Archiv für August 2015

Die falsche Blume – Fieberwahn

Freitag, 21. August 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“. Die Schau kann noch bis zum 13. September im Wasserpalais in Pillnitz bestaunt werden.

Wir nehmen Euch mit auf eine Reise durch die Sage der Lore. Heute begeben wir uns an die Stelle der Geschichte, an der Lore aufgrund der Strapazen der langen und komplikationsreichen Reise in der Stube zusammenbricht und im Fieberwahn ihrer Großmutter alles erzählt, was sie erlebt hat. Durch den Teppich auf dem Boden, das Bild an der Wand, die Blumen auf dem Tisch und die Quastenleuchte an der Decke wird in dieser Szene die gemütliche Stube nachempfunden.

Ausschnitt aus der Tanzchoreographie für die Szene „Fieberwahn“, zu sehen ist Lore, die ihrer Großmutter im Fieberwahn ihre Erlebnisse erzählt © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausschnitt aus der Tanzchoreographie für die Szene „Fieberwahn“, zu sehen ist Lore, die ihrer Großmutter im Fieberwahn ihre Erlebnisse erzählt © SKD, Foto: Ronald Bonss

Der Sessel und der zugehörige Hocker „Perianth“ wurden beide in der Krebes Raumausstattung & Polsterei gefertigt. Als Gesamtdienstleister bietet die Manufaktur sowohl die Maßanfertigung von Polstermöbeln, das Neupolstern und -beziehen als auch das Planen und Gestalten von Heimtextilien an. Das Berliner Ladengeschäft bietet die Möglichkeit, einen Einblick in das Handwerk als Raumausstatter zu erhalten – gläserne Wände erlauben den Blick hinter die Kulissen. Besonderen Wert legen Krebes auf die Kontrolle ökologischer Unbedenklichkeit und fairer Herstellungsbedingungen ihrer Stoffe.

Nach dem Entwurf Hermann August Weizeneggers und unter Berücksichtigung von Nutzen und Funktionalität wird das Sesselgestell aus Hartholz in der Tischlerei maßgenau angefertigt. Damit wird die Grundform des Möbels definiert und die notwendige Struktur für die Polsterung angelegt.
Danach werden auf dem Gestell kreuzweise Gurte mit Nägeln befestigt. Darauf näht man Sprungfedern, welche miteinander verschnürt und mittels Knoten in Form gebracht werden. Lagen von Bezügen und Füllmaterial werden aufgebracht, bis sie die Gestalt des geplanten Sessels haben – die sogenannte „Fasson“. Abschließend bezieht man diese Lagen mit dem eigens dafür angefertigten Möbelstoff.

Maßanfertigung des Sesselgestells aus Hartholz für Modell „Perianth“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Krebes Raumausstattung & Polsterei, Foto und © Krebes Raumausstattung & Polsterei

Maßanfertigung des Sesselgestells aus Hartholz für Modell „Perianth“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Krebes Raumausstattung & Polsterei, Foto und © Krebes Raumausstattung & Polsterei

Die Vase „Flussgeist“ stammt aus der Manufaktur Gotthard – Glas. Der Ausgangspunkt für Gotthard Petricks Glasarbeiten liegt in einem in Arsall-Technik gefertigten Stück, das ihn vor langer Zeit faszinierte: eine aufwändige Überfangtechnik für Glas. Daraufhin absolvierte er eine Ausbildung zum Diplomingeneur für Glashüttentechnik, machte sich als Produktionsoptimierer selbständig und entwirft heute selbst. Seine Arbeitsweise wurde sein Markenzeichen, das er 2010 als „Gotthard-Glas“ schützen ließ. Heute präsentiert Petrick seine Arbeiten in seinem Bad Muskauer Geschäft.

