die Okukuji Region in der Präfektur Ibaraki gehört zu den berühmten Lackgewinnungsorten des Landes.

Die Okukuji Region in der Präfektur Ibaraki gehört zu den berühmten Lackgewinnungsorten des Landes.

Es wird angenommen, dass das japanische Wort „Urushi“ aus „uruwashi“ (schön, angenehm) und „uruosu“ (feucht und luxuriös) entstanden ist. Der Name betrifft aber nicht nur die Objekte, die mit dem Lack hergestellt wurden, sondern auch die Laubbäume, aus welchen der Lack gezapft wird. Dieser natürliche Saft wird seit ein paar tausend Jahren für die Herstellung von Lackobjekten benutzt.

Die Lackbäume (Rhus verniciflua) wachsen meistens in Wäldern auf Hügeln und Bergen in einigen ostasiatischen Länder. In Japan gibt es nur ein paar Orte, wo man heutzutage den rohen Lack gewinnt. Einer der bekanntesten ist das Okukuji Gebiet in der Präfektur Ibaraki. Während meines Aufenthaltes in Japan ergab sich eine gute Gelegenheit, diese schwer zugänglichen Orte zu besuchen und den Gewinnungsprozess von Urushi persönlich sehen und erfahren zu können.

Die zweijährigen Lackbäume (links) sind noch zu jung um den Saft zu zapfen. Den Stamm des sechsjährigen Baumes (rechts) kann man schon anritzen, aber die beste Lackqualität bekommt man aus zehnjährigen Bäumen.

Die zweijährigen Lackbäume (links) sind noch zu jung um den Saft zu zapfen. Den Stamm des sechsjährigen Baumes (rechts) kann man schon anritzen, aber die beste Lackqualität bekommt man aus zehnjährigen Bäumen.

Der Saft befindet sich nicht nur im Stamm des Baumes, sondern fließt auch durch seine Wurzeln (links) bis zu den Blätter(rechts).

Der Saft befindet sich nicht nur im Stamm des Baumes, sondern fließt auch durch seine Wurzeln (links) bis zu den Blätter(rechts).

Die Lackbäume werden entweder aus den Wurzeln oder aus Samen (links) gezogen. Aus den Früchten kann man Kerzen von guter Qualität herstellen. Und zudem gewinnt man auch aus den Urushi Bäumen einen leckeren Honig (rechts)!

Die Lackbäume werden entweder aus den Wurzeln oder aus Samen (links) gezogen. Aus den Früchten kann man Kerzen von guter Qualität herstellen. Und zudem gewinnt man auch aus den Urushi Bäumen einen leckeren Honig (rechts)!

Die Lackbäume zieht man entweder aus Samen oder den Wurzeln. Die Bäume können Höhen bis ungefähr 20 Meter erreichen. Die beste Lackqualität erhält man aus zehnjährigen Bäumen und dabei aus einem Baum nur ungefähr 200-250 Gramm Urushi, was die Substanz noch mehr besonders und wertvoll macht.

 

Ich habe es selber erfahren wie kompliziert es ist den Baum genau in der Tiefe zu verletzen, wo der Saft herauskommt.

Ich habe es selber erfahren wie kompliziert es ist den Baum genau in der Tiefe zu verletzen, wo der Saft herauskommt.

Der ausgetretene Rohlack wird mit einem Spatel direkt aus dem Schnitt gesammelt.

Der ausgetretene Rohlack wird mit einem Spatel direkt aus dem Schnitt gesammelt.

Wie ich selbst erfahren konnte – die Arbeit mit dem Lack verlangt sehr viel Geschicklichkeit und Erfahrung. Zuerst wird das Gras, was in der Nähe wächst, entfernt um den Zugang zum Baum zu erleichtern. Danach schneidet man die alte Rinde weg um einen sauberen Schnitt zu ermöglichen. Der Saft wird gezapft, indem man 5 bis 10 horizontale Einschnitte mit einem speziellen Messer in den Stamm des Baumes ritzt – im Wechsel auf der rechten und auf der linken Seite. Es braucht sehr viel Aufmerksamkeit um den Stamm nicht zu tief oder zu flach einzuschneiden. Nach einer kurzen Weile kommt der milchig-trübe Rohlack aus der Wunde heraus und wird mit einem spitzen Spatel gesammelt.

 

Der aus dem Riss herausfließende Saft wird langsam hart sobald er mit der Luft in Kontakt kommt und die Luftfeuchtigkeit aufsaugt. Seine zuerst hell-trübe Farbe, wird allmählich Dunkelbraun.

Der aus dem Riss herausfließende Saft wird langsam hart sobald er mit der Luft in Kontakt kommt und die Luftfeuchtigkeit aufsaugt. Seine zuerst hell-trübe Farbe, wird allmählich Dunkelbraun.

Die Hauptkomponente des rohen Lackes ist eine ölige Substanz – Urushiol. Nachdem man einen Schnitt am Urushibaum gemacht hat, wird der Saft langsam hart indem er die Luftfeuchtigkeit aufsaugt. Wenn er Wärme und Feuchtigkeit ausgesetzt ist, wird ein Enzym aktiviert, das den Sauerstoff aus dem Wasser extrahiert und damit das Urushiol versorgt. Der aus dem Baum herausfließende Saft wird durch die Polymerisation stark und haltbar. Die Quantität der Urushiole ist für die Qualität des Lackes verantwortlich – je mehr der Lack von dieser Substanz enthält, desto besser ist seine Qualität. Der Japanische Lack hat besonders viel Urushiol, deswegen sind seine Eigenschaften so wertvoll. Andererseits ist das Urushiol aber auch eine giftige Substanz, die bei direktem Hautkontakt eine allergische Reaktion auslösen kann. Deshalb muss man bei der Arbeit besonders aufpassen um den Rohlack nicht zu berühren. Für die Arbeit auf dem Urushi-Feld braucht man bestimmte Werkzeuge, die leider zurzeit in Japan kaum produziert werden.

 

Um den Lack zu gewinnen braucht man besondere Werkzeuge. Leider gibt es heutzutage in Japan nur sehr wenig Orte wo diese Utensilien immer noch hergestellt werden.

Um den Lack zu gewinnen braucht man besondere Werkzeuge. Leider gibt es heutzutage in Japan nur sehr wenig Orte wo diese Utensilien immer noch hergestellt werden.

 

 

Der frisch gezapfte Saft enthält viele Verunreinigungen, muss also vor der Verwendung gefiltert werden. Aus einem Baum kriegt man gegen 200-250 Gramm Urushi.

Der frisch gezapfte Saft enthält viele Verunreinigungen, muss also vor der Verwendung gefiltert werden. Aus einem Baum kriegt man gegen 200-250 Gramm Urushi.

Der Japanlack wird zwischen Juli und November gezapft. Abhängig von der Saison verändern sich seine Eigenschaften. Im Frühjahr ist Urushi noch sehr dünn und wenn die Saison vorrückt wird er allmählich dicker. Den besten Lack bekommt man im Hochsommer.

