Szene 1 – Blümelstube

24. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“. Wir nehmen Euch mit auf eine Reise durch die Sage der Lore, die Ausstellung ist in einzelne Szenen der Geschichte gegliedert und erzählt so fortlaufend von den Erlebnissen der Lore (Das Märchen ist hier nachzulesen). Jeder Szenenbereich wurde eigens für die Ausstellung von Hermann August Weizenegger designt, teilweise wirkte er zusammen mit verschiedenen regional und überregional ansässigen Manufakturen an der Umsetzung mit. Einzelne Manufakturen und ihre Arbeiten stellen wir euch sukzessiv hier vor.  Wir beginnen mit der ersten Szene – Der Blümelstube:

Die Gestaltung erinnert an eine rustikale Bauernstube und nimmt somit Bezug auf das Heim von Lore und ihrer Großmutter. An diesem Ort entwirft Lore ihre sonderbare Blume, daher sind im Hintergrund, an der Wand, verschiedene Blümelmaterialien zu erkennen, auf dem Tisch findet man einzelne Werkzeuge, die man für die Herstellung von Kunstblumen benötigt.

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die erste Szene „Blümelstube“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die erste Szene „Blümelstube“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Die Leuchte namens „Große Lore“ sowie die drei Kunstblumen wurden in Zusammenarbeit der beiden Manufakturen „Deutsche Kunstblume Sebnitz“ und „PTZ- Prototypenzentrum GmbH“ produziert.

Die Blütenblätter wurden von der Manufaktur „Deutsche Kunstblume Sebnitz“ gefertigt. Sie zählt zu den wenigen Manufakturen weltweit, in denen noch heute hochwertige künstliche Blumen in traditioneller Handarbeit hergestellt werden. Bereits seit über 180 Jahren ist dieses Handwerk in Sebnitz an der böhmischen Grenze zu Hause. Die faszinierende Tradition der Sebnitzer Seidenblumenherstellung mit ihren aufwändig gefertigten Kunstwerken ist bundesweit und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Täuschend echte Blüten und Blätter werden für Theater und Film, für Modeschöpfer und Events, für Privatpersonen und Firmen nach individuellen Vorstellungen hergestellt.

Die  Herstellung einer Kunstblume beginnt mit dem Einfärben. Besondere Sorgfalt erfordern die Eigenheiten der Farben und Stoffe. Die Farbe muss genau getroffen werden und aus den vorrätigen Grundfarbstoffen zu mischen sein. Dann werden die Schattierungen und Maserungen von Hand aufgebracht.

Nachdem die Blüten mittels Stanzeisen aus dem Stoff gestanzt wurden, erhalten sie durch heiße Prägeeisen ihre natürliche Optik. Danach kommt es zur eigentlichen Binderei, dem Blümeln, indem alle vorgefertigten Einzelteile zu Blumen zusammengebunden werden.

Das Innenleben und die Fassung der Blume wurden von der PTZ-Prototypenzentrum GmbH in einem aufwändigen 3D-Druckverfahren hergestellt.

In der 1996 gegründeten Manufaktur fertigen 17 Mitarbeiter mit modernsten Technologien Erstmodelle, Werkzeuge und Kleinserien, die auch ohne Gussformen aus Metall gefertigt und so in praktischen Testverfahren angewendet werden können. Dieses Verfahren wird hauptsächlich in der Automobilindustrie und Gerätetechnik sowie im  Anlagen- und Maschinenbau angewendet.

Die Basis eines jeden 3D-Druckverfahrens stellen die 3D-Daten dar. Diese werden an leistungsfähigen Rechnern in die benötigten Datenformate gewandelt, kontrolliert und entsprechend den Anforderungen des gewünschten Verfahrens angepasst. Nur aus gut aufbereiteten Daten lassen sich gute Teile drucken.

Bei dem 3-D Druck selbst schmilzt ein Laser einzelne Schichten des Bauteils nacheinander in ein Kunsttoffpulverbett. Die Basis bilden die vorbereiteten 3D-Daten. Das Kunststoffteil baut sich so Schicht für Schicht zur gewünschten Form auf. Anschließend werden die Teile aus dem Pulver entnommen und restliche Anhaftungen entfernt.

Ausstellungsansicht die Leuchte„Die Große Lore“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht die Leuchte„Die Große Lore“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Den Tisch „Stollberg“ und das Tellerregal „Annaberg“ sowie die beiden verschiedenfarbig gefassten Stühle „Erz“ (der dritte Stuhl dieser Serie befindet sich im Depot), stammen aus der Manufaktur „Heinz Möbelbau in Handarbeit“.

Am Rand von Dresden gelegen, fertigt das Unternehmen Heinz Möbelbau in Handarbeit Unikate nach Kundenwunsch. Verschiedene Möbelarten und -stile werden hier verwirklicht. Sitzmöbel wie Stühle und Sessel werden nach bestehenden Modellen in Kleinserien oder als Einzelstücke hergestellt. Das Unternehmen produziert außerdem Möbel und Polstergestelle als Dienstleister für Tischler, Raumausstatter, Designer und Architekten.

Meist dient eine Schablone als Grundlage für die Vervielfältigung der Einzelteile. Für den Sitz wird diese zunächst ausgesägt und dann auf speziellen Fräslehren zur endgültigen Form weiterbearbeitet.

Für den Stuhl „Erz“ und das Tellerregal „Annaberg“ waren außerdem noch detailreiche Schnitzereien notwendig, die in mühevoller Kleinarbeit mit unterschiedlichstem Werkzeug filigran in das Holz eingearbeitet wurden. Zum Schluss wurde den einzelnen Werken noch der passende Anstrich verpasst.

Holzschnitzerei für Stuhl „Erz“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Heinz Möbelbau, André Österreicher, + Oberhermsdorf, 2015, Foto und © Hermann August Weizenegger

Holzschnitzerei für Stuhl „Erz“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Heinz Möbelbau, André Österreicher, Oberhermsdorf, 2015, Foto und © Hermann August Weizenegger

Ausstellungsansicht 3 Teller „Loremuster“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015, Tellerregal „Annaberg“ Ausführung/Manufaktur: Heinz Möbelbau in Handarbeit, André Östreicher, Oberhermsdorf, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht 3 Teller „Loremuster“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015, Tellerregal „Annaberg“ Ausführung/Manufaktur: Heinz Möbelbau in Handarbeit, André Östreicher, Oberhermsdorf, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Weitere mitwirkende Manufakturen in dieser Szene waren unter anderem Jende Posamenten Manufaktur, Meissen Couture ®, Rohleder Möbelstoffweberei GmbH und Gotthard-Glas, diese werden wir in einem der kommenden Beiträge vorstellen.

