„Graffiti ist jetzt also auch sächsische Volkskunst?“

„Graffiti ist jetzt also auch sächsische Volkskunst?“ ‑ so kommentierte ein Facebook-Nutzer Anfang Juli die Ankündigung zum Urban Art-Workshop im Museum für Sächsische Volkskunst. Nein! Natürlich sind Graffitis nicht mit Räuchermann und Punkteengel gleichzusetzen und das Sprayen wurde auch nicht in Sachsen erfunden, sondern entstanden ist die Graffiti-Kultur Ende der 1960er Jahre in New York. Aber Oskar Seyffert (1862-1940) ‑ Gründer des Museums für Sächsische Volkskunst – verstand unter „Volkskunst“ jene Kunst, „die nicht auf Schulen gelehrt wird“, die Kunst, die „von unten emporwächst“; Kunst, die selbstautorisiert und unkonventionell ist. An dieser Interpretation des Volkskunstbegriffs orientiert sich das Museum bis heute. „Sächsische Volkskunst“ meint das Konzept Oskar Seyfferts und somit die selbstautorisierte, kreative Energie jedes Einzelnen. Also eben auch Graffitis.

Urbane Kunst ‑ zwischen Subkultur, Kommerz und Musealisierung

Graffiti zählt wie Stickerkunst, Urban Knitting oder Guerilla Gardening zur sogenannten Urban Art. Diese besondere Kunstform ist aus kulturwissenschaftlicher Sicht ein spannendes Phänomen: Sie lässt sich in keines der bekannten Kunst-, Medien- und Zeichensysteme einordnen. Die Straße wird zur Ausstellungs- und Kommunikationsfläche. Oftmals werden dabei ‑ unabhängig vom Inhalt ‑ bewusst gesellschaftliche oder gesetzliche Normen verletzt. Urbane Kunst stellt somit auch eine besonders kontrovers diskutierte Ausdrucksweise künstlerischen Schaffens dar. Doch urbane Kunst beschränkt sich keineswegs auf illegale Aktionen. Längst werden Graffitis und Street Art in Form von Wandbildern (Murals), Kunstdrucken, Fotografien legal in Auftrag gegeben, Arbeiten von berühmten Street Art-Künstlern werden abmontiert, restauriert und auf Auktionen oder in Galerien teuer verkauft.

Seit Ende 2016 existiert mit dem MUCA (Museum of Urban and Contemporary Art) in München auch ein erstes Museum für urbane Kunst in Deutschland. Im Herbst 2017 folgt Berlin mit dem „Urban Nation. Museum for Urban Contemporary Art“, das Künstler/innen und Kunstbegeisterte aus Berlin und der ganzen Welt anziehen und Raum zur Entwicklung und Entfaltung urbaner Kunst bieten möchte. Ein Kernstück des Hauses wird das Martha-Cooper-Archiv sein. Die Fotojournalistin Martha Cooper hat mit ihren Fotodokumentationen die Entstehung der Urban Art über Jahre hinweg für die Nachwelt festgehalten. Sie überlässt dem neugegründetem Museum einen bedeutenden Teil ihrer Sammlung.

Von Tags, Characters und Styles ‑ vier Tage urbane Kunst

Vom 18. bis 21. Juli fand im Museum für Sächsische Volkskunst ein Workshop zum Thema Urban Art statt. Die Dresdner Graffiti und Street Art-Künstler Andy K, Slider und Ergo vom Dresdner Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE gaben den Teilnehmer/innen vier Tage lang Einblick in Formen und Ausdrucksmöglichkeiten urbaner Kunst. Zunächst entwickelten wir sogenannte Tags, also die Kürzel unserer Pseudonyme. So wurde Frederike zu Rieke, Julia zu Ace, Jeanette zu Uschi O., Maxi zu Spy usw. Am zweiten Tag lernten wir die Basics über das Grundieren von Hintergründen und wie das Arbeiten mit der Spraydose sowie mit Pinsel und Acrylfarbe funktioniert. Während Andy K, der seit 1998 als freiberuflicher Grafikdesigner und Street Art-Künstler tätig ist, uns Tipps für die Gestaltung von Characters gab und uns mit den Methoden des Paste-Ups und der Stickerkunst vertraut machte, lehrten uns Slider und Ergo das Sketchen von Graffiti-Styles und den Umgang mit der Spraydose. Am dritten Tag perfektionierten wir die Skizzen unserer Characters und Styles.

Erst am vierten und letzten Tag des Workshops wagten wir uns an die große Leinwand, den Urban Art-Würfel im Hof des Museums, und setzen unsere Skizzen um. Stück für Stück gestalteten wir die vier Wände des Würfels, mal im Alleingang, mal als Gemeinschaftswerk, mal mit der Spraydose, mal mit Pinsel und Acrylfarbe, und auch Zeichenkohle setzten wir ein. Vorbeigehende Passant/innen blieben stehen und schauten uns zu. Manchmal entstand ein Gespräch. Noch rechtzeitig vor dem Gewitter beendeten wir unsere Arbeit.

Bis zum 5. November wird der Urban Art-Würfel im Hof des Museums als Ausstellungsstück stehenbleiben. Es lohnt sich, einen Blick auf dieses ganz besondere Exponat zu werfen. Wer möchte, darf es auch gerne ergänzen. Davon lebt schließlich urbane Kunst.

Ein Plädoyer für eine differenzierte Wahrnehmung urbaner Kunst

Graffiti schreiben wird oft fälschlicherweise als „Schmiererei“ abgetan und mit Tagging (dem Anbringen eines Kürzels) gleichgesetzt. Doch wie vielseitig Spraydose, Acrylfarben oder Filzstifte einsetzbar sind, davon zeugen die Ergebnisse des Urban Art-Workshops. Der Workshop hat zudem gezeigt, dass es jede Menge Übung, Konzentration und Ausdauer benötigt, um einen Character oder einen Style zu entwerfen. Abgesehen davon, dass Geschicklichkeit benötigt wird, eine Spraydose so zu führen, dass am Ende auch wirklich das entsteht, was geplant war.

Ich habe in den vier Tagen nicht nur viel über urbane Kunst gelernt, sondern konnte zudem neue faszinierende künstlerische Techniken erlernen und ausprobieren. Ich persönlich wünsche mir auch mehr legale Urban Art-Flächen in Dresden. Eine Stadt kann gar nicht bunt und vielseitig genug sein.

Das Jugendhaus und Kulturzentrum SPIKE (http://www.spikedresden.de/ ) konnte seit seiner Gründung 1995 bereits zahlreiche solcher Flächen in Dresden in Zusammenarbeit der Stadt etablieren. Eine Übersicht sogenannter legal plains bietet die Homepage graffiti-dresden.de ( http://graffiti-dresden.de/legal-plains-map/ ). Vom 1.-12. August 2017 findet übrigens das LackStreicheKleber-Festival statt, das zum Betrachten, Mitmachen und Auseinandersetzen mit urbaner Kunst in Dresden einlädt (https://www.lackstreichekleber.de/ ). Ein Tipp für alle, die noch immer der Meinung sind, urbane Kunst sei nichts weiter als „Schmiererei“ und Sachbeschädigung.

Zur Bloggerin: Für die Kulturanthropologin Sonja Riehn ist urbane Kunst aufgrund der vielseitigen und unkonventionellen Ausdrucks- und Kommunikationsformen, der starken gesellschaftskritischen und politischen Statements – gleichzeitig geprägt durch Anonymität und Flüchtigkeit – ein spannendes kulturelles Phänomen.

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