Nach der Gewinnung des Lackes werden die ungefähr zehnjährigen Bäume gefällt.

Nach der Gewinnung des Lackes werden die ungefähr zehnjährigen Bäume gefällt.

Nachdem alle Stellen aus denen man den Lack bekommen kann angeschnitten sind, wird der Baum gefällt. Der frisch gezapfte Rohlack, der noch viele Vereinigungen enthält, wird vor der Verwendung gefiltert. Dann wird der Wassergehalt langsam verdampft. Durch diesen Prozess erhält man eine entsprechende Viskosität, Glanz und Transparenz.

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Entdeckt!, SKD Forschung, SKD Unterwegs!, SKD Vernetzt! | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bilder von den Neuen Bildern

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Ausgestellt!, SKD Vernetzt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Cyanotypie – Blaudruck mal anders

Am ersten Augustwochenende veranstalteten das Museum für Sächsische Volkskunst und der Konglomerat e.V. einen gemeinsamen Workshop für Cyanotypie. Cyano…was? Ein wahrlicher Zungenbrecher dieses Wort, doch eigentlich bedeutet es nichts Anderes als Blaudruck. Wobei hier nicht das traditionelle Reservedruckverfahren auf Basis von Waidpflanze bzw. Indigo und Hilfsmitteln wie Modeln, Papp, Sternreifen und Küpe gemeint ist, – wie es im Volkskunstmuseum zu sehen ist. Stattdessen beschreibt Cyanotypie in diesem Fall ein Druckverfahren, das auf der Lichtempfindlichkeit von Eisensalzen beruht und cyanblaue Farbtöne hervorbringt.

Das Verfahren wurde 1839-42 von dem englischen Chemiker und Fotografen John Herschel entwickelt. Seine Technik wurde insbesondere für die Anfertigung großformatiger Kopien und Konstruktionspläne angewandt („Blaupausen“). Aufgrund der Einfachheit und der niedrigen Kosten war dieses Verfahren sehr verbreitet. Es eignet sich aber auch für die Fotografie.

Beim Workshop konnten die Teilnehmenden ihre eigenen digitalen Fotografien bearbeiten. Zunächst musste saugfähiges Papier, wir benutzten Aquarellpapier, mit den nötigen Chemikalien präpariert werden. Dazu wurden zwei Lösungen vorbereitet: Eine auf Basis von Ammoniumeisencitrat, eine andere auf Basis von Kaliumferricyanid. Bei gedämpftem Licht wurden beide Lösungen dann zu gleichen Teilen miteinander vermischt. Mit der fertigen, inzwischen intensiv gelben Cyanotypie-Lösung haben wir das Papier dünn und gleichmäßig eingepinselt. Im Dunkeln – die fertige Lösung ist äußerst lichtempfindlich. Über Nacht konnte das präparierte Papier trocknen.

Am nächsten Morgen bearbeiteten wir unsere digitalen Fotografien via Photoshop. Anschließend wurden sie invertiert und als Negative auf einer transparenten Folie ausgedruckt. Der nächste Schritt bestand darin, Negative und präpariertes Papier auf einem Belichtungstisch übereinandergelegt zu belichten. Die von Bastian Löhrer, dem Workshopleiter, ausgerechnete ideale Belichtungszeit betrug drei Minuten und zwanzig Sekunden. In dieser Zeit wird bei den belichteten Partien die Eisenverbindung zweiwertig und wasserunlöslich – es bildet sich ein cyanblauer Farbstoff. Bei den unbelichteten Teilen der Fotografie findet dagegen keine Entwicklung statt, sie sind wasserlöslich und lassen sich unter fließendem Wasser auswaschen. Nachdem die Fotografien ausgewaschen waren, mussten sie nur noch getrocknet werden. Fertig waren unsere Cyanotypien!

Wir sind keine Volkskünstler, wir sind Macher!

Volkskunst und Offene Werkstätten. Wie passt das zusammen? Als wir uns über moderne Konzepte, und Formen von Volkskunst unterhielten, erklärte uns Bettina Weber vom Konglomerat e.V., dass eine direkte Verbindung von Volkskunst zum Konzept der Offenen Werkstätten schwierig sei. Zum einen, weil der Begriff in seiner Bedeutung als „volkstümliche, vom Geist und von der Überlieferung des Volkes zeugende Kunst“ ihres Erachtens bei traditionellen und veralteten Handwerkstechniken stehenbleibe und somit moderne Technologien außen vor lasse. Er verführe zu romantisierenden Vorstellungen von „der Kunst einfacher Menschen“, die im Gegensatz zu industriell und anonym gefertigten Erzeugnissen steht. Doch handwerkliches Tun verändert sich. Und so stehen heute in den Werkstätten des Konglomerat e.V. eben Drechselbank und Nähmaschine neben 3D-Drucker und Laserschneider.

Die große Vision des 2012 gegründeten Vereins ist die Förderung der Selbermachkultur. Aufgabe ist es, Mittel und Möglichkeiten zur persönlichen Wunschproduktion bereitzustellen und gemeinsam „an der sozialen Plastik zu schnitzen“. Als gemeinsame Versammlungsstätte, Experimentierfläche und Produktionsbasis bezieht der Verein Räume im #Rosenwerk, welches auf ca. 500 m² insgesamt acht verschiedene Werkbereiche von Holzbearbeitung und Siebdruck bis 3D-Drucken und Laserschneiden jeder und jedem zugänglich macht. Das ist die Grundidee sogenannter Offener Werkstätten: Menschen ohne eigene Räumlichkeiten schaffen sich gemeinsam mit Anderen einen Aktionsraum, in dem sie Werkzeug und Wissen, Leidenschaft und Kosten teilen können. Zudem bieten Offene Werkstätten auch handwerklich und künstlerisch unkundigen Menschen die Möglichkeit, selbst tätig zu werden und mit moderner Hard- bzw. Software und industriellen Produktionsverfahren zu experimentieren.

Offene Werkstätten sind mehr als nur Orte der modernen Freizeitgestaltung. Sie fördern einen nachhaltigen Lebensstil und möchten zu neuen Lebens- und Arbeitsformen inspirieren. Deswegen spielen Reparatur, Re- und Upcycling und Prototyping eine bedeutende Rolle. „Wir sind keine Volkskünstler, wir sind Macher!“, so Bettina Weber. Denn nicht der oder die Einzelne mit ihrem Ergebnis, Produkt oder Kunstwerk stünden im Mittelpunkt, sondern die Gemeinschaft. DIT – Do it Together, anstatt DIY – Do it Yourself!

 

Konglomerat e.V.: https://konglomerat.org/

Verbund Offener Werkstätten: http://www.offene-werkstaetten.org/

Made by me in Saxony. VOLKSKUNST JETZT!

 

Zur Bloggerin: Zum ersten Mal besuchte Sonja Riehn das #Rosenwerk im Frühjahr 2015 für ein partizipatives Ausstellungsprojekt, bei dem die beteiligten Künstler/innen eigene Bilderrahmen mit dem Laser-Cutter gestalteten. Seitdem hat sie den Laserführerschein und freut sich über jeden Besuch im #Rosenwerk.

