Cyanotypie – Blaudruck mal anders

Am ersten Augustwochenende veranstalteten das Museum für Sächsische Volkskunst und der Konglomerat e.V. einen gemeinsamen Workshop für Cyanotypie. Cyano…was? Ein wahrlicher Zungenbrecher dieses Wort, doch eigentlich bedeutet es nichts Anderes als Blaudruck. Wobei hier nicht das traditionelle Reservedruckverfahren auf Basis von Waidpflanze bzw. Indigo und Hilfsmitteln wie Modeln, Papp, Sternreifen und Küpe gemeint ist, – wie es im Volkskunstmuseum zu sehen ist. Stattdessen beschreibt Cyanotypie in diesem Fall ein Druckverfahren, das auf der Lichtempfindlichkeit von Eisensalzen beruht und cyanblaue Farbtöne hervorbringt.

Das Verfahren wurde 1839-42 von dem englischen Chemiker und Fotografen John Herschel entwickelt. Seine Technik wurde insbesondere für die Anfertigung großformatiger Kopien und Konstruktionspläne angewandt („Blaupausen“). Aufgrund der Einfachheit und der niedrigen Kosten war dieses Verfahren sehr verbreitet. Es eignet sich aber auch für die Fotografie.

Beim Workshop konnten die Teilnehmenden ihre eigenen digitalen Fotografien bearbeiten. Zunächst musste saugfähiges Papier, wir benutzten Aquarellpapier, mit den nötigen Chemikalien präpariert werden. Dazu wurden zwei Lösungen vorbereitet: Eine auf Basis von Ammoniumeisencitrat, eine andere auf Basis von Kaliumferricyanid. Bei gedämpftem Licht wurden beide Lösungen dann zu gleichen Teilen miteinander vermischt. Mit der fertigen, inzwischen intensiv gelben Cyanotypie-Lösung haben wir das Papier dünn und gleichmäßig eingepinselt. Im Dunkeln – die fertige Lösung ist äußerst lichtempfindlich. Über Nacht konnte das präparierte Papier trocknen.

Am nächsten Morgen bearbeiteten wir unsere digitalen Fotografien via Photoshop. Anschließend wurden sie invertiert und als Negative auf einer transparenten Folie ausgedruckt. Der nächste Schritt bestand darin, Negative und präpariertes Papier auf einem Belichtungstisch übereinandergelegt zu belichten. Die von Bastian Löhrer, dem Workshopleiter, ausgerechnete ideale Belichtungszeit betrug drei Minuten und zwanzig Sekunden. In dieser Zeit wird bei den belichteten Partien die Eisenverbindung zweiwertig und wasserunlöslich – es bildet sich ein cyanblauer Farbstoff. Bei den unbelichteten Teilen der Fotografie findet dagegen keine Entwicklung statt, sie sind wasserlöslich und lassen sich unter fließendem Wasser auswaschen. Nachdem die Fotografien ausgewaschen waren, mussten sie nur noch getrocknet werden. Fertig waren unsere Cyanotypien!

Wir sind keine Volkskünstler, wir sind Macher!

Volkskunst und Offene Werkstätten. Wie passt das zusammen? Als wir uns über moderne Konzepte, und Formen von Volkskunst unterhielten, erklärte uns Bettina Weber vom Konglomerat e.V., dass eine direkte Verbindung von Volkskunst zum Konzept der Offenen Werkstätten schwierig sei. Zum einen, weil der Begriff in seiner Bedeutung als „volkstümliche, vom Geist und von der Überlieferung des Volkes zeugende Kunst“ ihres Erachtens bei traditionellen und veralteten Handwerkstechniken stehenbleibe und somit moderne Technologien außen vor lasse. Er verführe zu romantisierenden Vorstellungen von „der Kunst einfacher Menschen“, die im Gegensatz zu industriell und anonym gefertigten Erzeugnissen steht. Doch handwerkliches Tun verändert sich. Und so stehen heute in den Werkstätten des Konglomerat e.V. eben Drechselbank und Nähmaschine neben 3D-Drucker und Laserschneider.

Die große Vision des 2012 gegründeten Vereins ist die Förderung der Selbermachkultur. Aufgabe ist es, Mittel und Möglichkeiten zur persönlichen Wunschproduktion bereitzustellen und gemeinsam „an der sozialen Plastik zu schnitzen“. Als gemeinsame Versammlungsstätte, Experimentierfläche und Produktionsbasis bezieht der Verein Räume im #Rosenwerk, welches auf ca. 500 m² insgesamt acht verschiedene Werkbereiche von Holzbearbeitung und Siebdruck bis 3D-Drucken und Laserschneiden jeder und jedem zugänglich macht. Das ist die Grundidee sogenannter Offener Werkstätten: Menschen ohne eigene Räumlichkeiten schaffen sich gemeinsam mit Anderen einen Aktionsraum, in dem sie Werkzeug und Wissen, Leidenschaft und Kosten teilen können. Zudem bieten Offene Werkstätten auch handwerklich und künstlerisch unkundigen Menschen die Möglichkeit, selbst tätig zu werden und mit moderner Hard- bzw. Software und industriellen Produktionsverfahren zu experimentieren.

Offene Werkstätten sind mehr als nur Orte der modernen Freizeitgestaltung. Sie fördern einen nachhaltigen Lebensstil und möchten zu neuen Lebens- und Arbeitsformen inspirieren. Deswegen spielen Reparatur, Re- und Upcycling und Prototyping eine bedeutende Rolle. „Wir sind keine Volkskünstler, wir sind Macher!“, so Bettina Weber. Denn nicht der oder die Einzelne mit ihrem Ergebnis, Produkt oder Kunstwerk stünden im Mittelpunkt, sondern die Gemeinschaft. DIT – Do it Together, anstatt DIY – Do it Yourself!

 

Konglomerat e.V.: https://konglomerat.org/

Verbund Offener Werkstätten: http://www.offene-werkstaetten.org/

Made by me in Saxony. VOLKSKUNST JETZT!

 

Zur Bloggerin: Zum ersten Mal besuchte Sonja Riehn das #Rosenwerk im Frühjahr 2015 für ein partizipatives Ausstellungsprojekt, bei dem die beteiligten Künstler/innen eigene Bilderrahmen mit dem Laser-Cutter gestalteten. Seitdem hat sie den Laserführerschein und freut sich über jeden Besuch im #Rosenwerk.

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