„Die Biografie der Objekte“ erforschen und erzählen – Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes

Was hat ein ‎expressionistisches Gemälde mit der Himmelsscheibe von Nebra zu tun, was ein Ziegelscherben aus ‎dem Irak mit einem Federschmuck aus den Anden? Ganz einfach: Sie fanden alle Eingang in Museumssammlungen und besitzen doch jeweils eine ganz individuelle Biografie. Somit sind sie, wie unzählige andere Objekte in Ausstellungen und Depots von Museen, Gegenstand der Provenienzforschung, die diese jeweilige Geschichte der Objekte untersucht und beschreibt.

„Die Biografie der Objekte“, so lautete das Thema der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes, die vom 3. bis 6. Mai in Essen stattfand. Eindrucksvoller Rahmen waren die Gebäude der  Zeche Zollverein, in denen heute u.a. das Ruhr Museum untergebracht ist.

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, selbst erfahren in der Museumsarbeit, beschrieb in ihrer Eröffnungsgerede ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der Museumsbesucher im Besonderen an diesen Objektgeschichten – und konstatierte, dass Museen zunehmend bereit seien, sich mit den Provenienzen ihrer Schätze forschend auseinander zu setzen, und hier auch bereits von sich aus aktiv seien. An die Medien appellierte sie, endlich wahrzunehmen, dass die Museen in Deutschland sich ihrer Verantwortung für die Suche nach NS-Raubkunst bewusst sind. Unterstützung bei ihrer Arbeit in diesem Bereich würden sie u.a. durch die neu gegründete Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg erfahren. Die NS-Raubkunst sei dabei aber keineswegs das einzige Thema für die Provenienzforschung, daneben eröffneten sich noch andere, neue Tätigkeitsfelder.

Ihnen waren die einzelnen Panels der Jahrestagung am Montag und Dienstag, 4. und 5. Mai, gewidmet. Dazu gehören die Objektbiografien des sogenannten Kulturguts aus der Kolonialzeit, also außereuropäische Objekte unterschiedlichster Art, die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Museen kamen, als systematische Erwerbungen von wissenschaftlichen Expeditionen ebenso wie beispielsweise als Erinnerungsstücke von Missionaren. Viele Erwerbungswege sind zumindest aus heutiger Sicht höchst fragwürdig, erscheinen unmoralisch, illegitim oder illegal. Die „human remains“, Überreste von Menschen, die westliche Museen wie selbstverständlich sammelten, bilden dabei nur die makabere Spitze des Eisberges. Besonders für sie gibt es seit einigen Jahren Rückgabeforderungen aus manchen Herkunftsländern. Wie damit umzugehen ist, dafür haben die Museen bisher noch kaum allgemeingültige Lösungen, Patentrezepte gibt es nicht.

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Durch die politischen Ereignisse in Syrien und im Irak sind in den letzten Monaten archäologische Kulturgüter in den Fokus gerückt, die oftmals aus Raubgrabungen stammen und illegal in den Kunsthandel eingeschleust werden. Nicht nur der Nahe Osten ist davon betroffen, sondern genauso Italien und Griechenland oder Südamerika. Deutschland ist durch seine großzügige Gesetzgebung eine Drehscheibe für den Handel mit Raubgrabgut, und so erwarten die Museen hier einiges von einer geplanten Gesetzesänderung. Bis dahin, so ein Vorschlag der lebhaften Diskussion während der Tagung, sollte auf den Erwerb archäologischer Objekte am besten verzichtet werden.

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Ein weiteres, wieder ganz anderes Problemfeld hingegen eröffnete die Frage, wie mit Kunstwerken umgegangen werden soll, die in der DDR entzogen oder enteignet wurden. Das ist keineswegs ein spezielles Problem ostdeutscher Museen, denn viele dieser Werke wurden zum Zwecke der Devisenbeschaffung (Stichwort: Schalck-Golodkowski) in den Westen verkauft. So deutlich wie auf dieser Tagung war das zuvor selten gesagt worden. Auf diesem Feld war auch die langjährige Erfahrung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besonders gefragt. Als Teilnehmer an diesem Panel konnte ich skizzieren, wie die Handlungsspielräume der Museen aussehen: Sie sind Beteiligte in einem gesetzlich geregelten Verfahren und können keineswegs frei über Restitutionen entscheiden.

Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes hat keine einfachen Lösungen für die vielfältigen Probleme präsentiert – statt dessen hat sie gezeigt, dass es notwendig ist, die Provenienzforschung insgesamt weiter zu stärken, dass ihre Themen vielfältiger sind als in der Öffentlichkeit bisher bekannt und dass die Museen selbstbewusster ihre Möglichkeiten und Grenzen in diesem Bereich einschätzen und benennen sollten.

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel

 

 

 

 

 

 

 

 

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