8. April 2020

„Junge Dame mit Zeichengerät“ von C.C. Vogel von Vogelstein

Carl Christian Vogel von Vogelstein,  Junge Dame mit Zeichengerät – Gräfin Thekla, geb. Weyssenhoff, 1816

Provenienzrecherche

In den Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werden systematisch die Provenienzen sämtlicher Zugänge von Kunstwerken seit 1933 untersucht. Im Rahmen des Recherche-, Erfassungs- und Inventurprojekts "Daphne" erforschen Wissenschaftler*innen dabei die Herkunft von Objekten und bereiten gegebenenfalls ihre Restitution an die ehemaligen Eigentümer bzw. deren Erben vor. An dieser Stelle stellen Mitarbeiter*innen ihre Arbeit vor.

Im Jahr 2010

Im Jahr 2010 wurde das beliebte Gemälde Junge Dame mit Zeichengerät – Gräfin Thekla, geb. Weyssenhoff, gemalt 1816 von Carl Christian Vogel von Vogelstein, in der Galerie Neue Meister im Albertinum als ein geraubtes Kunstwerk identifiziert. Im Rahmen der Vorbereitungen für die Ausstellung Kunstbesitz. Kunstverlust. Objekte und ihre Herkunft erfolgte 2018 nochmals eine intensivere Beschäftigung mit der Biografie des Bildes. Weitere historische Fakten konnten ermittelt werden.

Das Porträt gehörte

Das Porträt gehörte bis zum April 1938 den in Wien lebenden jüdischen Schwestern Rosauer, wie es einem sogenannten „Judenvermögensverzeichnis“ zu entnehmen war. Die alleinstehenden Schwestern hatten die Gemäldesammlung ihres Bruders Gustav Rosauer nach dessen Tod 1919 geerbt. Gemeinsam wohnten sie in einem der prächtigen Stadtpalais an der Wiener Ringstraße, Zelinkagasse 9. Eine kürzlich entdeckte historische Fotografie vermittelt einen Eindruck des vornehmen Wohnviertels.

© Wiener Stadt- und Landesarchiv
Fotografie des Wohnhauses, Wien I, Schottenring 28-30, 1941, Reproduktion

Im April 1938 hatte

Im April 1938 hatte Herman Göring die „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ erlassen, nach der alle jüdischen Mitbürger aufgefordert wurden, ihr Vermögen anzumelden. Das umfängliche Verzeichnis der Rosauer-Schwestern führt unter Nummer 59 Vogelsteins Gemälde mit einem recht niedrigen Schätzwert von 250 Reichsmark auf. Noch in demselben Jahr wurde das Eigentum der Rosauer-Schwestern beschlagnahmt und veräußert. Über die Wiener Antiquitätenhändlerin Hildegard Gussenbauer wurde das Gemälde bereits im November 1938 an die Kunsthandlung Julius Böhler in München verkauft. Die Schwestern waren unterdessen in eine der Sammelwohnungen zwangsumgesiedelt worden, in denen bis zu 50 Personen auf engsten Raum unter schrecklichen Bedingungen leben mussten. Malvina (1859-1940), die älteste der bereits hochbetagten Schwestern, verstarb noch in Wien. Bertha (1864-1942) und Eugenie (1861-1942) wurden ins Konzentrationslager Treblinka deportiert und ermordet. Die Wiener Deportationslisten vom 11.9.1942 geben darüber Auskunft. An dieser Tatsache wird noch einmal auf erschütternde Weise deutlich, wie perfide das Vernichtungssystem der Nazis war. Selbst vor Alten, Gebrechlichen und Kindern gab es keinen Halt. 

Video

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Provenienzforschung: Junge Dame mit Zeichengerät
Provenienzforschung: Junge Dame mit Zeichengerät

Ein Eintrag im Inventarbuch

Ein Eintrag im Inventarbuch der Dresdner Gemäldegalerie für das Jahre 1940 führt zur Münchener Kunsthandlung Julius Böhler. Im Nachlass der Kunsthandlung Böhler, archiviert im Bayerischen Wirtschaftsarchiv der IHK München, befindet sich der Briefwechsel zum Ankauf des Bildes mit dem Galeriedirektor Hans Posse. Das Gemälde wurde mit 4.500 Reichsmark für Dresden erworben. 

Das im Inventar

Das im Inventar genannte Erwerbungsjahr 1940 war für die Provenienzforscher*innen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das Signal, diese Erwerbung genauer zu untersuchen und in der Lost Art-Datenbank zu veröffentlichen. Zeitgleich begannen die Nachfahren der Schwestern Rosauer mit der Fahndung nach der geraubten Sammlung. Schließlich konnten alle historischen Quellen zusammengebracht und das Gemälde 2011 an die früheren Eigentümer restituiert werden. Kurz darauf wurde es auf einer Londoner Auktion des Hauses Sotheby’s versteigert und mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erworben.

Eine junge Dame sitzt auf einem Stuhl vor einem Fenster. In der Hand hält sie ein Zeichengerät.
© SKD
Carl Christian Vogel von Vogelstein, Junge Dame mit Zeichengerät – Gräfin Thekla, geb. Weyssenhoff, 1816 Öl auf Leinwand, Albertinum

Daneben ergaben die Recherchen

Daneben ergaben die Recherchen, dass das Gemälde zum Schutz vor Kriegseinwirkungen kurz nach dem Ankauf durch die Dresdner Gemäldegalerie im nahe gelegenen Schloss Weesenstein ausgelagert wurde. Die Gemäldegalerie selbst war zu diesem Zeitpunkt schon geschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bilder aus den verschiedenen Auslagerungsorten im Schloss Pillnitz zusammengeführt und teilweise wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Transportliste nennt unter Nummer 24 Vogelsteins „Bildnis einer jungen Malerin“. Danach kam das Werk erneut nach Weesenstein und war dort fast 30 jahre lang als Leihgabe ausgestellt. Die Bekanntheit des Gemäldes nahm in den folgenden Jahrzehnten zu. 1987 schmückte Vogelsteins Gemälde die Titelseite des Bestandskatalogs der Gemäldegalerie Neue Meister. 

Die Biografie dieses Bildes spiegelt auf bewegende Weise die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. 

Von Claudia Maria Müller

Claudia Maria Müller

Claudia Maria Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im „Daphne-Projekt“  der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und verantwortlich für die Provenienzrecherche  im Albertinum / Galerie Neue Meister.

© privat
Claudia Maria Müller mit „Junge Dame mit Zeichengerät – Gräfin Thekla, geb. Weyssenhoff“ im Albertinum
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