Wissenschaftler auf Reisen – Magdalena Kozar in Japan (Teil 2)

Magdalena Kozar ist Restauratorin in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zurzeit arbeitet sie an einem Restaurierungsprojekt zu Japanischen Imari Vasen mit Lackauflagen, die um 1700 in Arita hergestellt wurden. Diese außergewöhnliche Gruppe japanischen Porzellans ist Gegenstand eines großen Restaurierungsprojektes: Dank der großzügigen Unterstützung und Kompetenz des National Research Institute for Cultural Properties, Tokyo (TOBUNKEN) konnte die Restaurierung einer sogenannten Vogelbauervase ins Auge gefasst werden. Magdalena hat den Restaurierungsprozess für uns in Tokyo begleitet, um von den Spezialisten aus dem Ursprungsland der Vasen zu lernen.

Hier kommt Teil 2 des Berichts über ihre Erfahrungen rund um die Restaurierung in Tokyo.

VOGELBAUERVASE

Nach dem Transport der Vogelbauervase nach Japan wurde das Restaurierungskonzept die Restaurierung im Tokyo National Research Institute for Cultural Properties TOBUNKEN durchgeführt.

Nach längeren Vorbereitungen wurde eine von neun Vogelbauervasen, die sich in der Porzellansammlung in Dresden befinden, nach Tokyo transportiert um von den Japanischen Experten im Tokyo National Research Institute for Cultural Properties TOBUNKEN restauriert zu werden. Ich hatte das Glück diesen Prozess begleiten zu können.

Die Porzellansammlung in Dresden besitzt neun Vogelbauervasen, alle Objekte sind restaurierungsbedürftig.

Dieses außergewöhnliche Vase hat einen trompetenförmigen Gefäßkörper und ist sowohl außen wie innen unterglasurblau bemalt. Im unteren Bereich umschließt das Gefäß ein vergoldeter Metallkäfig, der mit einem Wolkenkragen aus ebenfalls vergoldetem Papiermaché verziert ist. Im Inneren des Käfigs sitzen zwei Porzellanvögel vor goldenem Hintergrund auf naturalistisch staffierten, hölzernen Felsen. Vier große lanzettförmige Felder im oberen Bereich der Vase sind aus der glasierten Oberfläche ausgespart und mit goldenem Urushi-Lack gefüllt. Die Vielfalt des Materials stellt dabei eine besonders große Herausforderung dar.

Die Vogelbauervase vor der Restaurierung – die Vielfalt von Materialien, wie zum Beispiel Porzellan, Urushi Lack, Metall, Papier, Holz war eine Restaurierungsherausforderung.

Lack reagiert auf jeden Wechsel von Luftfeuchtigkeit und Temperatur mit einer zumindest geringfügigen Veränderung der Ausdehnung – Porzellan dagegen ist relativ stabil. Dies führte im Verlauf der vergangenen 300 Jahre dazu, dass die Auflagen abfielen oder die Haftung zur Porzellanoberfläche verloren haben. Es war wichtig entsprechende Klebstoffe zu finden, die diese beiden Materialien miteinander verbinden können. Die Möglichkeit, das Restaurierungskonzept mit den Speziallisten aus dem Ursprungsland der Vase besprechen zu können, war hier von großem Wert.

Die Computertomographieuntersuchung im Nationalmuseum in Tokyo ermöglicht den Herstellungsprozess der Vogelbauervase besser zu verstehen.

Untersuchungen wie Computertomographie, Röntgenfluoreszenz und Kristallstrukturanalyse erleichterten die Auswahl der Restaurierungsmaterialien und ermöglichten die Material-und technologiegetreue Wiederstellung.

Das Restaurierungsprojekt in Tokyo wurde von Mitte Dezember 2016 bis Ende März 2017 durchgeführt. In der Zwischenzeit sind sehr viele Fragen entstanden, darunter die wichtigste – wie man die östlichen und westlichen Restaurierungskonzepte, die sich voneinander wesentlich unterscheiden, mit einander verbinden kann.

Urushi ist die Bezeichnung für einen natürlichen Lack, der aus den Lackbäumen in mehreren ostasiatischen Regionen gezapft wird. Das Fehlen der Lackbäume in Europa, macht diese Technik für europäische Künstler und Restauratoren noch mehr exotisch und besonders. Der rohe flüssige Lack wird nach dem Aushärten durch Polymerisation dunkel und unempfindlich gegen Temperatur, Wasser, Alkohol, Säuren, und Lösungsmittel. Das bedeutet, als Restaurierungsmittel wird Urushi irreversible. In Europa aber achtet man sehr darauf, dass die restaurierten Stellen reversibel bleiben und versucht, solche Stoffe zu verwenden, die man auch nach Jahren wieder abnehmen kann.

Als Restaurierungsmaterial wurde hauptsächlich Urushi Lack benutzt, also das selbe Material, womit die Künstler vor ein paar Hundert Jahren die Vogelbauervase dekoriert haben.

Nach der japanischen Restaurierungsethik soll dagegen das Objekt mit solchen Materialien restauriert werden, die man auch während des Herstellungsprozesses benutz hat. Nach längeren Überlegungen wurde beschlossen doch Urushilack zu verwenden. Urushi als Restaurierungsmittel ist sehr vielseitig und je nachdem wofür man den Lack verwenden will, kann man es mit entsprechenden zusätzlichen Stoffen mischen, wie zum Beispiel mit Wasser, Mehl, Hanf, Stoff, Sägespäne von Kiefernholz, Tonpulver, aber auch Lösungsmitteln. So wurde der Lack als Hauptstoff für die Konsolidierung, Befestigung, Ergänzung, Retusche und auch für Proben zur Musterrekonstruktion verwendet.

Die Restaurierung der Stellen, die sich hinter dem Käfig befinden war besonders anspruchsvoll, weil der Zugang nur durch die schmalen Zwischenräume der Gitterstäbe möglich war. Deswegen haben alle Restaurierungsschritte etwas länger gedauert.

Arbeiten mit Urushi verlangt viel Zeit und Geduld. Die Oberfläche besteht aus mehreren Schichten, die man nacheinander im Wechsel anträgt und nachdem eine Ebene ausgehärtet ist, poliert. Im Fall der Vogelbauervase war die Restaurierung noch dadurch etwas verlangsamt, da der Zugang zu den Stellen die sich in der Mitte vom Käfig befinden, sehr kompliziert war. Der nur ungefähr 2 cm breite Abstand zwischen den goldenen Gitterstäben hat alle Arbeitsschritte erschwert. Die Befestigung der zerbrechlichen Lackteile schien am Anfang fast unmöglich zu sein.

Der Holzkäfig, der nach der Vogelbauervasengröße abgemessen wurde, hat sehr geholfen die schwer zugänglichen, abgelösten Stellen zu befestigen.

Glücklicherweise haben die japanischen Kollegen auch für diese Schwierigkeit eine gute Lösung gefunden: genau an die Vasengröße angepasst, wurde ein Holzkäfig gebaut um einen besseren Zugang zu den Flächen die sich hinter den goldenen Stäben befinden, zu ermöglichen. Mit Hilfe dünner, flexibler Stäbchen, die zwischen Käfig und Vasenkörper eingesetzt wurden, konnte man die zerbrechlichen Lackauflagen wieder befestigen. Mit viel Geduld ist es auch gelungen den Käfigraum zu reinigen, zu konsolidieren und die Porzellanvögel, die im Laufe der Zeit Ihre ursprüngliche Position verloren haben, an der richtigen Stelle wieder anzubringen.

Als Verbindung zwischen Porzellanoberfläche und Lack wurde Fischleim ausgewählt. Dieser Klebstoff ist nämlich sehr weich und einfach zu entfernen, aber gleichzeitig sehr stark nach dem Austrocknen.

Ein anderes Problem betraf die Verbindungsflächen zwischen den unterschiedlichen Materialien. Meistens dienen Gegenstände aus Holz oder Papier als Grundlage für den Lack. In diesem außergewöhnlichen Fall, wo Urushi direkt auf das Porzellan aufgelegt wurde, war es sehr wichtig einen Kleber zu finden der einerseits stark genug ist um die beiden Materialien miteinander zu verbinden, aber gleichzeitig einfach zu entfernen ist und zudem eine relativ lange Arbeitszeit ermöglicht. Nach zahlreichen Proben hat sich herausgestellt, dass Fischleim diesen Forderungen am besten entspricht.

Eine der wichtigsten Entscheidungen war,ob die Fehlstellen mit Urushiapplikation rekonstruiert werden sollten oder nicht. Dadurch, dass in der Porzellansammlung in Dresden vergleichbare Stücke erhalten sind und sich das Muster an anderen Vasen wiederholt, weiß man, wie die vollständige Dekoration aussah. Aber nach japanischer Ansicht sollte die Arbeit nur auf die Konservierung der erhaltenden Substanz begrenzt bleiben, ohne die fehlenden Bereiche zu ergänzen. Deswegen wurde beschlossen das zerstörte Muster nicht zu rekonstruieren.

Rekonstruktionsproben wurden hergestellt, um nach und nach die historische Herstellungstechnik der Urushidekoration nachmachen zu können.

Die Proben sind eine gute Imitation der originalen Applikationen mit denen die Vogelbauervase verziert ist.

Die Frage in welcher Art und Weise die Lackapplikationen angefertigt worden sind, blieb aber trotzdem ein großes Rätsel. Mikroskop-Aufnahmen waren sehr hilfreich um die richtige Reihenfolge der einzelnen Lackebenen zu verstehen. Auf vorher in Arita hergestellten Porzellanproben wurden nacheinander Urushischichten aufgelegt und ausgehärtet, dann das Sandmuster eingetragen und am Ende das Ganze mit mit Gold überzogen. Falls man also in Zukunft die Fehlstellen der anderen Vogelbauervasen aus der Porzellansammlung doch ergänzen möchte – die ersten Rekonstruktionsversuche sind schon vorbereitet.

Porzellanhenkel in Form eines Elefantenkopfes wurden entweder in Arita oder in Meißen hergestellt. Kleine Unterschiede, wie zum Beispiel die Augen- und Ohrenlinien, oder die Porzellanfarbe ermöglichen zu bestimmen, in welchem der beiden Orte die einzelnen Stücke entstanden sind.

Ein interessanter Aspekt der im Arbeitsprozess aufgefallen ist, war der Ursprung des Porzellanhenkels. Obwohl  die Vase in Japan hergestellt wurde, kann man erstaunlicherweise doch Akzente aus europäischem Porzellan entdecken. Betrachtet man die Elefantenkopf Henkel an allen in Dresden erhaltenen Vasen genauer, fallen sowohl kleine Unterschiede in der Porzellanfarbe als auch in der Form der Elefantenköpfe auf. Im Fall der in Tokyo restaurierten Vase, sind die Elefantenköpfe, eine spätere Ergänzung aus Meissener Porzellan.

Nach der abgeschlossenen Restaurierung und der Rückkehr in die Porzellansammlung kann die Vogelbauervase den Besuchern gezeigt werden.

Nach fast vier Monaten intensiver und spannender Arbeit wurde die Restaurierung zu Ende gebracht. Obwohl die östlichen und westlichen Methoden manchmal etwas verschieden sind, konnte man immer einen Kompromiss finden. Nach der Rückkehr in die Porzellansammlung in Dresden kann die restaurierte Vogelbauervase der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die erfolgreiche Restaurierung in der Zusammenarbeit mit japanischen Kollegen wird hoffentlich ein guter Anfang sein, um auch die anderen Vasen mit Lackauflagenwieder in einen guten Zustand bringen zu können.

Für mich persönlich war das Praktikum im TOBUNKEN eine wunderbare Gelegenheit sowohl viel über die japanischen Restaurierungsmethoden zu lernen, als auch die japanische Kultur, Tradition, Arbeits-und Lebensweise, besser zu verstehen.

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