Unikate – Gemeinsam Einzigartig

Zum Abschluss der Ausstellung „Die Teile des Ganzen“ und der ihr gewidmeten Blogserie folgt heute unsere letzte Hintergrundgeschichte. Am Sonntag, den 16. August, endet die Schau!

Die ausgestellten Unikate im gleichnamigen Themenbereich stehen in mehrerlei Hinsicht für sich. Sei es, dass sie künstlerisch außergewöhnlich sind, die letzten ihrer Art repräsentieren oder von besonderem historischem Wert sind.

Wenn man den Ausstellungsraum betritt, fällt einem sofort eine direkt gegenüberliegende, hoch oben an der Wand angebrachte Stubentüreins Auge. Durch die schräge Öffnung wird ein dahinterliegender Spiegel sichtbar, dieser lässt einen Zugang zu einem weiteren Raum vermuten. Diese Symbolik weist auf den einstigen Zugang zur Hochschule für Bildende Künste. Dennoch bleiben die Fragen offen: Ist es wirklich eine Türe? Oder ist es lediglich ein verziertes Stück Holz? Türband, Beschläge und Rahmen fehlen. Ähnlich wie die dissoziierten Uhrzeiger und Uhrgehäuse steht dieses 202*76 cm große Objekt seiner Funktion enthoben auf einmal seltsam isoliert im Raum. Die Tür, die am 12. Januar 1876 und damit noch vor der Eröffnung des Kunstgewerbemuseums am 15. September 1876 zum Preis von 54 Mark aus dem Hamburger Kunsthandel angekauft worden war, ist ein interessantes Zeugnis der Sammelpolitik des Kunstgewerbemuseums während dessen Gründungsphase. Als Fragment, ohne Rahmen und selbst mit fehlenden Füllungsfeldern – nur eines von ursprünglich vier ist erhalten – schien sie dem Museum dennoch sammlungswürdig. Ausschlaggebend dafür müssen die reichen Schnitzereien des Rahmenbandes gewesen sein, die den Studenten der Kunstgewerbeschule als Anschauungsmaterial dienen sollten. Angezweifelt werden muss jedoch die ursprüngliche Datierung in das 16. Jahrhundert: Die Gestaltung des Füllungsfeldes lässt eher an das 17. Jahrhundert denken. Fragen wirft das Türschloss auf, das eine eigenwillige Konstruktion aus Riegel und Schlüsselschild darstellt: Da das Schloss nur flächig aufliegt und nicht durch das Türblatt hindurchgeht, war die Tür nur von einer Seite aus zu öffnen.

Ausstellungsansicht: #2703 Tür / Unbekannter Künstler, Holstein (?), 17. Jh. (?) © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht: #2703 Tür / Unbekannter Künstler, Holstein (?), 17. Jh. (?) © SKD, Foto: Amac Garbe

Läuft man auf diesen Blickfang zu, kommt man nicht umhin einem ungewöhnlich gebauten Tisch seine Aufmerksamkeit zu schenken. Doch dieser erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine Kunstkammer im Kleinen: In den im Korpus verborgenen acht Schub- und Einsatzkästen befinden sich perfekt eingepasst mehr als 200 Einzelteile: unter anderem Apotheken-und Badergerät, Schreibzeug, Spiele, wissenschaftliche Instrumente und ein Virginal. Das Kabinett weist in seiner einzigartigen Formidee und seinen Teilen frappierende Parallelen zu dem großen Kunstkammer-Kabinett in Uppsala sowie dem Pommerschen Kunstschrank (Berlin) auf, die beide vom Augsburger Kaufmann und Diplomaten Philipp Hainhofer (1578 –1647) konzeptioniert und unter Mitarbeit verschiedenster Augsburger Kunsthandwerker ausgestattet worden waren. Trotz fehlendem schriftlichen Nachweis deuten Konzeption und Umsetzung auf eine Autorenschaft Hainhofers hin. Das Tischkabinett und seine Ausstattung werden erstmals im nach 1732 erstellten Inventar der Dresdner Kunstkammer erwähnt. Nach Auflösung der Kunstkammer wurde das Stück 1832 dem Historischen Museum übereignet und im Zuge der Neuordnung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 1958 dem Kunstgewerbemuseum übergeben. Seit 2010 laufen intensive Forschungen, die das Kabinett als Ganzes sowie seine spannenden Einzelteile untersuchen.

#47714 Kunstkammerkabinett in Form eines Tisches / Konzeption: Philipp Hainhofer (zugeschr.); Kistler: Ulrich Baumgartner (zugeschr.), um 1630

#47714 Kunstkammerkabinett in Form eines Tisches / Konzeption: Philipp Hainhofer (zugeschr.); Kistler: Ulrich Baumgartner (zugeschr.), um 1630

Vom Eingang kommend, rechter Hand ist ein Tisch mit einer aus verschiedenfarbigen Stein- und Marmorsorten mit Blumen, Früchten, Vögeln und Insekten verzierten, außergewöhnlich wertvollen Platte zu sehen. Bei der in Pietra dura-Technik gefertigten Tischplatte handelt es sich um eine Florentiner Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts. Pietra dura (ital. „harter Stein“) bezeichnet die Kunst der Verlegung von Bildern und Ornamenten mit Plättchen aus harten Steinsorten wie Achat, Chalcedon, Jaspis, Lapislazuli, Marmor, Perlmutt und Koralle. Das vom sächsischen Kurfürsten als Käufer um 1780 beauftragte Tischgestell im Louis XVI.-Stil entspricht dem Zeitgeschmack am Hof und nicht dem Stil der prächtigen Platte. Der Tisch wird 1786 im Inventar der kurfürstlichen Gardemeuble Dresden aufgeführt und 1793 in das Lustschloss Pillnitz übernommen. Die herausragende Bedeutung des Tisches zeigen zwei Vergleichsbeispiele: Ein offenbar sehr ähnlicher, seit 1945 vermisster Pietra dura-Tisch befand sich im Historischen Grünen Gewölbe Dresden und ist als Kriegsverlust zu verzeichnen. Das zweite Vergleichsbeispiel, nahezu identisch mit dem Pillnitzer Tisch, befindet sich im Musée du Louvre, Paris, und stammt aus der Sammlung des Kardinals Mazarin (1602 –1661), die nach dessen Tod von König Ludwig XIV. (1638 –1715) übernommen wurde.

Ausstellungsansicht: #47899 Wandtisch / Unbekannter Künstler, Florenz, frühes 17. Jh. (Platte), Sachsen, 1780–90 (Gestell) © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht: #47899 Wandtisch / Unbekannter Künstler, Florenz, frühes 17. Jh. (Platte), Sachsen, 1780–90 (Gestell) © SKD, Foto: Amac Garbe

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