Mit ‘Südafrika’ getaggte Artikel

„My Joburg“ – Schüler schreiben Geschichten zu Johannesburg

Freitag, 20. Dezember 2013

„Who is Johannes?“ Dieser und anderen Fragen konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen des museumspädagogischen Programms der Sonderausstellung „My Joburg. Kunstszene Johannesburg“ im Lipsiusbau nachgehen.

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

„My Joburg“, präsentiert einen Querschnitt durch die aktuelle Kunstszene Johannesburgs und dokumentiert die südafrikanische Stadt aus individuellen Blickwinkeln – als Treffpunkt, Heimat und Quelle der Kreativität. Die vielen Geschichten, die Johannesburg und seine Bewohner zu erzählen haben, lassen sich auch in den Werken der Künstler und Künstlerinnen wiederfinden, die Teil der Ausstellung sind. Es sind Geschichten einer Gesellschaft, die noch heute mit den Folgen der Apartheid zu kämpfen hat. Kunstwerke, die hinter farbenfroher Fassade von Ungerechtigkeit, Wut und Gewalt zu berichten wissen. Aber auch fröhliche Geschichten einer Stadt, die so bunt und lebensfroh ist, wie ihre Bewohner.

Einen Teil dieser Geschichten konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Schülerkursen in der Ausstellung kennenlernen. In Kleingruppen diskutierten und erarbeiteten sie Bezüge zwischen den Kunstwerken der Ausstellung und der Stadt Johannesburg. Zum Schluss wurden die Schulklassen selbst kreativ und brachten die gesammelten Eindrücke in einem praktischen Teil aufs Papier. Die Zehntklässler der Dresdner Waldorfschule skizzierten ihr jeweiliges Lieblingsporträt, um im Anschluss daran eine eigene Geschichte zu dem Bild entstehen zu lassen. Nicht selten ging es in den Geschichten um die Lebensweise der Johannesburger und die Geschichte(n) ihrer Stadt.

Senta Beyer schrieb ihre Geschichte zu einem Porträt der Fotografin Zanele Muholi. Besonders das Leben der Menschen zur Zeit der Apartheid beeindruckte die Zehntklässlerin in der Ausstellung.

“Seit ich denken kann, lebe ich in Johannesburg. Ich komme aus einer sehr wohlhabenden Familie, doch seit die National Party an der Regierung ist, dürfen wir nicht mehr in unserem schönen alten Haus wohnen. Meine Mutter ist eine Schwarze, mein Vater ist Weißer, doch davon sieht man bei mir nichts. Mein Vater hat uns direkt nach meiner Geburt verlassen, weil es für ihn als Weißen verboten war, eine Ehe mit einer schwarzen Frau einzugehen. Ich bin 17 Jahre alt und gehe in eine Schule, in der nur schwarze Schüler sind. Manchmal frage ich mich, warum es so wichtig ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat. Wir wohnen in Soweto, vielleicht habt ihr davon schon einmal gehört. Hier hat man zwar nicht besonders viel Platz, aber ich bin froh darüber, so viele Nachbarn zu haben. Mein Traum ist es, später einmal Sängerin zu werden. Meine Mutter singt oft mit mir und hat mir viel beigebracht. Manchmal stelle ich mich einfach vor unser Haus und fange an zu singen. Die Leute aus unserer Nachbarschaft bleiben dann oft stehen, erkennen die Lieder und man sieht Bewunderung und Freude in ihren Gesichtern. Ich freue mich, wenn ich durch meine Musik Menschen glücklich machen kann. Aber ich weiß, dass ich als schwarzes Mädchen niemals im Fernsehen oder in den Bars der Stadt auftreten dürfte. Das dürfen nur die weißen Sänger.”

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"


Auch Friederike Weisheil war beeindruckt von Zanele Muholis Porträts. In ihrer Geschichte wollte sie die Eindrücke von Johannesburg einfangen, die sie in der Ausstellung gewonnen hat.

“Gedankenverloren laufe ich durch den dunklen Gang und zwischen den hohen Säulen hindurch, zwischen denen das frische Grün des Parks und das Licht des Frühlings morgens hindurchscheinen. Mit der rechten Hand halte ich mein T-Shirt fest. Es ist trägerlos und immer wenn ich mich beeile, droht es zu verrutschen. Gerade habe ich meinen Bruder Keenan zu meiner Tante gebracht. Sie passt vormittags immer auf ihn auf, wenn ich zur Arbeit gehe. Mein Bruder und ich leben alleine. Mama treibt sich irgendwo herum, jeden Tag ist sie woanders. Mal schläft sie unter einer Brücke, dann wieder sehe ich sie im Park neben den neugebauten Häusern. Ich habe die Verantwortung für Keenan übernommen, als Mama uns vor ungefähr zwei Jahren verließ, und beschloss ihr Leben anders weiterzuführen. Mir war das ganz recht, ich kam nie besonders gut mit ihr zurecht. Sie hat sich auch nie wirklich mütterlich um uns gekümmert. Als Kind war ich meistens mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft unterwegs. Wir spielten mit Dingen, die wir in der Gegend fanden: alte Autoreifen, Lehm und Holzstöcke. Was für andere bloß Müll war, wurde unser Schatz. Wenn der Wind durch die Straßen pfiff und uns die winzigen Staubkörner, vermischt mit goldfarbenen Teilchen aus den ehemaligen Minen, ins Gesicht wehte, brannte die Haut wie verrückt und wir fühlten uns wie die Arbeiter, die vor langer Zeit Johannesburgs Goldvorkommen aus tiefem Gestein geschlagen hatten. Wenn ich abends müde nach Hause kam, stellte ich mir oft vor, wie meine Mutter mir den Staub aus den Kleidern klopfen würde. Doch sie war zu beschäftigt mit sich selbst, um überhaupt zu bemerken, dass ich wieder im Haus war. Meinem Bruder möchte ich nun die Wärme und Liebe geben, die mir in meiner Kindheit gefehlt hat.”

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Autorin: Svenja Pacholski, sowie Senta Beyer & Friederike Weisheil (Freie Waldorfschule Dresden)

Ausstellungsaufbau “My Joburg. Kunstszene Johannesburg”

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Ab 26. Oktober 2013 zeigt euch unsere Sonderausstellung My Joburg zeitgenössische Kunst aus Südafrika. Einige Künstler haben wir vorab bei der Installation ihrer Arbeiten im Lipsiusbau getroffen.

In der Arbeit von Kemang Wa-Lehulere (*1984) sind Schrift, Zeichnung und Performance auf das Engste verbunden und befruchten sich gegenseitig. Literarische Zitate oder Gedichte von Autoren wie Lesego Rampolokeng oder R.R.R. Dhlomo liefern zuweilen das Stichwort für knappe Erzählungen, die er mit Kreide auf die Wand schreibt. Diese schriftlichen Aufzeichnungen verbindet er mit den geheimnisvollen Zeichen seiner persönlichen Mythologie – gesichtslosen Wesen, die weder Mensch noch Tier sind, Gebeinen, Flaschen, fliegenden Drachen usw. –, die er von Werk zu Werk in unendlichen Variationen neu kombiniert.

Kemang Wa-Lehulere fertigt Kreidezeichnungen auf einer großen Wandfläche an. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Kemang Wa-Lehulere fertigt Kreidezeichnungen auf einer großen Wandfläche an. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dineo Seshee Bopapes (*1981) kurzlebige, fragile Installationen aus Alltagsgegenständen sind geheimnisvoll und poetisch zugleich. Queen of Necklace evoziert mit ihrem Gehänge den Glamour von früher, wie ihn Nelson Mandelas erste Ehefrau Winnie verkörperte. Doch die eingestreuten Werkzeuge (Nadeln, Nähfuß, Spieße, Flaschen usw.) verleihen dem Werk eine ambivalente Note, denn sie wirken seltsam vertraut und bedrohlich zugleich und suggerieren unterschwellig Gewalt.

Dineo Seshee Bopape bei der Installation ihres Werkes "Queen of Necklace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dineo Seshee Bopape bei der Installation ihres Werkes "Queen of Necklace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Die Statue The Angel of Peace, die auf dem Georg-Treu-Platz zwischen Albertinum und der Kunsthalle im Lipsiusbau steht, hat der Autodidakt Winston Luthuli (*1968) vor Ort eigens für die Ausstellung angefertigt. Seine ersten Zementskulpturen entstanden 2003 vornehmlich für den öffentlichen Raum. Ähnliche Werke wie dieses thronen an prominenten Plätzen im Zentrum von Johannesburg und verkünden optimistische und wohlmeinende Botschaften.

Winston Luthuli arbeitet auf dem Vorplatz des Lipsiusbaus an seiner Skulptur "The Angel of Peace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Winston Luthuli arbeitet auf dem Vorplatz des Lipsiusbaus an seiner Skulptur "The Angel of Peace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Die unter der Apartheid eingeführte Rassentrennung hat Narben in der Stadt hinterlassen und ließ Parallelgesellschaften entstehen, die einander fremd sind. Die Folge ist, dass sich die Menschen aus Angst immer stärker verbarrikadieren, im Übrigen ein Phänomen, das nicht nur in Südafrika anzutreffen ist, sondern in allen Ländern, wo die soziale Ungleichheit groß ist und die Reichen die Begehrlichkeit der Ärmsten fürchten. Der zweireihige Maschendrahtzaun der Installation Security von Jane Alexander (*1959) ist vielsagend und lässt an Grenzen, Militärlager, Warendepots denken, oder auch an die übermächtige Sicherheitsindustrie, die ihre Aufgabe gewissenhaft ausführt. Hier umschließt der Zaun allerdings eine Parzelle, auf der Weizen wächst und eine Figur steht, die teils menschliche, teils tierische Züge aufweist. Ist diese Figur in Gefahr oder gefährlich? Geschützt oder eingesperrt? Zwischen den Zaunreihen liegen Tausende von Macheten, Sicheln und Handschuhen. Sie lassen an körperlich schwere Feldarbeit und Ernte denken, rufen aber auch ambivalente Assoziationen an Gewalt wach.

Jane Alexanders "Security" besteht aus einem gedeihenden Weizenfeld, umzäunt von Maschendraht und Macheten. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Jane Alexanders "Security" besteht aus einem gedeihenden Weizenfeld, umzäunt von Maschendraht und Macheten. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Bettina Malcomess (*1977) und Dorothee Kreutzfeldt (*1970) sind Kuratorinnen und Künstlerinnen. Ihre künstlerische Zusammenarbeit mündete in der Publikation: Not No Place: Johannesburg, Fragments of Spaces and Times (2013), deren erster Satz lautet: »Dieses Buch beginnt mit der Stadt als Material«. Es bildet die Grundlage für das Glossar, das die Künstlerinnen für den Katalog zur Ausstellung verfasst haben, und für ihre Installation. Letztere beginnt mit einem Video von Phybia Dlamini, das den Besucher von der Innenstadt nach Soweto führt. Eine Inspirationsquelle für Not No Place war die große Fülle der »Ephemere« aus vergangener wie aus jüngster Zeit, die Joburgs ungleichartige, riesige Einwohnerschaft generiert: Bücher, Urkunden, Fotos, Zeitungen, Broschüren, Telefonbücher, Pläne, Berichte, Protokolle von Gerichtsverfahren, Stadtratsbeschlüsse usw. Das ist Geschichte im Rohzustand. Ausgehend von diesem »archäologischen Material« vermischten Malcomess und Kreutzfeldt schriftliche und bildliche Fragmente und ließen sich bei ihrer Vorgehensweise von dem unvollendeten Passagenwerk über »Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts« von Walter Benjamin inspirieren.

Dorothee Kreutzfeld beim Einrichten des Dokumentationsraumes. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dorothee Kreutzfeld beim Einrichten des Dokumentationsraumes. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster