Interview mit Gregor Schmoll zu seiner Ausstellung „Wunderblock – Die Welt als Fotografie und Vorstellung“

Björn Egging, Kurator: Lieber Gregor, in der Ausstellungsreihe „Weltsichten auf Papier“ sind derzeit an den Wänden des Studiolo im Residenzschloss fotografische Arbeiten von Dir zu sehen. Welches Verfahren hast Du zu ihrer Herstellung genutzt?

Gregor Schmoll: Ich fotografiere und arbeite ausschließlich analog. Mir ist die Haptik, also der direkte Umgang mit dem Material, sehr wichtig – ich habe schließlich Bildhauerei studiert. Das Aufbauen der Kamera, das Einlegen der Filme, das Lichtsetzen, die Belichtungszeiten (z.B. waren es bei Aristoteles’ Kinematograph eineinhalb Stunden), die Testpolaroids – das funktioniert wie eine eigene Choreographie. Sie wird einstudiert; alles ist minutiös abgestimmt; es kommt zum Tanz um die Maschine (den „deus ex machina“). Zudem ist die Haptik des Bildträgermaterials in meinen Arbeiten Teil der Bildinformation und wird immer inhaltlich mitgedacht.

Ausstellungsansicht im Studiolo, Residenzschloss Dresden

BE: Inwiefern lässt sich das anhand der im Studiolo gezeigten Werke nachvollziehen?

GS: Die großen Abzüge von Orbis Pictus sind auf hochwertigem Barytpapier entwickelt, um die feinsten Grauabstufungen zu erhalten, vornehmlich aber um eine historische Zeitebene in die Bildlichkeit miteinzubetten. Die kleinen Abzüge für die Karteikarten des Wunderblocks sind dagegen auf gewöhnlichem PE-Papier gemacht, da es sich „nur“ um „Archivabzüge“ handelt, die einen dokumentarischen Charakter zum Ausdruck bringen sollen. So gesehen sind im analogen Arbeiten mit Fotografie konzeptionelle Entscheidungen möglich und lesbar, die ein digitales Arbeiten in dieser Form nicht zulässt, denn digitale Information ist immer eindimensional.

BE: Kannst Du Deine Vorbehalte gegenüber digitalen Verfahren noch ein wenig ausführen?

GS: Es interessiert es mich sehr, an den Grenzen des Abbildbaren zu agieren. Das digitale Bild erlaubt meines Erachtens zu viele Eingriffs- bzw. Korrekturmöglichkeiten und verliert somit den Reiz des Spielerischen, des Experimentellen. Das Überlisten der sichtbaren Wirklichkeit einzig durch Licht und Schatten ist für mich ein ganz wesentliches Element zum Grundverständnis der fotografischen Bildgebung. Das fotografische Bild bedeutet Information und kann damit – entgegen der herkömmlich attribuierten, reinen Abbildfunktion – auch „gedacht“ werden. Es bleibt damit nur die Frage, wie ich diese Information materialisieren, das heißt aus dem Realen abstrahieren kann. Für meine künstlerische Praxis ist diese Frage zentral.

BE: Welche Kameraausrüstung hast Du für die Aufnahmen zu Orbis Pictus und Wunderblock verwendet?

GS: Auch die Wahl der Kamera und der Objektive ist immer eine inhaltliche Entscheidung, die je nach Arbeit und Aussage mitkonzipiert wird. Teilweise ergeben sich dadurch spannende Recherchen bis zu dem Punkt, dass ich historische Linsen benutze, um „Bildüberprüfungen“ durchzuführen. Aus diesem Grunde arbeite ich mittlerweile hauptsächlich mit zwei Kameras der Firma Linhof, einer Kardan BI und einer Technika. Dadurch habe ich die größte Flexibilität und kann alle Formate (auch Polaroid), Objektive und „Zusätze“ untereinander tauschen bzw. gemeinsam verwenden. Orbis Pictus wurde im Großformat (4 x 5 Inch = 10,16 cm x 12,7 cm) fotografiert. Bei Wunderblock – Die Dresdner Sammlung habe ich aufgrund der hohen Anzahl an Bildern den 120er Rollfilm, also das Mittelformat (4,5 x 6 cm), gewählt, was wiederum mehr dem dokumentarischen Charakter entspricht.

BE: Fertigst Du die Abzüge selbst an?

GS: Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit demselben Fotolabor und denselben PrinterInnen zusammen, verbringe oft ganze Tage dort und bin bei jedem Abzug dabei. Denn erst in der Dunkelkammer kann ich feststellen, ob eine Fotografie gelungen ist oder nicht.

BE: Dein Werk Wunderblock besteht nun nicht nur aus Fotografien, sondern ist eine komplexe Installation. Wie würdest Du Deine Arbeitsweise allgemeiner charakterisieren?

GS: Wie schon erwähnt bin ich ja kein Fotograf, sondern gelernter Bildhauer, weshalb ich mich gerne als „Sculpteur d’Image“ bezeichne. Das ist ein selbstgewählter Neologismus, der nach meinem Empfinden meine Arbeitsweise sehr schön und paradox umschreibt. Er schließt sowohl meine Praxis als Bildhauer, als auch die fotografische Bildgebung mit ein.

BE: Der Schreibtisch im Werk Wunderblock ist nach dem historischen Schreibtisch des Basler Kunst- und Kulturhistorikers Jacob Burckhardt entstanden. Wie kam es dazu?

GS: Auf den Schreibtisch von Jacob Burckhardt bin ich erstmals vor einem Jahr im neueröffneten Landesmuseum Zürich (Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400-1600) gestoßen. Die Schlichtheit der Form, die Konzentration auf Struktur und Ordnung, sowie das schwarze „Wachstuch“ als Schreibunterlage, das unmittelbar die Assoziation zu Freuds „Notiz über den Wunderblock“ (1925) zu Bewusstsein bringt, haben mich sofort völlig in den Bann gezogen. Eine Skizze in meinem Notizblock zeigt, dass schon damals die Wunderblock-Idee entstanden ist – bis hin zur detaillierten „Neuformulierung“ des Schreibtisches, wie man ihn heute im Studiolo sieht.

BE: Und wie verbindet sich dieser Schreibtisch mit dem fotografischen Aspekt Deiner Arbeit?

GS: Jacob Burckhardt gilt als einer der ersten Kultur- und Kunsthistoriker, der intensiv mit fotografischen Reproduktionen von Kunstwerken gearbeitet und dafür ein Archiv mit tausenden Bildern angelegt hat. Diese Fotografien waren nach Themen und Motiven in hellblauen Mappen zusammengefasst, und diese waren wiederum in den Fächern seines Arbeitstisches eingeordnet. All dies habe ich allerdings erst im Laufe meiner späteren Spurensuche herausgefunden. Primär sehe ich diesen Schreibtisch als perfekte Skulptur; sie ist der vollständig materielle Ausdruck ihrer absoluten Idee/ihres Inhalts: die Ordnung von Wissen, ganz nach dem für Orbis Pictus in der Kunsthalle Krems 2014 gefertigten Haussegen: Form is Method. Dieser „Haussegen“ (einer von dreien) ist in Dresden durch den Wunderblock substituiert.

BE: Den Wunderblock kann man also konzeptuell als Weiterführung von Orbis Pictus verstehen, zugleich hast Du in den Wunderblock Fotografien integriert, die auch zu Deiner Werkreihe Aus der Privatsammlung gehören. Könntest Du diese künstlerischen Bezüge innerhalb Deines Werkes im Hinblick auf die Ausstellung im Studiolo näher erläutern?

GS: Meine Serie Aus der Privatsammlung hier ausführlicher zu erörtern, würde den Rahmen sprengen, darum sei nur ganz kurz gesagt, daß ich diese Serie, die Meisterwerke unseres Kunstkanons durch Polaroid-Fotografien in meinem privaten Umfeld aufspürt und verortet, seit 1996 verfolge und mittlerweile über 210 Bilder umfaßt. Es tauchen darin Klassiker wie Der Spargel von Eduard Manet ebenso auf, wie die Bellotto/Canaletto-Ansichten von Dresden, die sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden befinden, aber ebensogut in beinahe jedem Touristenfotoalbum. Es hat sich damit konzeptionell beinahe aufgedrängt, diese beiden Serien über das Sammeln zu verknüpfen. Aber der Wunderblock steckt grundsätzlich voller Bezüge zu anderen Werkreihen von mir. So ist auf einer Karteikarte etwa eine der Vexiervasen von Vexations abgebildet, das Laborgefäß des Mad Scientist aus der Serie My Life as Monsieur Surrealist. Auf einer anderen Karte sieht man den Fez, den ich bei meinen Konzertauftritten mit der Band Bronco Jedson & Mi???tyria als Bühnenkleidung trage!

BE: Weshalb ist Dir dieser Verweisungsreichtum so wichtig?

GS: Diese „Interreferenzialität“ ist zum Teil natürlich dem Aufsatz Sigmund Freuds geschuldet, der die unterschiedlichen Funktionen unseres Gedächtnisses anhand des Wunderblocks (heute sagt man meist Zaubertafel dazu) erläutert. Freud spricht über eine mit Wachs und Wachspapier unterlegte Zelluloidplatte, die man mit einem Stift durch Druck beschreiben, deren Beschriftung man jedoch immer wieder löschen kann. Allerdings bleiben alle Schriftspuren in der darunterliegenden Wachsschicht erhalten. Freud sah darin ein Modell des Kurz- und des Langzeitgedächtnisses. Der Verweisungsreichtum ist aber darüber hinaus für die Gesamtkonzeption meiner Wunderblock-Arbeit zentral. In Orbis Pictus habe ich unsere Vorstellungen von Wissen/Gewißheit/Weltanschauung kritisch hinterfragt. Im Wunderblock stelle ich meine Sammlung – stellvertretend für das Abbilden und Aufführen unseres Kulturbegriffs im Museum – in Form eines Archivs zur Disposition und verdeutliche dies, indem ich mir die Inventarnummern der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) aneigne.

Gregor Schmoll (links) mit Kurator Björn Egging in der Ausstellung "Wunderblock"

BE: Wie dürfen wir diese Aneignung verstehen? Wie siehst Du die Verbindung zwischen Deiner Sammlung und jener der SKD?

GS: Die SKD sind aus einer der ältesten Kunst- und Wunderkammern der Welt hervorgegangen. Mir geht es um die Frage, wie Kultur entsteht und sich behauptet – und welche Rolle Museum und Archiv dabei spielen. Das beinhaltet auch Fragen wie „Wodurch konstituiert sich ein Kanon?“ oder „Was ist kulturelle Hegemonie?“ Dass hierbei auch meine eigenen Arbeiten hinterfragt werden müssen, ist – da ich Teil des vorherrschenden Systems bin – unvermeidbar und notwendig.

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