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Ausgestellt!, SKD Unterwegs!, SKD Vernetzt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Upcycling – Aus alt mach neu

Jeder kennt es. Der innere Schweinehund hat sich doch einmal durchgeboxt oder der Frühling steht vor der Tür und man möchte in seinen vier Wänden Platz für Neues schaffen. Ausmisten steht an! Doch was tun mit den aussortierten Dingen? Wegschmeißen, weiter verschenken oder verkaufen wären sicherlich Optionen.

Upcycling allerdings auch. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Es geht beim Upcyceln darum, nicht mehr benötigten Gegenständen durch gezielte Aufwertung neues Leben einzuhauchen. Nachdem Upcycling in den 1970er Jahren zunächst als Alternativbewegung ins Leben gerufen wurde, findet es mittlerweile mit „Do-it-yourself“-Anleitungen auf YouTube, der Verkaufsplattform DaWanda und Co. seinen festen Platz in der Gesellschaft. Oftmals wird es gar zur Lebenseinstellung.

Antje Schöne – wenn Upcycling zur Lebenseinstellung wird

Genauso ist es auch bei der 32-jährigen Antje Schöne aus Dresden, die sich ganz dem Upcycling verschrieben hat. Unter dem Pseudonym „Madolescent“ nutzt die studierte Kulturwissenschaftlerin Plattformen wie Etsy oder DaWanda, um ihre Produkte an den Mann und die Frau zu bringen und gleichzeitig so einen Beitrag gegen die Wegwerfgesellschaft zu leisten. Ressourcen schonen heißt die Devise.

Antje Schöne in der Ausstellung „Volkskunst jetzt! Made by me in Saxony“. © SKD

Ihre Anfänge als „Upcycling-Künstlerin“ sieht Antje derweil bereits in ihrer Kindheit. Ihr Vater, Tischler von Beruf und ihre Mutter, eine Beamtin mit einer Leidenschaft für Innenarchitektur, gaben ihr handwerkliches Geschick und die Lust am Verändern mit auf den Lebensweg. So begegnet man ihr oft in Trödelhallen oder auf Flohmärkten, wo sie sich neues Material für ihre Upcycling-Objekte zusammensammelt. Von Spaziergängen an der Elbe bringt sie sich zudem Treibholz mit, das sie meist zu maritimen Objekten wie Leuchttürmen verarbeitet.

Upcycling als Geschäftsidee

Die Initialzündung für den Aufbau eines eigenen Gewerbes kam mit dem Fund von kistenweisen alten Notenblättern. Viel zu schade zum Wegschmeißen und sicher noch zu gebrauchen, dachte sich Antje Schöne. Es entstanden Papierblumen, wie sie auch in der Ausstellung „Volkskunst jetzt! Made by me in Saxony“ im Museum für Sächsische Volkskunst derzeit zu finden sind. Nach dem Besuch eines Gründerseminars wagte sie zunächst allein mit dem „schubLaden“ in der Kunsthofpassage den Schritt in die Selbstständigkeit. Seit Mai 2015 unterhält sie nun zusammen mit Anne Fiegert das Geschäft „Handmade²“ im Dresdner Hechtviertel. Dort stehen unter anderem besagte Treibholzobjekte neben Schalen und Uhren, welche aus alten Schallplatten hergestellt wurden, und Briefumschlägen aus alten Zeitschriften, Katalogen und Wanderkarten zum Verkauf. Neben der Verkaufsfläche, die auch von Partnern und kreativen Nachbarn genutzt werden kann, steht der Laden auch als Werkstatt zur Verfügung. Da verwundert es nicht, dass Antje und Anne auch Upcyclingkurse und Workshops anbieten, um ihre Liebe zur Zweckentfremdung weiterzugeben.

Blick in die Ausstellung „Volkskunst jetzt! Made by me in Saxony“. © SKD

Dass Upcycling nicht mehr eine Randbewegung ist, zeigt auch, dass seit letztem Jahr das Upcycling-Festival „Trash up“ in Dortmund veranstaltet wird. Das Ganze findet im Depot Kulturort, einer ehemaligen Straßenbahnwerkstatt statt. Upgecycelt eben.

Handmade²“ (Rudolf-Leonhard-Str. 34, 01097 Dresden) http://handmadehochzwei.blogspot.de/

Upcycling Festival „Trash up“ 11.-12.Nov.2017 in Dortmund

https://trash-up.jimdo.com/

 

Zur Bloggerin: Jeanette Gründer ist Historikerin und absolviert derzeit im Museum für Sächsische Volkskunst ein Praktikum. Aufgrund ihres Studiums beschäftigt sie sich fortwährend mit gesellschaftskritischen Ansätzen in Vergangenheit und Gegenwart.

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Ausgestellt!, SKD Entdeckt!, Vorgestellt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

„Graffiti ist jetzt also auch sächsische Volkskunst?“

„Graffiti ist jetzt also auch sächsische Volkskunst?“ ‑ so kommentierte ein Facebook-Nutzer Anfang Juli die Ankündigung zum Urban Art-Workshop im Museum für Sächsische Volkskunst. Nein! Natürlich sind Graffitis nicht mit Räuchermann und Punkteengel gleichzusetzen und das Sprayen wurde auch nicht in Sachsen erfunden, sondern entstanden ist die Graffiti-Kultur Ende der 1960er Jahre in New York. Aber Oskar Seyffert (1862-1940) ‑ Gründer des Museums für Sächsische Volkskunst – verstand unter „Volkskunst“ jene Kunst, „die nicht auf Schulen gelehrt wird“, die Kunst, die „von unten emporwächst“; Kunst, die selbstautorisiert und unkonventionell ist. An dieser Interpretation des Volkskunstbegriffs orientiert sich das Museum bis heute. „Sächsische Volkskunst“ meint das Konzept Oskar Seyfferts und somit die selbstautorisierte, kreative Energie jedes Einzelnen. Also eben auch Graffitis.

Urbane Kunst ‑ zwischen Subkultur, Kommerz und Musealisierung

Graffiti zählt wie Stickerkunst, Urban Knitting oder Guerilla Gardening zur sogenannten Urban Art. Diese besondere Kunstform ist aus kulturwissenschaftlicher Sicht ein spannendes Phänomen: Sie lässt sich in keines der bekannten Kunst-, Medien- und Zeichensysteme einordnen. Die Straße wird zur Ausstellungs- und Kommunikationsfläche. Oftmals werden dabei ‑ unabhängig vom Inhalt ‑ bewusst gesellschaftliche oder gesetzliche Normen verletzt. Urbane Kunst stellt somit auch eine besonders kontrovers diskutierte Ausdrucksweise künstlerischen Schaffens dar. Doch urbane Kunst beschränkt sich keineswegs auf illegale Aktionen. Längst werden Graffitis und Street Art in Form von Wandbildern (Murals), Kunstdrucken, Fotografien legal in Auftrag gegeben, Arbeiten von berühmten Street Art-Künstlern werden abmontiert, restauriert und auf Auktionen oder in Galerien teuer verkauft.

Seit Ende 2016 existiert mit dem MUCA (Museum of Urban and Contemporary Art) in München auch ein erstes Museum für urbane Kunst in Deutschland. Im Herbst 2017 folgt Berlin mit dem „Urban Nation. Museum for Urban Contemporary Art“, das Künstler/innen und Kunstbegeisterte aus Berlin und der ganzen Welt anziehen und Raum zur Entwicklung und Entfaltung urbaner Kunst bieten möchte. Ein Kernstück des Hauses wird das Martha-Cooper-Archiv sein. Die Fotojournalistin Martha Cooper hat mit ihren Fotodokumentationen die Entstehung der Urban Art über Jahre hinweg für die Nachwelt festgehalten. Sie überlässt dem neugegründetem Museum einen bedeutenden Teil ihrer Sammlung.

Von Tags, Characters und Styles ‑ vier Tage urbane Kunst

Vom 18. bis 21. Juli fand im Museum für Sächsische Volkskunst ein Workshop zum Thema Urban Art statt. Die Dresdner Graffiti und Street Art-Künstler Andy K, Slider und Ergo vom Dresdner Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE gaben den Teilnehmer/innen vier Tage lang Einblick in Formen und Ausdrucksmöglichkeiten urbaner Kunst. Zunächst entwickelten wir sogenannte Tags, also die Kürzel unserer Pseudonyme. So wurde Frederike zu Rieke, Julia zu Ace, Jeanette zu Uschi O., Maxi zu Spy usw. Am zweiten Tag lernten wir die Basics über das Grundieren von Hintergründen und wie das Arbeiten mit der Spraydose sowie mit Pinsel und Acrylfarbe funktioniert. Während Andy K, der seit 1998 als freiberuflicher Grafikdesigner und Street Art-Künstler tätig ist, uns Tipps für die Gestaltung von Characters gab und uns mit den Methoden des Paste-Ups und der Stickerkunst vertraut machte, lehrten uns Slider und Ergo das Sketchen von Graffiti-Styles und den Umgang mit der Spraydose. Am dritten Tag perfektionierten wir die Skizzen unserer Characters und Styles.

Erst am vierten und letzten Tag des Workshops wagten wir uns an die große Leinwand, den Urban Art-Würfel im Hof des Museums, und setzen unsere Skizzen um. Stück für Stück gestalteten wir die vier Wände des Würfels, mal im Alleingang, mal als Gemeinschaftswerk, mal mit der Spraydose, mal mit Pinsel und Acrylfarbe, und auch Zeichenkohle setzten wir ein. Vorbeigehende Passant/innen blieben stehen und schauten uns zu. Manchmal entstand ein Gespräch. Noch rechtzeitig vor dem Gewitter beendeten wir unsere Arbeit.

Bis zum 5. November wird der Urban Art-Würfel im Hof des Museums als Ausstellungsstück stehenbleiben. Es lohnt sich, einen Blick auf dieses ganz besondere Exponat zu werfen. Wer möchte, darf es auch gerne ergänzen. Davon lebt schließlich urbane Kunst.

Ein Plädoyer für eine differenzierte Wahrnehmung urbaner Kunst

Graffiti schreiben wird oft fälschlicherweise als „Schmiererei“ abgetan und mit Tagging (dem Anbringen eines Kürzels) gleichgesetzt. Doch wie vielseitig Spraydose, Acrylfarben oder Filzstifte einsetzbar sind, davon zeugen die Ergebnisse des Urban Art-Workshops. Der Workshop hat zudem gezeigt, dass es jede Menge Übung, Konzentration und Ausdauer benötigt, um einen Character oder einen Style zu entwerfen. Abgesehen davon, dass Geschicklichkeit benötigt wird, eine Spraydose so zu führen, dass am Ende auch wirklich das entsteht, was geplant war.

Ich habe in den vier Tagen nicht nur viel über urbane Kunst gelernt, sondern konnte zudem neue faszinierende künstlerische Techniken erlernen und ausprobieren. Ich persönlich wünsche mir auch mehr legale Urban Art-Flächen in Dresden. Eine Stadt kann gar nicht bunt und vielseitig genug sein.

Das Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE (http://www.spikedresden.de/ ) konnte seit seiner Gründung 1995 bereits zahlreiche solcher Flächen in Dresden in Zusammenarbeit der Stadt etablieren. Eine Übersicht sogenannter legal plains bietet die Homepage graffiti-dresden.de ( http://graffiti-dresden.de/legal-plains-map/ ). Vom 1.-12. August 2017 findet übrigens das LackStreicheKleber-Festival statt, das zum Betrachten, Mitmachen und Auseinandersetzen mit urbaner Kunst in Dresden einlädt (https://www.lackstreichekleber.de/ ). Ein Tipp für alle, die noch immer der Meinung sind, urbane Kunst sei nichts weiter als „Schmiererei“ und Sachbeschädigung.

Zur Bloggerin: Für die Kulturanthropologin Sonja Riehn ist urbane Kunst aufgrund der vielseitigen und unkonventionellen Ausdrucks- und Kommunikationsformen, der starken gesellschaftskritischen und politischen Statements – gleichzeitig geprägt durch Anonymität und Flüchtigkeit – ein spannendes kulturelles Phänomen.

Veröffentlicht unter SKD Ausgestellt!, SKD Entdeckt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wissenschaftler auf Reisen – Magdalena Kozar in Japan (Teil 2)

Magdalena Kozar ist Restauratorin in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zurzeit arbeitet sie an einem Restaurierungsprojekt zu Japanischen Imari Vasen mit Lackauflagen, die um 1700 in Arita hergestellt wurden. Diese außergewöhnliche Gruppe japanischen Porzellans ist Gegenstand eines großen Restaurierungsprojektes: Dank der großzügigen Unterstützung und Kompetenz des National Research Institute for Cultural Properties, Tokyo (TOBUNKEN) konnte die Restaurierung einer sogenannten Vogelbauervase ins Auge gefasst werden. Magdalena hat den Restaurierungsprozess für uns in Tokyo begleitet, um von den Spezialisten aus dem Ursprungsland der Vasen zu lernen.

Hier kommt Teil 2 des Berichts über ihre Erfahrungen rund um die Restaurierung in Tokyo.

VOGELBAUERVASE

Nach dem Transport der Vogelbauervase nach Japan wurde das Restaurierungskonzept die Restaurierung im Tokyo National Research Institute for Cultural Properties TOBUNKEN durchgeführt.

Nach längeren Vorbereitungen wurde eine von neun Vogelbauervasen, die sich in der Porzellansammlung in Dresden befinden, nach Tokyo transportiert um von den Japanischen Experten im Tokyo National Research Institute for Cultural Properties TOBUNKEN restauriert zu werden. Ich hatte das Glück diesen Prozess begleiten zu können.

Die Porzellansammlung in Dresden besitzt neun Vogelbauervasen, alle Objekte sind restaurierungsbedürftig.

Dieses außergewöhnliche Vase hat einen trompetenförmigen Gefäßkörper und ist sowohl außen wie innen unterglasurblau bemalt. Im unteren Bereich umschließt das Gefäß ein vergoldeter Metallkäfig, der mit einem Wolkenkragen aus ebenfalls vergoldetem Papiermaché verziert ist. Im Inneren des Käfigs sitzen zwei Porzellanvögel vor goldenem Hintergrund auf naturalistisch staffierten, hölzernen Felsen. Vier große lanzettförmige Felder im oberen Bereich der Vase sind aus der glasierten Oberfläche ausgespart und mit goldenem Urushi-Lack gefüllt. Die Vielfalt des Materials stellt dabei eine besonders große Herausforderung dar.

Die Vogelbauervase vor der Restaurierung – die Vielfalt von Materialien, wie zum Beispiel Porzellan, Urushi Lack, Metall, Papier, Holz war eine Restaurierungsherausforderung.

Lack reagiert auf jeden Wechsel von Luftfeuchtigkeit und Temperatur mit einer zumindest geringfügigen Veränderung der Ausdehnung – Porzellan dagegen ist relativ stabil. Dies führte im Verlauf der vergangenen 300 Jahre dazu, dass die Auflagen abfielen oder die Haftung zur Porzellanoberfläche verloren haben. Es war wichtig entsprechende Klebstoffe zu finden, die diese beiden Materialien miteinander verbinden können. Die Möglichkeit, das Restaurierungskonzept mit den Speziallisten aus dem Ursprungsland der Vase besprechen zu können, war hier von großem Wert.

Die Computertomographieuntersuchung im Nationalmuseum in Tokyo ermöglicht den Herstellungsprozess der Vogelbauervase besser zu verstehen.

Untersuchungen wie Computertomographie, Röntgenfluoreszenz und Kristallstrukturanalyse erleichterten die Auswahl der Restaurierungsmaterialien und ermöglichten die Material-und technologiegetreue Wiederstellung.

Das Restaurierungsprojekt in Tokyo wurde von Mitte Dezember 2016 bis Ende März 2017 durchgeführt. In der Zwischenzeit sind sehr viele Fragen entstanden, darunter die wichtigste – wie man die östlichen und westlichen Restaurierungskonzepte, die sich voneinander wesentlich unterscheiden, mit einander verbinden kann.

Urushi ist die Bezeichnung für einen natürlichen Lack, der aus den Lackbäumen in mehreren ostasiatischen Regionen gezapft wird. Das Fehlen der Lackbäume in Europa, macht diese Technik für europäische Künstler und Restauratoren noch mehr exotisch und besonders. Der rohe flüssige Lack wird nach dem Aushärten durch Polymerisation dunkel und unempfindlich gegen Temperatur, Wasser, Alkohol, Säuren, und Lösungsmittel. Das bedeutet, als Restaurierungsmittel wird Urushi irreversible. In Europa aber achtet man sehr darauf, dass die restaurierten Stellen reversibel bleiben und versucht, solche Stoffe zu verwenden, die man auch nach Jahren wieder abnehmen kann.

Als Restaurierungsmaterial wurde hauptsächlich Urushi Lack benutzt, also das selbe Material, womit die Künstler vor ein paar Hundert Jahren die Vogelbauervase dekoriert haben.

Nach der japanischen Restaurierungsethik soll dagegen das Objekt mit solchen Materialien restauriert werden, die man auch während des Herstellungsprozesses benutz hat. Nach längeren Überlegungen wurde beschlossen doch Urushilack zu verwenden. Urushi als Restaurierungsmittel ist sehr vielseitig und je nachdem wofür man den Lack verwenden will, kann man es mit entsprechenden zusätzlichen Stoffen mischen, wie zum Beispiel mit Wasser, Mehl, Hanf, Stoff, Sägespäne von Kiefernholz, Tonpulver, aber auch Lösungsmitteln. So wurde der Lack als Hauptstoff für die Konsolidierung, Befestigung, Ergänzung, Retusche und auch für Proben zur Musterrekonstruktion verwendet.

Die Restaurierung der Stellen, die sich hinter dem Käfig befinden war besonders anspruchsvoll, weil der Zugang nur durch die schmalen Zwischenräume der Gitterstäbe möglich war. Deswegen haben alle Restaurierungsschritte etwas länger gedauert.

Arbeiten mit Urushi verlangt viel Zeit und Geduld. Die Oberfläche besteht aus mehreren Schichten, die man nacheinander im Wechsel anträgt und nachdem eine Ebene ausgehärtet ist, poliert. Im Fall der Vogelbauervase war die Restaurierung noch dadurch etwas verlangsamt, da der Zugang zu den Stellen die sich in der Mitte vom Käfig befinden, sehr kompliziert war. Der nur ungefähr 2 cm breite Abstand zwischen den goldenen Gitterstäben hat alle Arbeitsschritte erschwert. Die Befestigung der zerbrechlichen Lackteile schien am Anfang fast unmöglich zu sein.

Der Holzkäfig, der nach der Vogelbauervasengröße abgemessen wurde, hat sehr geholfen die schwer zugänglichen, abgelösten Stellen zu befestigen.

Glücklicherweise haben die japanischen Kollegen auch für diese Schwierigkeit eine gute Lösung gefunden: genau an die Vasengröße angepasst, wurde ein Holzkäfig gebaut um einen besseren Zugang zu den Flächen die sich hinter den goldenen Stäben befinden, zu ermöglichen. Mit Hilfe dünner, flexibler Stäbchen, die zwischen Käfig und Vasenkörper eingesetzt wurden, konnte man die zerbrechlichen Lackauflagen wieder befestigen. Mit viel Geduld ist es auch gelungen den Käfigraum zu reinigen, zu konsolidieren und die Porzellanvögel, die im Laufe der Zeit Ihre ursprüngliche Position verloren haben, an der richtigen Stelle wieder anzubringen.

Als Verbindung zwischen Porzellanoberfläche und Lack wurde Fischleim ausgewählt. Dieser Klebstoff ist nämlich sehr weich und einfach zu entfernen, aber gleichzeitig sehr stark nach dem Austrocknen.

Ein anderes Problem betraf die Verbindungsflächen zwischen den unterschiedlichen Materialien. Meistens dienen Gegenstände aus Holz oder Papier als Grundlage für den Lack. In diesem außergewöhnlichen Fall, wo Urushi direkt auf das Porzellan aufgelegt wurde, war es sehr wichtig einen Kleber zu finden der einerseits stark genug ist um die beiden Materialien miteinander zu verbinden, aber gleichzeitig einfach zu entfernen ist und zudem eine relativ lange Arbeitszeit ermöglicht. Nach zahlreichen Proben hat sich herausgestellt, dass Fischleim diesen Forderungen am besten entspricht.

Eine der wichtigsten Entscheidungen war,ob die Fehlstellen mit Urushiapplikation rekonstruiert werden sollten oder nicht. Dadurch, dass in der Porzellansammlung in Dresden vergleichbare Stücke erhalten sind und sich das Muster an anderen Vasen wiederholt, weiß man, wie die vollständige Dekoration aussah. Aber nach japanischer Ansicht sollte die Arbeit nur auf die Konservierung der erhaltenden Substanz begrenzt bleiben, ohne die fehlenden Bereiche zu ergänzen. Deswegen wurde beschlossen das zerstörte Muster nicht zu rekonstruieren.

Rekonstruktionsproben wurden hergestellt, um nach und nach die historische Herstellungstechnik der Urushidekoration nachmachen zu können.

Die Proben sind eine gute Imitation der originalen Applikationen mit denen die Vogelbauervase verziert ist.

Die Frage in welcher Art und Weise die Lackapplikationen angefertigt worden sind, blieb aber trotzdem ein großes Rätsel. Mikroskop-Aufnahmen waren sehr hilfreich um die richtige Reihenfolge der einzelnen Lackebenen zu verstehen. Auf vorher in Arita hergestellten Porzellanproben wurden nacheinander Urushischichten aufgelegt und ausgehärtet, dann das Sandmuster eingetragen und am Ende das Ganze mit mit Gold überzogen. Falls man also in Zukunft die Fehlstellen der anderen Vogelbauervasen aus der Porzellansammlung doch ergänzen möchte – die ersten Rekonstruktionsversuche sind schon vorbereitet.

Porzellanhenkel in Form eines Elefantenkopfes wurden entweder in Arita oder in Meißen hergestellt. Kleine Unterschiede, wie zum Beispiel die Augen- und Ohrenlinien, oder die Porzellanfarbe ermöglichen zu bestimmen, in welchem der beiden Orte die einzelnen Stücke entstanden sind.

Ein interessanter Aspekt der im Arbeitsprozess aufgefallen ist, war der Ursprung des Porzellanhenkels. Obwohl  die Vase in Japan hergestellt wurde, kann man erstaunlicherweise doch Akzente aus europäischem Porzellan entdecken. Betrachtet man die Elefantenkopf Henkel an allen in Dresden erhaltenen Vasen genauer, fallen sowohl kleine Unterschiede in der Porzellanfarbe als auch in der Form der Elefantenköpfe auf. Im Fall der in Tokyo restaurierten Vase, sind die Elefantenköpfe, eine spätere Ergänzung aus Meissener Porzellan.

Nach der abgeschlossenen Restaurierung und der Rückkehr in die Porzellansammlung kann die Vogelbauervase den Besuchern gezeigt werden.

Nach fast vier Monaten intensiver und spannender Arbeit wurde die Restaurierung zu Ende gebracht. Obwohl die östlichen und westlichen Methoden manchmal etwas verschieden sind, konnte man immer einen Kompromiss finden. Nach der Rückkehr in die Porzellansammlung in Dresden kann die restaurierte Vogelbauervase der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die erfolgreiche Restaurierung in der Zusammenarbeit mit japanischen Kollegen wird hoffentlich ein guter Anfang sein, um auch die anderen Vasen mit Lackauflagenwieder in einen guten Zustand bringen zu können.

Für mich persönlich war das Praktikum im TOBUNKEN eine wunderbare Gelegenheit sowohl viel über die japanischen Restaurierungsmethoden zu lernen, als auch die japanische Kultur, Tradition, Arbeits-und Lebensweise, besser zu verstehen.

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Entdeckt!, SKD Forschung, SKD Unterwegs!, SKD Vernetzt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Viertägiger Urban Art-Workshop im Museum für Sächsische Volkskunst in Kooperation mit SPIKE

18. – 21. Juli
12-17 Uhr
ab 14 Jahren


Wolltet ihr schon immer mal Graffiti schreiben lernen, Sticker-Art ausprobieren oder eigene Characters entwerfen? Während des viertägigen Urban Art-Workshops im Museum für Sächsische Volkskunst könnt ihr in die Welt der urbanen Kunst eintauchen.

Hier lernt ihr mit Spraydose, Lackstiften und anderen kreativen „Werkzeugen“ eigene Styles, Comics und Characters zu entwerfen und umzusetzen. Begonnen wird mit einfachen Zeichenübungen, die in Skizzen zu ersten kreative Ideen weiterentwickelt werden.

Hilfestellungen bei der Umsetzung erhaltet ihr von erfahrenen Graffiti- und Street Artists vom Dresdner Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE. Ob als Einzelkünstler oder als Gruppenarbeit, das Ziel ist die Gestaltung des Urban Art Würfels im Hofe des Museums.
Der Workshop findet überwiegend draußen statt und baut aufeinander auf; die Teilnahme an allen Tagen ist daher wünschenswert!

Materialkosten: 35 €

Anmeldung über den Besucherservice
E-Mail: besucherservice@skd.museum
Oder telefonisch:
Mo bis Fr: 08:00 bis 18:00 Uhr
Samstag: 09:00 bis 18:00 Uhr
Telefon: +49 – (0)351 – 49 14 2000

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Interview mit Gregor Schmoll zu seiner Ausstellung „Wunderblock – Die Welt als Fotografie und Vorstellung“

Björn Egging, Kurator: Lieber Gregor, in der Ausstellungsreihe „Weltsichten auf Papier“ sind derzeit an den Wänden des Studiolo im Residenzschloss fotografische Arbeiten von Dir zu sehen. Welches Verfahren hast Du zu ihrer Herstellung genutzt?

Gregor Schmoll: Ich fotografiere und arbeite ausschließlich analog. Mir ist die Haptik, also der direkte Umgang mit dem Material, sehr wichtig – ich habe schließlich Bildhauerei studiert. Das Aufbauen der Kamera, das Einlegen der Filme, das Lichtsetzen, die Belichtungszeiten (z.B. waren es bei Aristoteles’ Kinematograph eineinhalb Stunden), die Testpolaroids – das funktioniert wie eine eigene Choreographie. Sie wird einstudiert; alles ist minutiös abgestimmt; es kommt zum Tanz um die Maschine (den „deus ex machina“). Zudem ist die Haptik des Bildträgermaterials in meinen Arbeiten Teil der Bildinformation und wird immer inhaltlich mitgedacht.

Ausstellungsansicht im Studiolo, Residenzschloss Dresden

BE: Inwiefern lässt sich das anhand der im Studiolo gezeigten Werke nachvollziehen?

GS: Die großen Abzüge von Orbis Pictus sind auf hochwertigem Barytpapier entwickelt, um die feinsten Grauabstufungen zu erhalten, vornehmlich aber um eine historische Zeitebene in die Bildlichkeit miteinzubetten. Die kleinen Abzüge für die Karteikarten des Wunderblocks sind dagegen auf gewöhnlichem PE-Papier gemacht, da es sich „nur“ um „Archivabzüge“ handelt, die einen dokumentarischen Charakter zum Ausdruck bringen sollen. So gesehen sind im analogen Arbeiten mit Fotografie konzeptionelle Entscheidungen möglich und lesbar, die ein digitales Arbeiten in dieser Form nicht zulässt, denn digitale Information ist immer eindimensional.

BE: Kannst Du Deine Vorbehalte gegenüber digitalen Verfahren noch ein wenig ausführen?

GS: Es interessiert es mich sehr, an den Grenzen des Abbildbaren zu agieren. Das digitale Bild erlaubt meines Erachtens zu viele Eingriffs- bzw. Korrekturmöglichkeiten und verliert somit den Reiz des Spielerischen, des Experimentellen. Das Überlisten der sichtbaren Wirklichkeit einzig durch Licht und Schatten ist für mich ein ganz wesentliches Element zum Grundverständnis der fotografischen Bildgebung. Das fotografische Bild bedeutet Information und kann damit – entgegen der herkömmlich attribuierten, reinen Abbildfunktion – auch „gedacht“ werden. Es bleibt damit nur die Frage, wie ich diese Information materialisieren, das heißt aus dem Realen abstrahieren kann. Für meine künstlerische Praxis ist diese Frage zentral.

BE: Welche Kameraausrüstung hast Du für die Aufnahmen zu Orbis Pictus und Wunderblock verwendet?

GS: Auch die Wahl der Kamera und der Objektive ist immer eine inhaltliche Entscheidung, die je nach Arbeit und Aussage mitkonzipiert wird. Teilweise ergeben sich dadurch spannende Recherchen bis zu dem Punkt, dass ich historische Linsen benutze, um „Bildüberprüfungen“ durchzuführen. Aus diesem Grunde arbeite ich mittlerweile hauptsächlich mit zwei Kameras der Firma Linhof, einer Kardan BI und einer Technika. Dadurch habe ich die größte Flexibilität und kann alle Formate (auch Polaroid), Objektive und „Zusätze“ untereinander tauschen bzw. gemeinsam verwenden. Orbis Pictus wurde im Großformat (4 x 5 Inch = 10,16 cm x 12,7 cm) fotografiert. Bei Wunderblock – Die Dresdner Sammlung habe ich aufgrund der hohen Anzahl an Bildern den 120er Rollfilm, also das Mittelformat (4,5 x 6 cm), gewählt, was wiederum mehr dem dokumentarischen Charakter entspricht.

BE: Fertigst Du die Abzüge selbst an?

GS: Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit demselben Fotolabor und denselben PrinterInnen zusammen, verbringe oft ganze Tage dort und bin bei jedem Abzug dabei. Denn erst in der Dunkelkammer kann ich feststellen, ob eine Fotografie gelungen ist oder nicht.

BE: Dein Werk Wunderblock besteht nun nicht nur aus Fotografien, sondern ist eine komplexe Installation. Wie würdest Du Deine Arbeitsweise allgemeiner charakterisieren?

GS: Wie schon erwähnt bin ich ja kein Fotograf, sondern gelernter Bildhauer, weshalb ich mich gerne als „Sculpteur d’Image“ bezeichne. Das ist ein selbstgewählter Neologismus, der nach meinem Empfinden meine Arbeitsweise sehr schön und paradox umschreibt. Er schließt sowohl meine Praxis als Bildhauer, als auch die fotografische Bildgebung mit ein.

BE: Der Schreibtisch im Werk Wunderblock ist nach dem historischen Schreibtisch des Basler Kunst- und Kulturhistorikers Jacob Burckhardt entstanden. Wie kam es dazu?

GS: Auf den Schreibtisch von Jacob Burckhardt bin ich erstmals vor einem Jahr im neueröffneten Landesmuseum Zürich (Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400-1600) gestoßen. Die Schlichtheit der Form, die Konzentration auf Struktur und Ordnung, sowie das schwarze „Wachstuch“ als Schreibunterlage, das unmittelbar die Assoziation zu Freuds „Notiz über den Wunderblock“ (1925) zu Bewusstsein bringt, haben mich sofort völlig in den Bann gezogen. Eine Skizze in meinem Notizblock zeigt, dass schon damals die Wunderblock-Idee entstanden ist – bis hin zur detaillierten „Neuformulierung“ des Schreibtisches, wie man ihn heute im Studiolo sieht.

BE: Und wie verbindet sich dieser Schreibtisch mit dem fotografischen Aspekt Deiner Arbeit?

GS: Jacob Burckhardt gilt als einer der ersten Kultur- und Kunsthistoriker, der intensiv mit fotografischen Reproduktionen von Kunstwerken gearbeitet und dafür ein Archiv mit tausenden Bildern angelegt hat. Diese Fotografien waren nach Themen und Motiven in hellblauen Mappen zusammengefasst, und diese waren wiederum in den Fächern seines Arbeitstisches eingeordnet. All dies habe ich allerdings erst im Laufe meiner späteren Spurensuche herausgefunden. Primär sehe ich diesen Schreibtisch als perfekte Skulptur; sie ist der vollständig materielle Ausdruck ihrer absoluten Idee/ihres Inhalts: die Ordnung von Wissen, ganz nach dem für Orbis Pictus in der Kunsthalle Krems 2014 gefertigten Haussegen: Form is Method. Dieser „Haussegen“ (einer von dreien) ist in Dresden durch den Wunderblock substituiert.

BE: Den Wunderblock kann man also konzeptuell als Weiterführung von Orbis Pictus verstehen, zugleich hast Du in den Wunderblock Fotografien integriert, die auch zu Deiner Werkreihe Aus der Privatsammlung gehören. Könntest Du diese künstlerischen Bezüge innerhalb Deines Werkes im Hinblick auf die Ausstellung im Studiolo näher erläutern?

GS: Meine Serie Aus der Privatsammlung hier ausführlicher zu erörtern, würde den Rahmen sprengen, darum sei nur ganz kurz gesagt, daß ich diese Serie, die Meisterwerke unseres Kunstkanons durch Polaroid-Fotografien in meinem privaten Umfeld aufspürt und verortet, seit 1996 verfolge und mittlerweile über 210 Bilder umfaßt. Es tauchen darin Klassiker wie Der Spargel von Eduard Manet ebenso auf, wie die Bellotto/Canaletto-Ansichten von Dresden, die sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden befinden, aber ebensogut in beinahe jedem Touristenfotoalbum. Es hat sich damit konzeptionell beinahe aufgedrängt, diese beiden Serien über das Sammeln zu verknüpfen. Aber der Wunderblock steckt grundsätzlich voller Bezüge zu anderen Werkreihen von mir. So ist auf einer Karteikarte etwa eine der Vexiervasen von Vexations abgebildet, das Laborgefäß des Mad Scientist aus der Serie My Life as Monsieur Surrealist. Auf einer anderen Karte sieht man den Fez, den ich bei meinen Konzertauftritten mit der Band Bronco Jedson & Mi???tyria als Bühnenkleidung trage!

BE: Weshalb ist Dir dieser Verweisungsreichtum so wichtig?

GS: Diese „Interreferenzialität“ ist zum Teil natürlich dem Aufsatz Sigmund Freuds geschuldet, der die unterschiedlichen Funktionen unseres Gedächtnisses anhand des Wunderblocks (heute sagt man meist Zaubertafel dazu) erläutert. Freud spricht über eine mit Wachs und Wachspapier unterlegte Zelluloidplatte, die man mit einem Stift durch Druck beschreiben, deren Beschriftung man jedoch immer wieder löschen kann. Allerdings bleiben alle Schriftspuren in der darunterliegenden Wachsschicht erhalten. Freud sah darin ein Modell des Kurz- und des Langzeitgedächtnisses. Der Verweisungsreichtum ist aber darüber hinaus für die Gesamtkonzeption meiner Wunderblock-Arbeit zentral. In Orbis Pictus habe ich unsere Vorstellungen von Wissen/Gewißheit/Weltanschauung kritisch hinterfragt. Im Wunderblock stelle ich meine Sammlung – stellvertretend für das Abbilden und Aufführen unseres Kulturbegriffs im Museum – in Form eines Archivs zur Disposition und verdeutliche dies, indem ich mir die Inventarnummern der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) aneigne.

Gregor Schmoll (links) mit Kurator Björn Egging in der Ausstellung "Wunderblock"

BE: Wie dürfen wir diese Aneignung verstehen? Wie siehst Du die Verbindung zwischen Deiner Sammlung und jener der SKD?

GS: Die SKD sind aus einer der ältesten Kunst- und Wunderkammern der Welt hervorgegangen. Mir geht es um die Frage, wie Kultur entsteht und sich behauptet – und welche Rolle Museum und Archiv dabei spielen. Das beinhaltet auch Fragen wie „Wodurch konstituiert sich ein Kanon?“ oder „Was ist kulturelle Hegemonie?“ Dass hierbei auch meine eigenen Arbeiten hinterfragt werden müssen, ist – da ich Teil des vorherrschenden Systems bin – unvermeidbar und notwendig.

Veröffentlicht unter SKD Ausgestellt!, Vorgestellt! | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Volkskunst. Die Lizenz zum Selbermachen.

Volkskunst darf jeder. Alleine oder zusammen, talentiert oder fleißig; Es gibt eigentlich keinen Grund, es nicht zu versuchen.

Deshalb bietet die Ausstellung “Made by me in Saxony. Volkskunst jetzt!” eine Werkstatt für alle, einen „MakerSpace“, eine Bastelstube, kurz einen Freiraum der Kreativität und dazu ein vielfältiges Programm von Kursen.

Workshops*

26.6. – 2.7.
10 – 17 Uhr
Trickfilm  Workshop mit Martina Großer (Puppengestalterin und Szenenbildnerin) und Rolf Hofmann (Regisseur und Kameramann)/ HYLAS – TRICKFILM DRESDEN

alle Infos zum Workshop und zur Anmeldung gibt’s hier.

 

15. und 16.7.
10 – 17 Uhr
Hinterglasmalerei mit Frank Ole Haake
keine Anmeldung nötig, von 9 bis 99 Jahren

Hinterglasmalerei, eine alte, in vielen Ländern beheimatete volkstümliche Maltechnik, kann in diesem Workshop erlebt und ausprobiert werden.  Das Besondere dabei ist der besondere Blick, den man lernen darf, seitenverkehrt und von vorn nach hinten malen …
Alles bietet große Experimentier- und Entdeckerfreude. Ob abstrakt oder figürlich, alles ist möglich. Um es nicht zu schwierig zu gestalten, werden die Bilder mit schnelltrocknenden Acrylfarben gemalt. Und der Künstler garantiert Erfolg, gegen Unwilligkeit ist allerdings kein Kraut gewachsen!
Als Malgründe stehen Glasscheiben im Rahmen ab 10 x 15 cm bis 30 x 40 cm zu Verfügung, ebenso Material und Werkzeug. Mitzubringen? Lust am Entdecken und Ausprobieren.

Kosten: abhängig von Dauer und Bildgröße – ab 7,00 Euro
Dauer: ab 45 Minuten für einen Rahmen
Jeder, der mit einem Pinsel umgehen kann, ist willkommen. Auch für kleinere Kinder bietet die Hinterglasmalerei gute Erfahrungsmöglichkeiten.

Bitte anmelden – zur besseren Planung – keine Bedingung, auch spontane Teilnahme ist möglich.
Weitere Informationen über Frank-Ole Haake, 0351/4061455 oder 0176/64144533, www.ole-bildermensch.de

Das Angebot ist an beiden Tagen unabhängig voneinander nutzbar, es baut nicht aufeinander auf – Schnupperkurs!

 

18. – 21.7.
12-17 Uhr
Viertägiger Urban Art-Workshop im Museum für Sächsische Volkskunst in Kooperation mit SPIKE
ab 14 Jahren



Wolltet ihr schon immer mal Graffiti schreiben lernen, Sticker-Art ausprobieren oder eigene Characters entwerfen? Während des viertägigen Urban Art-Workshops im Museum für Sächsische Volkskunst könnt ihr in die Welt der urbanen Kunst eintauchen. Hier lernt ihr mit Spraydose, Lackstiften und anderen kreativen „Werkzeugen“ eigene Styles, Comics und Characters zu entwerfen und umzusetzen. Begonnen wird mit einfachen Zeichenübungen, die in Skizzen zu ersten kreative Ideen weiterentwickelt werden. Hilfestellungen bei der Umsetzung erhaltet ihr von erfahrenen Graffiti- und Street Artists vom Dresdner Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE. Ob als Einzelkünstler oder als Gruppenarbeit, das Ziel ist die Gestaltung des Urban Art Würfels im Hofe des Museums.
Der Workshop findet überwiegend draußen statt und baut aufeinander auf; die Teilnahme an allen Tagen ist daher wünschenswert! Materialkosten: 35 €


1.8.
10 – 13 Uhr
Stabfigurenbau** mit Karla Wintermann

 

 

5.8. und 6.8.

16 – 20 Uhr und 11 – 18 Uhr

Cyanotypie­ Workshop in Kooperation mit dem Konglomerat e.V.



19. und 20.8.

14 – 17 Uhr

Pappmaché Vögel bauen mit Constanze Riedel Sturge

23. und 24.9.
10 – 17 Uhr
Drahtflechten mit Dana Preißler

30.9. und 1.10.
12 – 17 Uhr
Lötworkshop mit Alwin Weber

14.10.
10 – 17 Uhr
Korbflechten mit Günter Wittwer

21. und 22.10.
10 – 17 Uhr
Scherenschnitt mit Elke Anders

4. und 5.11.
Strohstern Herstellung mit Rita Schubert

* Anmeldung über den Besucherservice

** Anmeldung unter Tel. +49(0)351 – 49 14 37

Regelmäßige Angebote

dienstags
15 – 18 Uhr
Schnitzen (außer am 3.10. und 31.10.)

mittwochs
16 – 19 Uhr
Schnitzen

donnerstags (August bis November)
15 – 18 Uhr
Amigurumi – Kuscheltiere häkeln

Made by me in Saxony
VOLKSKUNST JETZT!

17. Juni bis 5. November 2017

Eine Ausstellung des Museums für Sächsische Volkskunst

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, SKD Ausgestellt!, SKD Entdeckt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar