28. April 2020

Von Schaumstoff bis VHS-Kassetten: zeitgenössische Kunstwerke restaurieren

Festigung einer Malschicht auf einer Plastiktüte

Intro

Franziska Klinkmüller ist Restauratorin für zeitgenössische Kunst und betreut die Kunstwerke der Schenkung Sammlung Hoffmann, welche seit März 2018 zum Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehören. Die Sammlung umfasst Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Videokunst sowie komplexe Installationen und Relikte von Performances von 1910 bis in die Gegenwart. Im Interview spricht sie über die besonderen Herausforderungen der Restaurierung von zeitgenössischen Objekten.

Wer sind Sie und welche Tätigkeit führen Sie innerhalb der SKD aus?

© privat
Restauratorin Franziska Klinkmüller in den Ausstellungsräumen

Wie sieht der Arbeitsalltag einer Restauratorin aus?

Liebe Frau Klinkmüller, Sie sind Restauratorin für zeitgenössische Kunst. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Der Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich und richtet sich ganz nach den aktuellen Projekten im Museum. Die Kernaufgabe ist aber immer ähnlich: Es geht darum die materielle Substanz der Kunstwerke und somit ihre künstlerische Intention zu bewahren. Im Alltag sind wir in den Ausstellungsräumen, am Computer, im Depot, in den Restaurierungswerkstätten oder auf Kurierfahrt zu finden.

Meist stehen, sitzen oder liegen wir sehr nah vor den Kunstwerken und inspizieren deren Zustand.

 

Stellt sich dabei heraus, dass z.B. eine Malschicht nicht mehr ausreichend auf einem Bildträger haftet oder eine Oberfläche stark verstaubt ist, dann planen wir entsprechende Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen. Diese führen wir entweder selbst in den Museumswerkstätten durch oder beauftragen externe Restaurator*innen damit. Anhand des Zustands und des Materials legen wir aber auch Parameter fest unter denen ein Kunstwerk transportiert und ausgestellt werden darf, ohne Schaden zu nehmen.

 

 

Welche Herausforderungen bringt die Arbeit als Restauratorin für zeitgenössische Kunst mit sich?

Welche Herausforderungen bringt die Arbeit als Restauratorin für zeitgenössische Kunst mit sich?

Eine große Herausforderung ist die breit aufgestellte Materialpalette der Moderne, aus der die Künstler*innen ihre Kunstwerke schaffen. Restaurator*innen für zeitgenössische Kunst sind nicht nur mit klassischen, künstlerischen Materialien wie Öl auf Leinwand, Holz und Stein konfrontiert, sondern auch mit Neonröhren, Lebensmitteln, VHS-Kassetten, alten Monitoren und diversen Kunststoffen.

Viele der modernen Materialien sind vergleichsweise kurzlebig und verschleißanfällig. Schaumstoff kann nach kurzer Zeit schon enorme Alterungserscheinungen zeigen und plötzlich ist eine Skulptur nicht mehr weiß und elastisch, sondern gelblich und spröde.

© SKD, Foto: Klinkmüller
Detail einer Malschicht auf Schaumstoff

Oder ein Kunstwerk

Oder ein Kunstwerk mit elektrotechnischen Bestandteilen, wie Glühbirnen oder Motoren, entspricht schon nach 10 Jahren nicht mehr den technischen Standards und kann ohne Umbau nicht ausgestellt werden. Bei allen Entscheidungen sind die Restaurator*innen für die Bewahrung der künstlerischen Intention zuständig und so vielfältig die modernen Materialien sind, so divers sind auch die Ausdrucksweisen der Künstler*innen, die es zu verstehen gilt. 

Woran arbeiten Sie gerade?

Woran arbeiten Sie gerade?

Auf dem einen Arbeitstisch liegt eine kinetische Skulptur von Jean Tinguely, deren Oberfläche verstaubt ist. Bevor das Objekt ausgestellt wird, steht eine Reinigung der lackierten Metallbleche und der mechanischen Bauteile an. Anschließend müssen die elektrotechnischen Bauteile (Motor, Stecker, ...) kontrolliert werden. Dafür werde ich eine*n Elektriker*in hinzuziehen und wir werden gemeinsam eventuelle Maßnahmen besprechen, um das Kunstwerk in Betrieb zeigen zu können.

Woran arbeiten Sie gerade?

Auf dem anderen Arbeitstisch liegt eine Skulptur aus Kressesamen und Textil von Teresa Murak, welche für einen Dialog mit historischen Harnischen in der Rüstkammer vorbereitet wird. Da die Kressesamen zum Teil nicht mehr gut an dem Textil haften, bin ich derzeit in Kontakt mit der Künstlerin, um herauszufinden, welchen Klebstoff sie verwendet hat. 

© SKD, Foto: Klinkmüller
Oberfläche der Skulptur aus Kressesamen

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Welches Objekt im Bestand der Sammlung Hoffmann hat es Ihnen besonders angetan und weshalb?

Welches Objekt im Bestand der Sammlung Hoffmann hat es Ihnen besonders angetan und weshalb?

Welches Objekt im Bestand der Sammlung Hoffmann hat es Ihnen besonders angetan und weshalb?

Noch habe ich nicht alle Kunstwerke gesehen, aber die Installation „Celesta“ von Madeleine Berkhemer, welche im vergangenen Jahr in Prag aufgebaut war, hat mich sehr begeistert. Das ist eine Rauminstallation aus farbigen Feinstrumpfhosen, die zwischen den Wänden gespannt sind. Durch das Spannen der Strumpfhosen ergibt sich ein Spinnennetz aus tollen Farben und Formen. In der Mitte hält das Netz ein Nest aus Kugeln, Würsten und Perücken. Die Künstlerin baute das Kunstwerk in diesem Fall noch selbst auf. Ich war ganz berauscht zu beobachten, wie aus einer Kiste so groß wie zwei Umzugskartons ein raumfüllendes Erlebnis aus Feinstrumpfhosen entstand.

© SKD, Foto: Klinkmüller
Sicht aus dem Inneren der Installation „Celesta“ von Madeleine Berkhemer

Was mögen Sie an Ihrem Beruf am meisten/und oder am wenigsten?

Was mögen Sie an Ihrem Beruf am meisten/und oder am wenigsten?

Am meisten gefällt mir die Abwechslung zwischen praktischer und theoretischer Arbeit und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Handwerke*innen, Kunsthistoriker*innen, Künstler*innen und Naturwissenschaftler*innen. 

Dazu begeister

Dazu begeistert es mich immer wieder aufs Neue, sich in die Arbeitsweise und die Ideenwelt der Künstler*innen hineinzudenken. Es ist toll, sich über längere Zeit und auf so kurze Distanz mit einem Kunstwerk zu befassen. 

link

Mehr erfahren? Die Fachgruppe "Moderne und Zeitgenössische Kunst" des Verbandes der Restauratoren steht Rede und Antwort über das Fachgebiet.

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