Kunst zum Anfassen: “Piranesi 3D”

In der aktuellen Sonderausstellung „Begegnungen mit Rom – Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“ im Kupferstich-Kabinett ist Piranesis Werk „Der Runde Turm“ nicht nur für Sehende, sondern auch für Blinde und Sehbehinderte erfahrbar. Das Tastmodell „Piranesi 3D“ entstand nach der Idee von Grit Lauterbach, Mitarbeiterin der Bildung und Vermittlung. Auf dieser Grundlage entwarf Evelyn Zinnatova das dreidimensionale Tastmodell, das sich unter anderem, aber nicht nur, an Blinde und Sehbehinderte richtet.

(Sur)reale Architektur im Kupferstich Kabinett

Ein runder, massiver Turm, eingebettet in einem mächtigen Gewölbe, umrahmt von mehreren Ebenen. Treppen winden sich um ihn herum; oben durch Stützen gefestigt, unten auf Rampen gebettet. Es sind Menschen zu sehen; schemenhaft bloß, klein und unscheinbar.

Giovanni Battista Piranesi: Der runde Turm, aus der Folge Invenzioni Capric di Carceri, Rom 1750, Radierung, 547 × 413 mm (Blatt, entlang des Plattenrands beschnitten), Kupferstich-Kabinett, Copyright: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank Das Foto zeigt einen früheren Druck des Kupferstiches. Ein späterer Druck von 1761 kann im Kupferstich Kabinett besichtigt werden und diente als Grundlage für das Tastmodell.

Dem Betrachter der Radierung „Der Runde Turm“ aus der Serie der Carceri, 1761 geschaffen von Giovanni Battista Piranesi in Rom, erschließt sich eine Komposition aus zahlreichen architektonischen Elementen, die miteinander verbunden und ineinander verschachtelt sind. Stufen, Geländer, Mauern, Bögen, Plattformen, Fenster und Pfeiler fügen sich zu einem komplexen Bau, welcher nur auf den ersten Blick den physikalischen Gesetzen gehorcht.

Piranesi spüren – Konzept für Blinde und Sehbehinderte

Seit dem 18. Oktober 2016 ist Piranesis Grafik aber nicht nur für Sehende, sondern auch für Blinde und Sehbehinderte erfahrbar. Evelyn Zinnatova, Diplomandin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, entwarf zunächst ein Knet-, darauf basierend dann ein digitales Modell. Wenig später folgte das dreidimensionale Tastmodell nach Giovanni Battista Piranesi – Der runde Turm, 1761, das Stück für Stück aus mehr als 50 Einzelteilen zusammengesetzt wurde.

Vom Knetmodell…

…zum digitalen…

…zum 3D-Tastmodell!

Starke Farbkontraste ermöglichen es Personen mit eingeschränktem Sehvermögen, unterschiedliche Bereiche des Modells besser zu erkennen. Mit Hilfe des Lesestiftes TipToi ® von Ravensburger können Teile des Modells angetippt werden, um diesem auch Klänge zu entlocken. Die Welt Piranesis kann so auch akustisch erfahren werden. Mehrere Nutzertests erlaubten es, das Tastmodell so an die Bedürfnisse von Blinden und Sehbehinderten anzupassen, dass verschiedene Sinne angesprochen werden.

Besucher in der Ausstellung „Begegnungen mit Rom – Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“ am Tastmodell „Piranesi 3D“, © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: David Pinzer

Besucher in der Ausstellung „Begegnungen mit Rom – Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“ am Tastmodell „Piranesi 3D“, © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: David Pinzer

Surreales realisieren? Ein schwieriges Unterfangen

Dabei war „die Umsetzung des Projektes nicht einfach“, erzählt Evelyn Zinnatova. „Es war wahnsinnig herausfordernd, aus der zweidimensionalen Radierung ein dreidimensionales Modell zu formen. Piranesi spielte mit verschiedensten Perspektiven und Blickwinkeln – diese in der Realität physisch umzusetzen, war oftmals gar nicht möglich. Deswegen habe ich hypothetisch Architekturelemente ergänzt, die in Piranesis Radierung nicht explizit dargestellt, aber konstruktiv notwendig sind.“

Zeichnerischer Entwurf des Modells

Das Tastmodell ist somit als eine Annäherung an die Radierung und eine Variation, nicht aber als unmittelbare dreidimensionale Umsetzung zu verstehen.

Übrigens:

Am Freitag, den 9.12.2016 stellt Evelyn Zinnatova im Kunstgespräch Piranesi 3D- Der runde Turm in neuen Dimensionen ihr Tastmodell persönlich in der Ausstellung vor.

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