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

 

Zeitnah bieten wir folgendes Begleitprogramm in der Ausstellung an:

Öffentlicher Rundgang:
22.08., 11 Uhr, 3€ Führungsbeitrag

Öffentliches Ferienangebot:
30.07., 10.30 bis 12 Uhr – Materialkosten 3 € pro Kind

Revolutionäres Konzept

23. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 16. August in der Kunsthalle im Lipsiusbau zu sehen.

In dem Themenbereich „Konzept“ stehen sich zwei Kleiderschränke aus den Hellerauer Werkstätten einander gegenüber. Sie sehen sich zum beinah Verwechseln ähnlich und verraten jedoch durch einen Unterschied – die verwendete Holzart – anschaulich das dahinterstehende Produktionskonzept.

Der Entwurf von Richard Riemerschmid bietet eine minimal individuelle Entscheidung zwischen Lärche und Eiche  © SKD,  Foto: Amac Garbe

Der Entwurf von Richard Riemerschmid bietet eine minimal individuelle Entscheidung zwischen Lärche und Eiche © SKD, Foto: Amac Garbe

Beide Schränke stammen aus der Serie „Das Dresdner Hausgerät“ der Deutschen Werkstätten Hellerau. Sie sind damit Teil des ersten sogenannten Maschinenmöbelprogrammes, das 1906 von den Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst auf der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Das Wohnkonzept war auf die industrielle Massenfertigung hochwertig gestalteter Möbel ausgelegt. Die dadurch bedingte Ornamentlosigkeit erforderte ein besonderes Geschick des Entwerfers: Klare Linien und ausgewogene Proportionen, die natürliche Maserung des Holzes, die stark prononcierte Rahmen-Füllungs-Konstruktion der Türen und Seitenwände sowie die funktionell als Ornamentersatz umfunktionierten Beschläge bestimmten nun die Erscheinung. Die Konsumenten konnten, je nach Geschmack und finanziellen Möglichkeiten, verschiedene Variationen auswählen und individuell zusammenstellen. So hatte zum Beispiel die Wahl der Holzart unterschiedliche Preise für das „gleiche“ Produkt zur Folge. Auf diese Weise war das Sortiment der Hellerauer Werkstätten für breite Bevölkerungsschichten zugänglich. Mit den zerlegbaren, flach verpackbaren und damit einfach zu transportierenden Möbeln nahmen die Hellerauer Werkstätten ein Jahre später in der Möbelherstellung gängiges Konzept vorweg. Sie haben mit der Entwicklung des Industriemöbels vor dem Bauhaus das Design revolutioniert. Sie stellen daher ein wichtiges Stück der Geschichte des europäischen Möbeldesigns dar.

Die falsche Blume – Die Sage der Lore

17. Juli 2015

Seit dem 27. Juni zeigt unser Kunstgewerbemuseum die Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“ im Wasserpalais, im Schloss Pillnitz. Begleitend zur Ausstellung findet Ihr hier die neue Blogserie zu dieser sommerlichen Schau.

Blume „Lore“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Blume „Lore“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Der bekannte Berliner Produktgestalter Hermann August Weizenegger schrieb anlässlich der Ausstellung die Sage der Lore, einer Blumenmacherin, die in der Nähe von Sebnitz gelebt haben soll, nieder. Wie so oft in den Arbeiten Hermann August Weizeneggers bleibt unklar, was an dem Märchen der Lore echt ist und was von ihm gefälscht wurde. Doch macht euch selbst ein Bild:

Es war schon Ende Mai des Jahres 1880 in der Gegend von Altendorf nahe Sebnitz in der Sächsischen Schweiz – doch der Winter wollte und wollte kein Ende nehmen. Dicke Eisschichten bedeckten das Land und fast jede Nacht schneite es erneut. Die Menschen waren verzweifelt und man munkelte bereits von einer neuen Eiszeit. Selbst das traditionelle Austreiben des Winters an Fastnacht hatte keine Veränderung gebracht. Die ärmliche Landbevölkerung litt Hunger, die Bauern konnten nicht säen und die Wintervorräte waren fast aufgebraucht. Die einzige Arbeit, die noch Einkommen brachte, war das „Blümeln”. Die Bauern saßen zu Hause in ihren Stuben und banden Kunstblumen, welche sie für den Blumenfabrikanten Louis Meiche aus der Stadt Sebnitz anfertigten. Das Geschäft mit den Kunstblumen gedieh zu dieser Zeit prächtig, da die Leute aus der Sebnitzer Gegend sich als sehr geschickt in dem Handwerk erwiesen und ihre Blumen in die ganze Welt exportiert wurden.

Unter den Blumenheimarbeitern war auch das zarte und hübsche Mädchen Lore Albrecht. Sie hatte ihr Handwerk bereits im Alter von acht Jahren erlernt. Ihre Eltern waren früh gestorben und sie lebte nun bei ihrer Großmutter auf einem kleinen Hof, der kaum das Nötigste zum Leben abwarf. Trotz ihres Alters von mittlerweile 21 Jahren war sie noch ungebunden. Von jeher war sie störrisch und dickköpfig gewesen. So kam es ihr eines Tages in den Sinn, nicht nur Blüten nach dem Vorbild der Natur zu fertigen. Angeregt vom Weiß der Schneeglöckchen – ihrer Lieblingsblumen, da sie den Frühling einläuten – ließ sie sich zu den fantastischsten und außergewöhnlichsten Blütenformen hinreißen.

Als die Großmutter die ungewöhnlichen Erzeugnisse von Lores Phantasie entdeckte, redete sie streng auf sie ein: Louis Meiche werde ihr solch merkwürdige Blüten niemals abkaufen, sie seien gegen die Natur. Ihr aller Überleben sei von dem Verdienst abhängig, deswegen solle sie die gleichen Blumen wie immer fertigen, wie es auch alle anderen täten. Lore aber zeigte keine Einsicht. Bei der Auseinandersetzung mit der Großmutter stach sie sich unachtsam mit der Nähnadel in den Finger und das Blut tropfte auf den Rand ihrer weißen Kunstblüten. Nach dem ersten Schreck fand sie Gefallen an der Verfärbung und schließlich versah sie auch alle anderen Blumen mit ihrem Blut.

Trotz schwerer Schneestürme machte sie sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Sebnitz. Tief gebeugt zog sie ihren mit Kunstblumen beladenen Schlitten durch den Pulverschnee. Nach einigen Stunden mühseligen Wanderns sah sie endlich aus der Entfernung die Umrisse der Manufaktur. Sie hatte sich als einzige des gesamten Umlandes bei diesem stürmischen Wetter auf den Weg gemacht und wurde sofort zu Louis Meiche – von seinen Angestellten heimlich gerne „Geldsack“ genannt – vorgelassen. Als der Geschäftsmann die mit Blut verzierten Kunstblüten des Mädchens sah, war er entsetzt. Solch eine Blume kannte er nicht, sie hatte weder Ursprung noch Namen. Er weigerte sich, die Kreationen anzunehmen und schickte das Mädchen wieder nach Hause.

Dekorbild „Die falsche Blume“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Dekorbild „Die falsche Blume“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Lore war verzweifelt und bereute nun ihre Dickköpfigkeit. Da der Sturm etwas nachgelassen hatte, beschloss sie, eine Abkürzung über den zugefrorenen Sebnitzer Fluss zu nehmen. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als sie die Eisfläche betrat. Eigentlich hätte sie Brot von ihren Einnahmen kaufen sollen und nun stand sie mit leeren Händen da. Wie sollte sie sich und ihre Großmutter in den nächsten Tagen ernähren? Als sie schon fast das andere Ufer erreicht hatte, krachte und knackte es plötzlich im Eis, auf dem sie lief. Lore brach ein und sank bis zum Oberkörper ins Eiswasser. Sie strampelte und versuchte vergeblich, sich zurück aufs Eis zu ziehen, als ihr plötzlich der Flussteufel in den Sinn kam. Von jeher war sie ermahnt worden, nicht auf dem gefrorenen Fluss zu laufen, um den Teufel nicht zu stören. Nun rief sie in ihrer Verzweiflung laut nach ihm. In seinem Winterschlaf unterbrochen, erboste sich der Flussteufel zunächst über das schreiende und um sein Leben kämpfende Mädchen, zeigte aber schließlich doch Mitleid und gab sie mit einem Schub frei.

Zitternd und frierend schleppte Lore sich mit ihrem Schlitten den langen Weg nach Hause, wo sie in der Stube zusammenbrach. In den Armen der Großmutter erzählte das Mädchen mit hohem Fieber, was sie erlebt hatte und starb noch in derselben Nacht.

Wie es der Brauch bei verstorbenen Jungfrauen erforderte, fertigte die Großmutter einen Totenkranz. Aus der Not heraus und weil sie nichts anderes hatte, band sie das Gesteck aus Lores Phantasieblumen. Bei der Beerdigung Anfang Juni lag noch immer hoher Schnee.

Als der Sarg bei der Prozession zur Kapelle getragen wurde, fegte plötzlich ein Windstoß den Totenkranz vom Sarg. Er wirbelte durch die Luft, bis er seitlich des Weges im Schnee zu liegen kam.

Dann passierte etwas Erstaunliches. Vom Kranz aus Lores Phantasieblumen schien sich eine seltsame Wärme auszubreiten. Rings um ihn herum begann der Schnee zu schmelzen. Mehr und mehr zog sich das Eis zurück und verschwand. Schon bald kam der hartgefrorene Erdboden zum Vorschein. Die Menschen blickten sich mit offenen Mündern an, sie konnten es nicht fassen. Mehr und mehr wich der Schnee um den Leichenzug herum zurück und schon wenige Tage später war der Frühling in die gesamte Gegend eingezogen. Die Menschen konnten aufatmen, der Winter war endlich vorbei.

Lores Kranz aber bekam einen Ehrenplatz im Glaskasten der Kapelle von Lichtenhain. Vermutlich war es der Pastor, der sich nach einiger Zeit getraut hatte, ihn aufzuheben und, wie es von jeher die Tradition war, in die Vitrine zu legen. Den Menschen der Gegend blieb das Ereignis für lange Zeit in fester Erinnerung. In lang anhaltenden Wintern versammelten sie sich in der Kapelle vor dem Totenkranz. Sie schlossen das Mädchen in ihre Fürbitten ein und betrachteten dabei das seltsame Gesteck aus diesen falschen Blumen.

Anlässlich der Ausstellung hat sich Hermann August Weizenegger mit dem sogenannten „Blümeln“, der handwerklichen Kunstblumenherstellung, auseinandergesetzt und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kunstblume Sebnitz zwei zeitgemäße Blütenvarianten entwickelt.  Mit den beiden Blumen als Leitmotiv inszeniert er nun in zahlreichen Szenenbildern die Sage der Lore. Hierzu erfahrt Ihr in den kommenden Wochen noch mehr.

Blume „Sebnitzer Flussteufel“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Blume „Sebnitzer Flussteufel“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

 

Mitarbeit von Nachwuchskräften gefragt – Studenten aus Amsterdam und Dresden beschäftigen sich mit Aspekten des Damaskuszimmers. | Young academics at work: students from Amsterdam and Dresden turn their focus to the Damascus Room | الأكاديميون الشباب في العمل: حولت طالبتان من أمستردام ودرسدن اهتمامهما تجاه الغرفة الدمشقية

15. Juli 2015


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Dieser Beitrag setzt unsere Blog-Reihe zu den Restaurierungsarbeiten des Dresdner Damaskuszimmers fort

Postgraduierten-Forschungsprojekt der Restauratorin Jessica Hensel, Universität Amsterdam

Von Februar bis Mai 2015 erforscht und restauriert Jessica Hensel den äußeren Deckenrahmen des Damaskuszimmers. Diese Deckenbretter sind mit einem faszinierenden Pigment bemalt, das aufgrund seiner leuchtend goldgelben Farbe jahrhundertelang hoch geschätzt war. Heute ist das Auripigment in Vergessenheit geraten, da es wegen seiner Giftigkeit seit dem 19. Jahrhundert kaum noch verwendet wurde. Die glitzernden Kristalle erzeugen jedoch unvergleichliche Effekte in den Malereien und sind in vielen Details und Ornamenten des Damaskuszimmers bildbestimmend. Die konservatorische Bearbeitung war auf Grund der kristallinen Struktur und der empfindlichen Bindemittel anspruchsvoll. Dicke Leim- und Firnisschichten, die im Zuge von Renovierungen im 19. Jahrhundert aufgestrichen wurden, gefährdeten das Original und mussten abgenommen werden. Die Leuchtkraft der gelben Farbe kann nun wieder bewundert werden. Andere Materialien hingegen, wie Blattkupfer oder Zinnfolie, sind stellenweise korrodiert und haben dadurch ihren metallischen Glanz verloren. Die ursprünglich azurblauen Malereien, die aus blauem Glaspulver (Smalte) bestehen, sind grau geworden. Zur Veranschaulichung der originalen Gestaltungsintention wird eine maltechnische Rekonstruktion dieses Deckenbrettdekors angefertigt. Maltechnische Forschung und restauratorische Arbeit gehen hier Hand in Hand.

Jessica Hensel nimmt verbräunte Leim- und Firnisüberzüge von leuchtend gelben Auripigmentmalschichten ab. © Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Fotos: Anke Scharrahs, 2015

Jessica Hensel nimmt verbräunte Leim- und Firnisüberzüge von leuchtend gelben Auripigmentmalschichten ab. © Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Fotos: Anke Scharrahs, 2015

Jessica Hensel nimmt verbräunte Leim- und Firnisüberzüge von leuchtend gelben Auripigmentmalschichten ab.

© Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015

Maltechnische Kopie eines Paneels mit vergoldeter arabischer Kalligrafie aus dem Damaskuszimmer

Sina Krol, Restaurierungsstudentin im 4. Studienjahr an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, hat sich im Februar/März 2015 mit spannenden Detailfragen zum Herstellungsprozess des Damaskuszimmers beschäftigt. Sie hat unter anderem erforscht, wie die homogenen blauen Farbflächen erzeugt wurden, mit denen die goldenen Buchstaben eingefasst sind. Die Farbschicht besteht bekannterweise aus gemahlenem blauen Glas (Smalte), doch wie haben die Künstler daraus eine Farbe gemacht, mit der man so gleichmäßig malen konnte? Um diese Frage zu beantworten, wurden maltechnische Versuche durchgeführt und unterschiedliche Bindemittelmischungen aus Eiklar, Stärke, Gummi arabicum und Hautleim getestet. Mit der Mischung von Hautleim und Eiweiß konnten ähnliche Farbschichten erzeugt werden wie im Original. Eine weitere spannende Frage betraf die Zusammensetzung der farbigen Lacküberzüge, mit denen die mit Zinnfolie belegten Reliefornamente verziert sind. Die aus Naturmaterialien hergestellten Lacke mussten farbintensiv sein, um die ursprüngliche Farbbrillanz zu erzeugen, und vor allem rasch trocknen, um einen gleichmäßigen Lacküberzug zu erzeugen. Diese und andere knifflige maltechnische Fragestellungen konnten durch das Studentenprojekt beantwortet werden.

Sina Krol während der maltechnischen Kopie eines Inschriftenpanels des Dresdner Damaskuszimmers, © Hochschule für Bildende Künste Dresden, Foto: Sina Krol, 2015

Sina Krol während der maltechnischen Kopie eines Inschriftenpanels des Dresdner Damaskuszimmers, © Hochschule für Bildende Künste Dresden, Foto: Sina Krol, 2015

Sina Krol während der maltechnischen Kopie eines Inschriftenpanels des Dresdner Damaskuszimmers

© Hochschule für Bildende Künste Dresden, Foto: Sina Krol, 2015

Schrifttafel aus dem Damaskuszimmer, die ursprüngliche Leuchtkraft der Farben ist durch die Alterung der verwendeten Farben und die Korrosion der Metallauflagen aus Kupfer und Zinn nicht mehr sichtbar. © Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Fotos: Anke Scharrahs, 2015

Die maltechnische Kopie dient deshalb zur Veranschaulichung der ursprünglichen Erscheinungsbildes und zeigt in der rechten Hälfte die einzelnen Schritte des Herstellungsprozesses. © Hochschule für Bildende Künste Dresden, Foto: Sina Krol, 2015

Schrifttafel aus dem Damaskuszimmer, die ursprüngliche Leuchtkraft der Farben ist durch die Alterung der verwendeten Farben und die Korrosion der Metallauflagen aus Kupfer und Zinn nicht mehr sichtbar. Die maltechnische Kopie dient deshalb zur Veranschaulichung der ursprünglichen Erscheinungsbildes und zeigt in der rechten Hälfte die einzelnen Schritte des Herstellungsprozesses.

(oben) © Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015 (unten) © Hochschule für Bildende Künste Dresden, Foto: Sina Krol, 2015

Hier besteht die Möglichkeit, den Fortgang der Restaurierungsarbeiten kontinuierlich zu verfolgen. Das Museum bietet spezielle Führungen mit Rundgängen durch die „Schauwerkstatt“ der Restauratoren an. Die nächste Führung findet am 27.08.2015 um 15:00 Uhr statt. Anmeldung beim Besucherservice erforderlich; maximale Teilnehmeranzahl: 15 Personen. Für mehr Informationen zu den Führungen bitte hier klicken.

Autorin: Dr. Anke Scharrahs, freie Restauratorin

Scheinbar unendlich

09. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau wurde bis zum 16. August verlängert!

Der Bereich „Unendlich“ der Ausstellung „Die Teile des Ganzen“ präsentiert, fliesenartig angeordnet, unterschiedlichste japanische Druckpapiere. Wie viele dieser japanischen Papiere es in verschiedenen Sammlungen gibt, ist nicht bekannt. Ursprünglich ein Verbrauchsgut, welches in wenigen Werkstätten heute noch hergestellt wird, wurden diese Papiere Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa begeistert gesammelt. Diese Begeisterung kann man umso besser nachvollziehen, sobald man den Ausstellungsbereich betritt. Die Muster scheinen in unzählbar vielen Variationen zu existieren, man entdeckt immer wieder originelle Details und wird ständig aufs Neue überrascht.

Themenbereich „Unendlich“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Themenbereich „Unendlich“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Papier als Material wurde aus Korea nach Japan eingeführt, die Papierdrucktechnik Karakami (Druck mit Holzstempeln) hingegen aus China. Bis ins 12. Jahrhundert hinein erlebte sie eine Blüte, verschwand anschließend fast völlig, um in der Edo-Zeit (1603 –1868) vor allem für Zwischenwände, Paravents, Schiebetüren, Schachteln und Kleinmobiliar eine Wiedergeburt zu erleben. 1872 erreichte ein Gesuch der sächsischen Papierindustrie das Ministerium des Innern mit der Bitte um Erwerb von Papierproben in Japan, da eigene Initiativen fehlgeschlagen waren.  546 Musterpapiere unterschiedlicher Papierdrucktechniken kamen ein halbes Jahr später in Dresden an. Diese sowie ein ausführlicher Bericht zur Papierherstellung und ein Verzeichnis über 220 verschiedener Papiersorten wurden der Direktion der Technischen Deputation übergeben. 1875 wurden die 546 Papiere dem Museum übereignet. Laut Inventar besitzt das Kunstgewerbemuseum fast 900 Stück, beachtliche Anzahl. Bei genauer Betrachtung begeistern die beinahe unendlichen Musterkombinationen, aber es wird auch deutlich, dass nicht alles aus Japan reduziert und abstrakt ist. Vieles ist üppig oder einfach nur „herzig“. Die Identifizierung dieses Konvolutes aus dem Gesamtbestand, der Abgleich mit der Liste der Papierarten sowie die Zuordnung der einzelnen Inventarnummern wird ein spannendes Puzzle für die Mitarbeiter des Kunstgewerbemuseums nach dieser Ausstellung.

Ausstellungsansicht der japanischen Druckpapiere © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht der japanischen Druckpapiere © SKD, Foto: Amac Garbe

Markierungen – Verborgene Geschichtenerzähler | Marks – Hidden storytellers and their tales | الغرفة الدمشقية: إيقاظ الكنز النائم

29. Juni 2015


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Mit diesem Beitrag setzen wir unsere Blog-Reihe zu den Restaurierungsarbeiten des Dresdner Damaskuszimmers fort

Auf Vorder- und Rückseiten der Vertäfelungsteile kann man verschiedene Systeme von Nummerierungen erkennen. Einige Nummern stammen vom Herstellungsprozess des Zimmers, andere wurden aufgeklebt oder darauf geschrieben, als man das Zimmer für den Verkauf nach Deutschland präparierte. Eine weitere Nummer erhielten die Holzteile, als sie als Schenkung an das Dresdener Völkerkundemuseum gelangten.

Indisch-arabische Ziffern geben die Reihenfolge der Inschriftenpaneele an; hier stehen die drei Striche (indisch-arabisch ١ entspricht der Ziffer 1) und der Kreis (indisch-arabisch ٥ entspricht der Ziffer 5) für die Tafel 8. Diese Nummerierung diente als Orientierung für den Kalligrafen. So konnte er die Verse in der richtigen Reihenfolge auf die zehn Inschriftenpaneele schreiben.

© Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015

Zwei Pfeile mit der darunter geschriebenen indisch-arabischen Ziffer ٧ (7), diese Markierungen wurden in Vorbereitung der Demontage für den Verkauf nach Deutschland vorgenommen.

© Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015

Aufkleber mit Pfeil und Ziffern ٢٧/ 27, nach der Demontage
auf der Rückseite der Teile angebracht.

© Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015

Markierungen mit lateinischen Buchstaben sowie römischen und arabischen Ziffern als Grundlage für den Zusammenbau des Zimmers in Deutschland. Der Buchstabe D bedeutet Decke, das E steht für Eingang. Die Markierungen werden während der Restaurierungsarbeit kartiert und liefern wichtige Hinweise für den Zusammenbau des Zimmers nach Abschluss der Restaurierung.

© Museum für Völkerkunde Dresden, SKD, Foto: Anke Scharrahs, 2015

Hier besteht die Möglichkeit, den Fortgang der Restaurierungsarbeiten kontinuierlich zu verfolgen. Das Museum bietet spezielle Führungen mit Rundgängen durch die „Schauwerkstatt“ der Restauratoren an. Die nächste Führung findet am 27.08.2015 um 15:00 Uhr statt. Anmeldung beim Besucherservice erforderlich; maximale Teilnehmeranzahl: 15 Personen. Für mehr Informationen zu den Führungen bitte hier klicken.

Autorin: Dr. Anke Scharrahs, freie Restauratorin

Teil II: Münzen und Medaillen – eine Welt en miniature

17. Juni 2015

Anlässlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Münzkabinetts sprachen wir mit dem Direktor Dr. Rainer Grund.
Hier
der erste Teil des Gesprächs zum Nachlesen.

Diesen Ausblick auf die Schloßstraße genießt Herr Grund aus seinem Büro © SKD

Diesen Ausblick auf die Schloßstraße genießt Herr Grund aus seinem Büro © SKD

Welche Voraussetzungen muss ein Objekt erfüllen, damit es für Ihr Museum infrage kommt?
Im Allgemeinen kann man drei Kriterien für die Bewertung eines Objektes nennen: Die künstlerische Qualität, der Wert – der sich aus dem materiellen Wert und dem kulturgeschichtlichen Wert zusammensetzt – und die Seltenheit. Um Ankäufe zu tätigen, bedarf es natürlich auch der hierfür benötigten finanziellen Mittel, diese schränken dann die Wahl in bestimmtem Maße ein. Wir besitzen keine abgeschlossene Sammlung, da sich die numismatischen Gegenstände immer weiterentwickeln. Wir versuchen, durch Schenkungen unsere Sammlung zu erweitern. Allerdings ist es auch hier so, dass wir aus Kapazitätsgründen nicht alles aufnehmen können, denn um die Sammlungsvielfalt weiterhin zu gewährleisten, können wir nicht von einem Objekt mehrere Exemplare annehmen.

Wie sind Sie zu dieser Ausstellungskonzeption gelangt? Bei rund 300.000 Objekten ist es sicherlich ein langwieriger und schwieriger Prozess, sich zwangsläufig auf einen Bruchteil der Objekte der Sammlung beschränken zu müssen.
Die Dauerausstellung wurde nicht von einem Nullpunkt aus konzipiert. Als Grundlage diente die jahrelange Dauerausstellung im Albertinum, die durch die räumlichen Gegebenheiten nur begrenzt der Sammlungsbreite des Münzkabinetts gerecht wurde. Daher war es für uns umso wichtiger, mit dieser Neukonzeption das ganze Spektrum des Münzkabinetts  – von Münzen über Medaillen, Orden bis zum Papiergeld, von der Antike bis zu Neuzeit  -  aufzuzeigen. Aus diesem Grunde war die zukünftige Themengliederung bereits in einem relativ frühen Stadium der Planung klar. Der Auftaktraum sollte den Bergbau und die Münzprägung in Sachsen als Spiegel der Landesgeschichte repräsentieren. Diese Thematik des Raumes veranschaulicht der Annaberger Bergaltar in Perfektion und macht die historische Herstellung von Münzen für den Besucher greifbar. Außerdem war uns wichtig, auch nichtnumismatische Objekte zu zeigen, da diese die Ausstellung auflockern und die Illustrationen der Themen bereichern.

Blick auf den Annaberger Bergaltar im Auftaktraum der Dauerausstellung des Münzkabinetts, Auftaktraum: Bergbau und Münzprägung in Sachsen, Münzkabinett © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans Christian Krass

Blick auf den Annaberger Bergaltar im Auftaktraum der Dauerausstellung des Münzkabinetts, Auftaktraum: Bergbau und Münzprägung in Sachsen, Münzkabinett © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans Christian Krass

Warum sollte uns der nächste Museumsbesuch nicht zu Liebermann, Monet und den Brücke-Malern führen, sondern zu König Sigismund III. von Polen und der ihm gewidmeten Goldmünze?
Das eine sollte das andere in keinem Falle ausschließen, ich denke der Besucher erweitert sein Blickfeld und sein Allgemeinwissen, wenn er die ganze Vielfalt der Museumslandschaft berücksichtigt.  Daher sind auch einige nichtnumismatische Dauerleihgaben aus anderen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vertreten, so zum Beispiel aus dem Grünen Gewölbe, dem Kunstgewerbemuseum, dem Museum für Sächsische Volkskunst, der Skulpturensammlung, der Rüstkammer und in einem größeren Anteil sogar aus den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen. Es freut uns natürlich, wenn durch die Neuinszenierung des Münzkabinetts mehr Besucher auch in den doch spezielleren Bereich der Numismatik hineinschauen. Um den unterschiedlichen Interessen der Besucher gerecht zu werden, gibt es auch einen speziellen Audioguide (in Deutsch, Englisch und Russisch), der besonders für Einsteiger geeignet ist. Für Fortgeschrittene hingegen bieten wir einen interaktiven Katalog an der sukzessiv erweitert wird. Hier kann man deutlich mehr Informationen zu den Objekten erhalten als dies eine kurze Vitrinenbeschriftung vermag, sogar ein Heranzoomen an die Objekte und das Betrachten der Rückseite ist hier möglich.

Haben Sie vor, die Dauerausstellung in späteren Zeiten umzudisponieren? Ganze Vitrinen gar ganz neu zu gestalten?
Wir werden wohl zunächst einmal erleichtert aufatmen, sobald wir die neue Dauerausstellung der Öffentlichkeit präsentieren können. Ich denke, die jetzigen Akteure werden aller Voraussicht nach keine grundlegenden Veränderungen vornehmen. Eine Neugestaltung der Ausstellung ist zu einem späteren Zeitpunkt und bis zu einem gewissen Grad aber durchaus denkbar. auch wenn die zugeschnittene Vitrinenarchitektur dieses mögliche Vorhaben wohl etwas einschränken wird. Allerdings darf der Besucher sich auch auf neue – auch speziellere – Themenschwerpunkte in dem noch zu konzipierenden Sonderausstellungsraum freuen, dort besteht beispielsweise die Möglichkeit, Neuerwerbungen zu präsentieren.

    Ausstellungsansicht der aktuellen Sonderausstellung „Wettstreit in Erz“ vom 7. Juni 2015 bis 17. Januar 2016 im Silberwaffensaal, Georgenbau im Residenzschloss, Münzkabinett © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans Christian Krass

Ausstellungsansicht der aktuellen Sonderausstellung „Wettstreit in Erz“ vom 7. Juni 2015 bis 17. Januar 2016 im Silberwaffensaal, Georgenbau im Residenzschloss, Münzkabinett © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans Christian Krass

Haben Sie ein Lieblingsstück? Wenn ja, welches wäre hier zu nennen?
Ich habe bereits meine Dissertation auf dem Gebiet der historischen Medaillenkunst verfasst, daher liegt mein besonderes Interesse auch in diesem Bereich. Mich faszinieren besonders die sächsischen Medaillenkünstler des Barock und somit ihre Werke, doch kann ich mich hier nicht auf nur einen Künstler festlegen, denn es gab verschiedene herausragende Künstler in dieser Zeit, es würde die anderen Künstler zu Unrecht degradieren.

Was genau fasziniert Sie an Münzen so sehr?
Die Faszination wächst mit der Beschäftigung über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Münzen und Medaillen sind eine Welt „en miniature“, in diesen kleinen Zeugnissen spiegelt sich der Kosmos der Menschheitsgeschichte wieder und in jedem auf eine andere Art und Weise, die Gesamtheit macht es schließlich. Das fasziniert mich und so wird es wohl auch mein ganzes Leben lang bleiben.

Lieber Herr Grund, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation © SKD

Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation © SKD

 

Das Interview führte Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

 

 

 

Teil I: Münzen und Medaillen – eine Welt en miniature

06. Juni 2015

Nach elfjähriger Schließzeit wird die neue Dauerausstellung des Münzkabinetts in einer einzigartigen Präsentation und mit deutlich erweitertem Umfang im zweiten Obergeschoss des Georgenbaus ab dem 7. Juni 2015 erstmalig für das Publikum zu sehen sein. Mit dieser Schatzkammer bereichert die traditionsreiche Münzsammlung, die zu den drei großen ihrer Art in Deutschland gehört und von europäischer Bedeutung ist, die Museumslandschaft in Deutschland um eine weitere wichtige Facette. Die neue, in den Rundgang im Residenzschloss eingebundene Dauerausstellung des Münzkabinetts richtet sich mit ihrer großen Bandbreite an viele weit über das Fachpublikum hinaus interessierte Besucher.

Wie wird man Direktor eines Münzkabinetts? Was geschieht hinter den Kulissen? – Wir sprachen mit Dr. Rainer Grund, seit 2002 Direktor des Münzkabinetts.

Dr. Rainer Grund, Direktor des Münzkabinetts, im Silberwaffensaal des Residenzschlosses © SKD

Dr. Rainer Grund, Direktor des Münzkabinetts, im Silberwaffensaal des Residenzschlosses © SKD

Wollten Sie schon zu Beginn Ihres Studiums im Museum arbeiten? Wie kam es dazu?
Die Arbeit in einem Museum war für mich bereits vor dem Studium erstrebenswert, schon in der Zeit der erweiterten Oberschule interessierte ich mich bereits für Kunstgeschichte, Museumsarbeit – und in meinem Heimatort Annaberg gibt es das Erzgebirgsmuseum, in dem ich Praktika und auch Ferienarbeit verrichtete. Das war der Beginn meiner Tätigkeit im Museumswesen.

Wie kamen Sie vom allgemeinen Heimatkundemuseum zur Numismatik?
Im Studium musste man bereits sehr früh ein erstes Pflichtpraktikum absolvieren. Ich hatte mich damals für Dresden und das Münzkabinett entschieden. Es blieb allerdings nicht bei nur einem. Im Laufe meines Studiums leistete ich erneut ein Praktikum im Münzkabinett. Hierbei eröffnete mir dessen damaliger Direktor Paul Arnold die Möglichkeit, daraus einen Beruf fürs Leben zu machen.

Wie wurden Sie Direktor des Münzkabinetts?
Nach einer kurzen Phase als wissenschaftlicher Assistent stieg ich zum wissenschaftlichen Mitarbeiter auf. Im Jahre 2002 wurde ich vom damaligen Generaldirektor Martin Roth als Direktor des Münzkabinetts eingesetzt.

Seit wann bereiten Sie die Dauerausstellung vor, solch ein Großprojekt bedarf sicherlich einer langen Vorlaufzeit?
In der Tat, solch ein Vorhaben plant man nicht kurzfristig. Im Prinzip begann alles mit der Wahl des Architekturbüros, das für die Gestaltung der Ausstellungsräume im 1. und 2. Geschoss des Georgenbaus beauftragt wurde. Diese Entscheidung fiel Ende 2007.

Blick in die Dauerausstellung des Münzkabinetts, Auftaktraum: Bergbau und Münzprägung in Sachsen, Münzkabinett © SKD, Foto: Hans Christian Krass

Blick in die Dauerausstellung des Münzkabinetts, Auftaktraum: Bergbau und Münzprägung in Sachsen, Münzkabinett © SKD, Foto: Hans Christian Krass

Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?
Da von Anfang an feststand, welche Räume für die Dauerausstellung in Frage kommen, war es eine Herausforderung, die Münzen – deren angemessene Präsentation nur innerhalb der Augenhöhe zu gewährleisten ist – in den hohen Schlossräumen in Szene zu setzen. Hierbei wurden auch die unterschiedlichen Blickwinkel von Wissenschaftlern und Architekten sichtbar, doch diese Differenzen waren durchaus in der Frage der Präsentationsweise der Objekte hilfreich. Denn es ist besonders wichtig, die Ausstellung immer ansprechend für den Besucher zu gestalten. So entstand auch die Idee eines Leitobjekts für jeden Ausstellungsraum, das pars pro toto für das Thema des jeweiligen Raumes steht. Es ist für einen Wissenschaftler auch eine etwas schmerzliche Erfahrung zu erkennen, dass weniger manchmal mehr ist. Man möchte schließlich sowohl Laien als auch Fachwissende mit dieser Dauerausstellung bedienen.

Welche Erkenntnis, die Sie während der Vorbereitungsphase erlangten, würden Sie gerne mit der Welt teilen?
Zuerst einmal, dass solch ein Großprojekt ohne die tatkräftige Unterstützung aller Beteiligten nicht zu stemmen wäre. Außerdem habe ich erkannt, dass es durchaus nützlich ist, in solche Planungen mit einer gewissen Naivität einzusteigen. Denn wenn ich vorher gewusst hätte, was mich erwartet, wäre ich wohl nicht mit solch einem Optimismus in dieses Projekt gegangen. Man muss bei solch einem komplexen Projekt immer das große Ganze – und auch den Eröffnungstermin – sehen und darf sich nicht in den täglichen Überraschungen verlieren.

Das Dresdner Münzkabinett gehört ja zu den größten Universalmünzsammlungen Deutschlands, gibt es gegenüber den anderen wichtigen numismatischen Museen eine Spezialisierung?
Wie die  Besucher auch zu Recht erwarten dürfen – und in dieser Erwartung werden sie auch nicht im Geringsten enttäuscht – präsentieren wir in der Ausstellung numismatische Objekte aus Sachsen, in aller Vielfalt. So sind beispielweise im Auftaktraum in der Mittelvitrine alle sächsischen Herrscher albertinischer Linie mit den von ihnen herausgegebenen Gedenkmünzen vertreten. Da sich das Münzkabinett gleichzeitig als eine Forschungseinrichtung versteht, gibt es sogar ein sächsisches Archivgesetz, das besagt, dass alle in Sachsen hergestellten oder beauftragten Medaillen mit einem Belegexemplar dem Münzkabinett zu übergeben sind.

Lieber Herr Grund, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Zur Person:
Dr. Rainer Grund, geboren 1959, absolvierte sein Studium der Kunstwissenschaften 1986 an der Universität Leipzig. In seiner Freizeit erkundet er gerne zusammen mit seiner Gattin historische Städte in der Umgebung, vor allem Böhmen gilt ihr besonderes Interesse. Aber auch Reisen in ferne Länder haben es ihm angetan – so sind sie auch gerne einmal abenteuerlich mit Rucksack unterwegs gewesen. Dabei steht für Rainer Grund immer im Mittelpunkt, unbekannte Reiseziele zu erschließen. Nicht nur der Urlaub dient ihm als Ausgleich zur Arbeit, sondern auch die Lektüre von schöngeistiger Literatur.

Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation ©SKD

Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation © SKD

Das Interview führte Madeleine Schneider, Bundesfreiwilligendienstleistende im Bereich Presse und Kommunikation der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

 

 

 

 

Freut Euch auf den zweiten Teil des Interviews, der in Kürze hier erscheinen wird.

Einblicke in die aktuelle Fotokampagne in der Porzellansammlung | Impressions of current photo week in the Porcelain Collection

30. Mai 2015


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Im Rahmen des aktuellen Forschungsprojektes der Porzellansammlung der SKD werden seit Oktober 2014 unsere ostasiatischen Porzellane aus der ehemaligen Königlichen Sammlung professionell fotografiert. Der größte Teil des vorhandenen Bildbestandes besteht derzeit aus Arbeitsfotos, die keine ausreichende Erfassung dreidimensionaler Objekte gewährleisten, häufig existieren nur ein bis zwei Ansichten. 8000 Objekte aus China und Japan werden jetzt erstmals systematisch fotografisch erfasst.

Nach den bisherigen Foto-Sessions im Depotbereich hatten wir im März die Möglichkeit in der nördlichen Bogengalerie der Porzellansammlung zu arbeiten, um dort eine der dichtbestücktesten Wände mit ca. 800 unterglasurblauen kangxi-zeitlichen Porzellanen zu fotografieren. Eine Aufgabe, die nur in einem gut funktionierenden Team zu stemmen ist, das ohne Fotograf Adrian Sauer und seinen Kollegen Alexander Schmidt sowie die beiden Restauratorinnen, Silke Rohmer und Magdar Kozar nicht möglich gewesen wäre. Adrian Sauer (Fotograf) ließ für diese herausfordernde Aufgabe ein speziell zugeschnittenes Fotozelt anfertigen und die Arbeit konnte beginnen.


© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Der Innenraum des Zeltes ermöglichte nicht nur ein effizientes Arbeiten, sondern auch fotografische Ergebnisse in höchster Qualität. Auch hier ist Teamgeist gefragt: denn für die beiden Fotografen muss das Porzellan von einer weiteren Mitarbeiterin für die Aufnahmen zunächst aufgestellt und dann gedreht werden.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Von Miniaturvasen bis zu großen Monumentalvasen wird jedes Objekt allseitig erfasst.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Die Bilder werden sofort nach der Aufnahme sowohl im Dateinamen als auch in den eingebetteten Metadaten mit der Inventarnummer der Porzellansammlung versehen.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Nach Abnahme der Porzellane von der Wand erfolgte ihre Reinigung.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dabei werden die Inventarnummern und die Maße der Objekte überprüft bzw. vervollständigt.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Und wenn alles abgenommen ist, erscheint die Wand völlig kahl.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Doch die Vorbereitungen zur Wiederanbringung sind bereits in vollem Gange. Die unzähligen kleinen Koppchen werden mit Wachs auf den Konsolen befestigt.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Anschließend werden die Teller mit einer Halterung versehen.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

...und können damit sicher an der Wand befestigt werden.

© Barbara Bechter, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ein großer Dank gilt ALLEN Beteiligten und Helfern, die es ermöglicht haben, diese Foto-Wochen erfolgreich zu beenden – wir konnten mehr als 850 Objekte fotografieren.

„Die Biografie der Objekte“ erforschen und erzählen – Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes

28. Mai 2015

Was hat ein ‎expressionistisches Gemälde mit der Himmelsscheibe von Nebra zu tun, was ein Ziegelscherben aus ‎dem Irak mit einem Federschmuck aus den Anden? Ganz einfach: Sie fanden alle Eingang in Museumssammlungen und besitzen doch jeweils eine ganz individuelle Biografie. Somit sind sie, wie unzählige andere Objekte in Ausstellungen und Depots von Museen, Gegenstand der Provenienzforschung, die diese jeweilige Geschichte der Objekte untersucht und beschreibt.

„Die Biografie der Objekte“, so lautete das Thema der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes, die vom 3. bis 6. Mai in Essen stattfand. Eindrucksvoller Rahmen waren die Gebäude der  Zeche Zollverein, in denen heute u.a. das Ruhr Museum untergebracht ist.

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, selbst erfahren in der Museumsarbeit, beschrieb in ihrer Eröffnungsgerede ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der Museumsbesucher im Besonderen an diesen Objektgeschichten – und konstatierte, dass Museen zunehmend bereit seien, sich mit den Provenienzen ihrer Schätze forschend auseinander zu setzen, und hier auch bereits von sich aus aktiv seien. An die Medien appellierte sie, endlich wahrzunehmen, dass die Museen in Deutschland sich ihrer Verantwortung für die Suche nach NS-Raubkunst bewusst sind. Unterstützung bei ihrer Arbeit in diesem Bereich würden sie u.a. durch die neu gegründete Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg erfahren. Die NS-Raubkunst sei dabei aber keineswegs das einzige Thema für die Provenienzforschung, daneben eröffneten sich noch andere, neue Tätigkeitsfelder.

Ihnen waren die einzelnen Panels der Jahrestagung am Montag und Dienstag, 4. und 5. Mai, gewidmet. Dazu gehören die Objektbiografien des sogenannten Kulturguts aus der Kolonialzeit, also außereuropäische Objekte unterschiedlichster Art, die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Museen kamen, als systematische Erwerbungen von wissenschaftlichen Expeditionen ebenso wie beispielsweise als Erinnerungsstücke von Missionaren. Viele Erwerbungswege sind zumindest aus heutiger Sicht höchst fragwürdig, erscheinen unmoralisch, illegitim oder illegal. Die „human remains“, Überreste von Menschen, die westliche Museen wie selbstverständlich sammelten, bilden dabei nur die makabere Spitze des Eisberges. Besonders für sie gibt es seit einigen Jahren Rückgabeforderungen aus manchen Herkunftsländern. Wie damit umzugehen ist, dafür haben die Museen bisher noch kaum allgemeingültige Lösungen, Patentrezepte gibt es nicht.

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Durch die politischen Ereignisse in Syrien und im Irak sind in den letzten Monaten archäologische Kulturgüter in den Fokus gerückt, die oftmals aus Raubgrabungen stammen und illegal in den Kunsthandel eingeschleust werden. Nicht nur der Nahe Osten ist davon betroffen, sondern genauso Italien und Griechenland oder Südamerika. Deutschland ist durch seine großzügige Gesetzgebung eine Drehscheibe für den Handel mit Raubgrabgut, und so erwarten die Museen hier einiges von einer geplanten Gesetzesänderung. Bis dahin, so ein Vorschlag der lebhaften Diskussion während der Tagung, sollte auf den Erwerb archäologischer Objekte am besten verzichtet werden.

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Ein weiteres, wieder ganz anderes Problemfeld hingegen eröffnete die Frage, wie mit Kunstwerken umgegangen werden soll, die in der DDR entzogen oder enteignet wurden. Das ist keineswegs ein spezielles Problem ostdeutscher Museen, denn viele dieser Werke wurden zum Zwecke der Devisenbeschaffung (Stichwort: Schalck-Golodkowski) in den Westen verkauft. So deutlich wie auf dieser Tagung war das zuvor selten gesagt worden. Auf diesem Feld war auch die langjährige Erfahrung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besonders gefragt. Als Teilnehmer an diesem Panel konnte ich skizzieren, wie die Handlungsspielräume der Museen aussehen: Sie sind Beteiligte in einem gesetzlich geregelten Verfahren und können keineswegs frei über Restitutionen entscheiden.

Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes hat keine einfachen Lösungen für die vielfältigen Probleme präsentiert – statt dessen hat sie gezeigt, dass es notwendig ist, die Provenienzforschung insgesamt weiter zu stärken, dass ihre Themen vielfältiger sind als in der Öffentlichkeit bisher bekannt und dass die Museen selbstbewusster ihre Möglichkeiten und Grenzen in diesem Bereich einschätzen und benennen sollten.

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel