11. November 2020

Wiedereröffnung der Kaiserzimmer in Schloss Pillnitz

Goldener Kronleuchter

Wiedereröffnung der Kaiserzimmer in Schloss Pillnitz

Nach umfangreicher Restaurierung ist die bedeutende Raumfolge der Kaiserzimmer – besser bekannt als "Weinlig-Zimmer" – im Westflügel des Bergpalais von Schoss Pillnitz wieder Teil des Ausstellungsrundganges des Kunstgewerbemuseums. Ziel der Arbeiten war es, das Appartement – soweit es die historische Fakten- und Befundlage ermöglichten – wieder an den Entstehungszustand anzunähern. Die einzigartigen, frühklassizistischen Räume, die während des Pillnitzer Monarchentreffens im August 1791 von Kaiser Leopold II. (1747–1792) bewohnt wurden, erstrahlen wieder in altem Glanz und unter ursprünglichem Namen.

Das Pillnitzer Monarchentreffen

Das Pillnitzer Monarchentreffen

Anlass für die Pillnitzer Konferenz (25. bis 27. August 1791) war nach vielen Jahren der Konfrontation und erbitterter Kriege die zaghafte Annäherung Österreichs und Preußens. Ein gemeinsames Treffen zur Klärung der bilateralen Verhältnisse und zur Haltung zum Staatsstreich in Polen und der Revolution in Frankreich sollte diesen Prozess fördern. Auf der Suche nach einem möglichst neutralen und ungezwungenen Ort fiel die Wahl Kaiser Leopolds II. auf Schloss Pillnitz. Der sächsische Kurfürst Friedrich August III. (1750–1827) gab für ein so prestigeträchtiges und für die politische Lage in Europa bedeutendes Treffen gern den Gastgeber, nahm aber an den Gesprächen selbst nicht teil.

Monarchentreffen 2

Die Zusammenkunft zweier der wichtigsten europäischen Herrscher erschien einer weiteren Partei als günstige Gelegenheit: Eine Gruppe französischer Emigranten, angeführt vom Graf von Artois, Bruder des inhaftierten französischen Königs Ludwig XVI, hatten sich zum Unmut aller Konferenz-Parteien selbst auf die Konferenz eingeladen. Sie hofften Kaiser und König zu einem aktiven Eingreifen in Frankreich zu bewegen, was letztendlich in der Wiederherstellung der Monarchie münden sollte. Während die Pillnitzer Konferenz mit einer völlig anderen Agenda gestartet war, ist es jedoch die nach einer gemeinsamen Absprache zwischen Leopold II., Friedrich Wilhelm II. und dem Grafen von Artois am 27.8.1791 verfasste Pillnitzer Deklaration, die in die Geschichte einging. Von Leopold II. und Friedrich Wilhelm II. als kleinstmögliches Zugeständnis mit sehr zurückhaltenden Formulierungen unterzeichnet, wurde sie von den Emigranten bewusst als eine Vorstufe zur Kriegserklärung stilisiert und wird vielfach heute noch als solche gedeutet.

© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans-Peter Klut
Johann Heinrich Schmidt, Die Monarchenzusammenkunft in Pillnitz am 25. August 1791 Öl auf Leinwand; 134 x 220 cm

Monarchentreffen 3

Als sich im Mai 1791 abzeichnete, dass Pillnitz zum Tagungsort für Kaiser Leopold II. und den preußischen König Friedrich Wilhelm II. werden würde, wurde die Einrichtung der neuen Seitenflügel unter Hochdruck abgeschlossen, beziehungsweise für die hohen Gäste noch zusätzliches Mobiliar nach Pillnitz gebracht. Beide Herrscher wurden jeweils in einem Flügeltrakt des Bergpalais untergebracht. König Friedrich Wilhelm II. bewohnte das Hochparterre des Ost-Flügels, während Leopold II. das entsprechende Appartement im Westflügel zugewiesen wurde. Ihm wurden somit die prächtigsten Räume des Schlosses angeboten. Der Westflügel unterscheidet sich in der Grundrissstruktur des Parterres von den drei anderen Flügelbauten: Die Raumverteilung ist großzügiger und nach Süden, zum Lustgarten hin, ausgerichtet. Es ist zu vermuten, dass ihm ursprünglich eine andere Funktion – vielleicht als Gesellschafträume für den Hof – zugedacht war und die Zimmer deshalb auch so prächtige Vertäfelungen erhalten hatten, die heute zu den äußerst raren und künstlerisch sehr wertvollen Zeugnissen des Frühklassizismus in Sachsen zählen.

Impressionen

Der Frühklassizismus

Der Frühklassizismus

Die Innenraumausstattung gilt als das einzige, weitgehend im Original erhaltene Beispiel frühklassizistischer Dekoration im Umkreis des Dresdner Hofes. Der Klassizismus zieht seine Inspiration aus der Kunst der Antike, das heißt, er wendet sich ab von der bewegten Linie, den Muschelornamentformen und bewussten Asymmetrie des bisher vorherrschenden Rokoko. Er zitiert antikes Gestaltungs- und Dekorvokabular, dass durch die Ausgrabungen in Pompeji, Herculaneum und Rom in den Fokus rückt: Mythologische Szenen, Akanthusblatt, Widderkopf, Sphinx, ebenso wie die durch Raffael ausgemalten Loggien im Vatikan, die selbst durch die Grotteskendarstellung der durch Ausgrabungen erschlossenen Domus Aurea inspiriert waren, wirkten prägend.

Die Abwendung vom Rokoko hin zur Antike hatte in Dresden bereits Mitte des 18. Jahrhunderts auf theoretischem Gebiet begonnen. Die praktische Umsetzung in der Innenarchitektur folgte in den 1780er Jahren. Ein wichtiger Vertreter des aufkommenden Klassizismus war der Architekt Christian Traugott Weinlig (1739–1799), dem, ohne dass dafür bisher archivalische Nachweise gefunden werden konnten, die Entwürfe der Innenausstattung der Kaiserzimmer zugeschrieben werden. Mit der Eröffnung der Dauerausstellung des Kunstgewerbemuseums 1971 wurden die Räume in Weinlig-Zimmer umbenannt. Leider wurden weitere Innenraumausstattungen von Weinlig zerstört. Erhalten hat sich neben den Kaiserzimmern nur der Englische Pavillon im Schlossgarten Pillnitz.

Die Restaurierung

Die Restaurierung des Farb- und Dekorkonzepts

Die Räume wurden in den vergangenen drei Jahren durch den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) aufwendig restauriert. Die originalen Schnitz- und Stuckarbeiten sowie Malereien wurden sorgfältig gereinigt, fehlende Teile ergänzt und farblich veränderte Altrestaurierung neu eingestimmt. Die Untersuchungen haben es ermöglicht, dass sich nun die ursprüngliche Erscheinung der Kaiserzimmer besser nachvollziehen lässt. Das Appartement war in allen Räumen durch ein einheitliches Farbkonzept geprägt, bei dem alternierend Gelb- und Blautöne gegeneinander abgesetzt wurden. 

© Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Bildsammlung Neg.-Nr. 26/208)
Kaiserzimmer, historische Ansicht des Zimmers mit gelber Wandvertäfelung aus den 1920er-Jahren

Restaurierung 1.1

Die Wände waren mit strohfarbenen Seidenatlastapeten bespannt und um die Fenster waren entsprechend passenden Taft-Vorhänge in der gleichen Farbigkeit drapiert. Atlasseide entfaltet aufgrund der besonderen Bindungsart, bei der auf der Oberseite deutlich mehr Schussfäden liegen, einen sehr edlen Glanz. In diesem Raum bildete das strohfarbene Atlasgewebe einen spannungsvollen Komplementärkontrast zu der blauen Wandvertäfelung. 

Restaurierung 2

Die originalen Seidenbespannungen waren 1827 im Zuge einer Renovierungsmaßnahme abgenommen und durch Papiertapeten ersetzt worden. Im Zuge der Restaurierung konnte nun wieder eine an die Erstausstattung anknüpfende Atlas-Bespannung aufgebracht werden. Aufbauend auf Inventarbeschreibungen und der Auswertung von Faserbefunden konzipierte die Leipziger Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Dr. Sabine Schneider, die bereits in den Paraderäumen des Dresdner Residenzschlosses die Forschung und Planung zu den Prunktextilien durchgeführt hat, die neuen Wandbespannungen aus strohgelbem und hellbauen Seidenatlasgewebe.

© SKD, Foto: Klemens Renner
Kaiserzimmer im Bergpalais von Schloss Pillnitz, 25.08.2020

Restaurierung 2.2

Bei dem zart schimmernden, gelben Gewebe handelt es sich um einen Satin, der 1791 zu 100% aus Seide bestand. Heute finden wir ein Halbseidengewebe vor: Der Kettfaden besteht hauptsächlich aus Baumwolle. Der Schussfaden, der die Optik prägt, ist jedoch aus Seide. Die Bespannung wurde weitgehend nach historischem System an die Wand gebracht: Auf die Putzschicht wurde zuerst ein Leinengewebe aufgebracht. Aus konservatorischen Gründen ist darauf als moderne Zutat Japanpapier als zusätzliche Trenn- und Schutzschicht aufkaschiert. Ein Baumwollgewebe schließt als dritte Lage die Unterbespannung ab, auf der dann schließlich der kostbare Satin aufliegt. Das verwendete Textil ist maschinengewebt und hat eine Webbreite von 130 cm. Dieses moderne Maß entspricht jedoch nicht dem Maß von 1791 (ca. 53 cm). Für die authentische Anmutung wurden die Bahnen deshalb vertikal geteilt und neu vernäht.

Restaurierung 3

Bemerkenswert sind außerdem die Befunde zu den bemalten Wänden. Der Dresdner Restauratorin Sandra Risz ist es gelungen, durch minutiöse Freilegungen die ursprüngliche Struktur und Farbgebung der Wände zu ermitteln. Es handelt sich um illusionistische Dekormalerei, in die teilweise noch Medaillons eingeschrieben waren. 1791 hingen laut Inventar und Grundriss „21 Stück Italienischen Zeichnungen von Volpato“ in blauen Rahmen an den Wänden. Bei diesen handelte es sich, wie im historischen Grundriss angegeben, um Ansichten von „Monumenten und Gärten in Italien“. Ein exakter Nachweis der Grafiken, die 1791 hier hingen, ist jedoch nicht mehr möglich. 

© SKD, Foto: Klemens Renner
Kaiserzimmer im Bergpalais von Schloss Pillnitz, 25.08.2020

Restaurierung 4

Da die Inventare die Ausstattung nicht raumweise wiedergeben und die Angaben zu den Mobilien meist sehr allgemein gehalten sind, ist es kaum möglich, die originale Ausstattung nachzuvollziehen. Besonders erfreulich ist daher, dass es dank der im sächsischen Landesamt für Denkmalpflege erhaltenen Entwurfsskizzen zumindest möglich war, die beiden originalen Fensterpfeiler-Tische zu identifizieren und nach sorgfältiger Restaurierung wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückzuführen. Im Rahmen des Monarchentreffens hatte man extra ein Prunkbett nach Pillnitz gebracht und in den Kaiserzimmern aufgestellt und danach sofort wieder nach Dresden retourniert. Gleiches wird sicher mit Leuchtern, Tischen, Sitzmöbeln etc. passiert sein. Darüber ist jedoch en detail nichts bekannt.

© Klemens Renner
Kaiserzimmer im Bergpalais von Schloss Pillnitz, 25.08.2020

Der Kronleuchter

Ein neu erworbener Kronleuchter

Als einziges Objekt ohne historischen Raum-, aber mit umso stärkerem, stilistischen Bezug zu den Dekoren Weinligs, wird 2020 eine Neuerwerbung präsentiert, die das Kunstgewerbemuseum mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung umsetzen konnte: ein frühklassizistischer Kronleuchter in Form eines Eis. In den Akten wird für das gesamte Kaiser-Appartement nur ein Kronleuchter angegeben. Der ursprünglich zugehörige Leuchter lässt sich nicht identifizieren. Dafür konnte nun ein sehr würdiger Ersatz gefunden werden, der als Beispiel für die äußerst fantasievolle Gestaltung von Kronleuchtern um 1800 steht. Als Produkt der Chursächsischen Spiegelfabrik fügt er sich stimmig in den Raum ein.

Sowohl gestalterisch als auch technisch ist das Stück von herausragender Qualität: Seine unkonventionelle Korb- oder Eiform ist auch für die Zeit des Frühklassizismus eine große Besonderheit. Das Zusammenspiel des aus vergoldeter Bronze gearbeiteten Gestells mit dem variantenreich ausgeformten, böhmischen Glasbehang ist superb und zeugt vom hohen Niveau des sächsischen Kunsthandwerks der Zeit. Insbesondere die Chursächsische Spiegelfabrik war um 1800 eine der führenden mitteleuropäischen Manufakturen für messingmontierte Glaswaren und Leuchter.

Impressionen

Neue Dauerausstellung

Neue Dauerausstellung

Über die Winterschließzeit wird eine sensibel auf die historischen Interieurs abgestimmte neue museale Objektpräsentation in die Räume einziehen. Die neue Dauerausstellung „Gestaltung um 1800“ wird ab Sommer 2021 zu sehen sein und herausragende Stücke klassizistischer Gestaltung zeigen. Sie sind aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums, haben also keinen historischen Bezug zu den Räumen, dafür jedoch einen stilistischen. Dazu zählen Möbel, Metallarbeiten, Keramiken – insbesondere auch Arbeiten der Meissner Manufaktur wie beispielsweise ein spektakulärer Tafelaufsatz aus Biskuitporzellan.

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