„My Joburg“ – Schüler schreiben Geschichten zu Johannesburg

„Who is Johannes?“ Dieser und anderen Fragen konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen des museumspädagogischen Programms der Sonderausstellung „My Joburg. Kunstszene Johannesburg“ im Lipsiusbau nachgehen.

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

„My Joburg“, präsentiert einen Querschnitt durch die aktuelle Kunstszene Johannesburgs und dokumentiert die südafrikanische Stadt aus individuellen Blickwinkeln – als Treffpunkt, Heimat und Quelle der Kreativität. Die vielen Geschichten, die Johannesburg und seine Bewohner zu erzählen haben, lassen sich auch in den Werken der Künstler und Künstlerinnen wiederfinden, die Teil der Ausstellung sind. Es sind Geschichten einer Gesellschaft, die noch heute mit den Folgen der Apartheid zu kämpfen hat. Kunstwerke, die hinter farbenfroher Fassade von Ungerechtigkeit, Wut und Gewalt zu berichten wissen. Aber auch fröhliche Geschichten einer Stadt, die so bunt und lebensfroh ist, wie ihre Bewohner.

Einen Teil dieser Geschichten konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Schülerkursen in der Ausstellung kennenlernen. In Kleingruppen diskutierten und erarbeiteten sie Bezüge zwischen den Kunstwerken der Ausstellung und der Stadt Johannesburg. Zum Schluss wurden die Schulklassen selbst kreativ und brachten die gesammelten Eindrücke in einem praktischen Teil aufs Papier. Die Zehntklässler der Dresdner Waldorfschule skizzierten ihr jeweiliges Lieblingsporträt, um im Anschluss daran eine eigene Geschichte zu dem Bild entstehen zu lassen. Nicht selten ging es in den Geschichten um die Lebensweise der Johannesburger und die Geschichte(n) ihrer Stadt.

Senta Beyer schrieb ihre Geschichte zu einem Porträt der Fotografin Zanele Muholi. Besonders das Leben der Menschen zur Zeit der Apartheid beeindruckte die Zehntklässlerin in der Ausstellung.

“Seit ich denken kann, lebe ich in Johannesburg. Ich komme aus einer sehr wohlhabenden Familie, doch seit die National Party an der Regierung ist, dürfen wir nicht mehr in unserem schönen alten Haus wohnen. Meine Mutter ist eine Schwarze, mein Vater ist Weißer, doch davon sieht man bei mir nichts. Mein Vater hat uns direkt nach meiner Geburt verlassen, weil es für ihn als Weißen verboten war, eine Ehe mit einer schwarzen Frau einzugehen. Ich bin 17 Jahre alt und gehe in eine Schule, in der nur schwarze Schüler sind. Manchmal frage ich mich, warum es so wichtig ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat. Wir wohnen in Soweto, vielleicht habt ihr davon schon einmal gehört. Hier hat man zwar nicht besonders viel Platz, aber ich bin froh darüber, so viele Nachbarn zu haben. Mein Traum ist es, später einmal Sängerin zu werden. Meine Mutter singt oft mit mir und hat mir viel beigebracht. Manchmal stelle ich mich einfach vor unser Haus und fange an zu singen. Die Leute aus unserer Nachbarschaft bleiben dann oft stehen, erkennen die Lieder und man sieht Bewunderung und Freude in ihren Gesichtern. Ich freue mich, wenn ich durch meine Musik Menschen glücklich machen kann. Aber ich weiß, dass ich als schwarzes Mädchen niemals im Fernsehen oder in den Bars der Stadt auftreten dürfte. Das dürfen nur die weißen Sänger.”

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"


Auch Friederike Weisheil war beeindruckt von Zanele Muholis Porträts. In ihrer Geschichte wollte sie die Eindrücke von Johannesburg einfangen, die sie in der Ausstellung gewonnen hat.

“Gedankenverloren laufe ich durch den dunklen Gang und zwischen den hohen Säulen hindurch, zwischen denen das frische Grün des Parks und das Licht des Frühlings morgens hindurchscheinen. Mit der rechten Hand halte ich mein T-Shirt fest. Es ist trägerlos und immer wenn ich mich beeile, droht es zu verrutschen. Gerade habe ich meinen Bruder Keenan zu meiner Tante gebracht. Sie passt vormittags immer auf ihn auf, wenn ich zur Arbeit gehe. Mein Bruder und ich leben alleine. Mama treibt sich irgendwo herum, jeden Tag ist sie woanders. Mal schläft sie unter einer Brücke, dann wieder sehe ich sie im Park neben den neugebauten Häusern. Ich habe die Verantwortung für Keenan übernommen, als Mama uns vor ungefähr zwei Jahren verließ, und beschloss ihr Leben anders weiterzuführen. Mir war das ganz recht, ich kam nie besonders gut mit ihr zurecht. Sie hat sich auch nie wirklich mütterlich um uns gekümmert. Als Kind war ich meistens mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft unterwegs. Wir spielten mit Dingen, die wir in der Gegend fanden: alte Autoreifen, Lehm und Holzstöcke. Was für andere bloß Müll war, wurde unser Schatz. Wenn der Wind durch die Straßen pfiff und uns die winzigen Staubkörner, vermischt mit goldfarbenen Teilchen aus den ehemaligen Minen, ins Gesicht wehte, brannte die Haut wie verrückt und wir fühlten uns wie die Arbeiter, die vor langer Zeit Johannesburgs Goldvorkommen aus tiefem Gestein geschlagen hatten. Wenn ich abends müde nach Hause kam, stellte ich mir oft vor, wie meine Mutter mir den Staub aus den Kleidern klopfen würde. Doch sie war zu beschäftigt mit sich selbst, um überhaupt zu bemerken, dass ich wieder im Haus war. Meinem Bruder möchte ich nun die Wärme und Liebe geben, die mir in meiner Kindheit gefehlt hat.”

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Autorin: Svenja Pacholski, sowie Senta Beyer & Friederike Weisheil (Freie Waldorfschule Dresden)

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Eine Antwort auf „My Joburg“ – Schüler schreiben Geschichten zu Johannesburg

  1. Mit solchen Ausstellungeb bringt man den Menschen nicht nur Kunst sondern auch andere Kulturen und Lebensweisen näher. Halte ich für sehr wichtig. Sehr schön.

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