Bei dieser Vase werden mittels Überfangtechnik verschiedenfarbige Glasschichten in einer mobilen Aufheizkiste auf ein Grundglas aufgeschmolzen. Die typische Arsall-Technik, die Gotthard Petrick so beeindruckte, kann in der Szene Geldsack an einer Vase bestaunt werden. Hierbei wird auf die jeweils oberste Schicht – auf der Fläche des in dieser Farbe gewünschten Musterteils – eine säurebeständige Schutzschicht aufgezogen. Anschließend werden mit einem Säureverfahren die ungeschützen Flächen in mehreren Schritten herausgeätzt, um das mehrfarbige Blumenmuster zu erzeugen. Abschließend werden die Vasen durch Sandstraheln satiniert.

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die Szene „Fieberwahn“ © SKD, Foto: Torsten-Pieter Rösler

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die Szene „Fieberwahn“ © SKD, Foto: Torsten-Pieter Rösler

Jende Posamenten Manufaktur fertigte für diese Szene sowohl die Hängeleuchte „Quastenleuchte“ als auch die beiden Raffhalter „Forst“ für die Vorhänge an. Das Unternehmen zählt zu einer der letzten Manufakturen für traditionelle Posamenten (Besatzartikel auf textilen Endprodukten) in Deutschland. Gegründet wurde sie 1884 von Theodor Wagler in Berlin. Nachdem das Unternehmen drei Generationen lang in Berlin geführt wurde, wurde es 2006 in die Tuchmacherstadt Forst (Lausitz) verkauft, wo es 2013 Familie Jende aus der Insolvenz übernahm. Zum Sortiment gehören unter anderem verschiedenste Borten und Besätze, Schnuren und Fransen. Hauptsächlich in Handarbeit entstehen unterschiedlichste Quasten und Taue sowie gedrehte Textilkabel. Besonders aufwändig in der Gestaltung der Leuchte sind die beiden Baldachine. Die aus Holz bestehende Grundform wird von Hand mit einer zuvor gefertigten Gimpe (eine Art feste Schnur) berollt. Anschließend erfolgt die Bekettung mit dem Netz. Auf diese Art werden auch häufig die Facons von Quasten bearbeitet.

Ausstellungsansicht der Hängeleuchte „Quastenleuchte“ ©SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht der Hängeleuchte „Quastenleuchte“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ein besonderes Schmuckelement an dem Raffhalter ist das Spikat jeweils am Ende des Taus. Aus einer zuvor in Handarbeit hergestellten Gimpe wird per Hand ein Knoten gestochen. Das Spikat dient als Schmuckelement, aber auch als Abdeckung an dem Tau. Es ist in der Posamenterie auch an vielen anderen Produkten zu finden.

Raffhalter und Spikat „Forst“ in der Szene „Fieberwahn“ © SKD, Foto: Torsten-Pieter Rösler

Raffhalter und Spikat „Forst“ in der Szene „Fieberwahn“ © SKD, Foto: Torsten-Pieter Rösler

Weitere Mitwirkende Manufakturen in dieser Szene waren unter anderem Rohleder Möbelstoffweberei GmbH, Meissen Couture ® und Deutsche Kunstblume Sebnitz. Diese werden wir in einem der kommenden Beiträge vorstellen oder wurden bereits vorgestellt.

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

Die falsche Blume – Eiswasser & Flussteufel

Freitag, 14. August 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“. Die Schau kann noch bis zum 13. September im Wasserpalais in Pillnitz bestaunt werden.

Wir nehmen Euch mit auf eine Reise durch die Sage der Lore. Heute begeben wir uns an die Stelle der Geschichte, an der Lore auf Ihrem Heimweg in den Sebnitzer Fluss einbricht und von dem zunächst erbosten Flussteufel gerettet wird. Die Szene „Eiswasser“ empfindet hierbei den Fluss und die schneebedeckte Winterlandschaft nach. Eine weitere kleinere Szene ist hierbei allein dem Flussteufel gewidmet und trägt daher auch seinen Namen.

Ausschnitt aus der Tanzchoreographie für die Szene „Eiswasser“, zu sehen sind Lore und der Sebnitzer Flussteufel © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausschnitt aus der Tanzchoreographie für die Szene „Eiswasser“, zu sehen sind Lore und der Sebnitzer Flussteufel © SKD, Foto: Ronald Bonss

Die drei Bettwäschen „Röntgenbotanik“, die im Hintergrund dieser Szene das Eiswasser simulieren, stammen aus der Manufaktur Curt Bauer GmbH, das mittelständische Familienunternehmen ist in vierter Generation seit über 130 Jahren tätig. Am Firmenstandort im erzgebirgischen Aue finden sich produktionsvorbereitende Bereiche wie zum Beispiel die Weberei oder Färberei. Das Hauptsortiment erstreckt sich von Haustextilien wie Bettwäsche oder Tischwäsche über Bekleidungsdamaste wie „Grand Boubou”-Kleidung bis hin zu technischen Textilien wie Laderaumabdeckungen. Besonderes Augenmerk legt das Unternehmen hierbei auf Qualität und Nachhaltigkeit.

Durch das Weben mit der Jacquard-Technik (Normale Webstühle können nur Gruppen von Kettfäden anheben – in der Jaquard-Technik können gezielt einzelne Kettfäden angehoben werden) können großflächige und detaillierte Musterungen mittels der programmierten Webstühle hergestellt werden.

In der Baumwollveredlung werden dann zuerst lose Faserenden abgesengt und das Textil gebleicht. Das darauf folgende Mercersieren verleiht der Wäsche durch Strecken der Fasern dauerhaften Glanz. Anschließend durchläuft das Textil unterschiedliche chemische und mechanische Methoden zur Herstellung der spezifischen Materialeigenschaften je nach Einsatzgebiet. Zuletzt wird das Textil beim Kalandern mit großem Druck und hoher Temperatur geglättet.

Ausstellungsansicht von einer der fünf Leuchten „Cumulus“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht von einer der fünf Leuchten „Cumulus“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Die fünf, von oben herabhängenden Leuchten „Cumulus“ wurden in der Manufaktur Weissfee GmbH gefertigt. Seit mehr als 20 Jahren steht die Firma in der Tradition vogtländischer Stickerei und Spitzen-Herstellung und kombiniert diese Kenntnisse mit moderner Technik und zeitgenössischer Gestaltung. Geführt wird das in Mühltroff bei Plauen ansässige Unternehmen, das einst als Verbund zahlreicher kleiner Manufakturen entstanden war, von der Eigentümerin Heike Peter. Ihre Vorliebe für weiß in weiß gestickte Arbeiten führte 2008 zum jetzigen Firmennamen und einer inhaltlichen Neupositionierung, die darauf abzielt, exklusive Spitzen-Textilien herzustellen.

Die Gestalter brachen den Entwurf der Blume in ein zweidimensionales, ornamentales Muster um. Eine Besonderheit dieser Art der Spitzenfertigung ist es, zwischen den Garnen Leerräume entstehen zu lassen, ohne dass die Konstruktion instabil wird. Durch generative Programmierung verformt sich das Spitzenband der Lampenschirme nach Auslösung und aufwändiger Konfektionierung zu individuellen Spiralen.

In der kleinen, danebenliegenden Szene „Flussteufel“ ist der Likör „Sebnitzer Flussteufel“ mit zwei passenden Likörgläsern zu sehen. Der Likör wurde eigens für diese Ausstellung durch Augustus Rex® Erste Dresdner Spezielitätenbrennerei GmbH gebrannt.

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die Szene „Flussteufel “ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die Szene „Flussteufel “ © SKD, Foto: Ronald Bonss

„Nil nisi optimorum – Nur vom Besten“ – getreu diesem Gebot hat Augustus Rex® im Jahr 2001 die „Erste Dresdner Spezialitätenbrennerei“ gegründet. Die alten Streuobstwiesen August des Starken bieten sowohl die Rohstoffbasis für die sortenreinen Destillate als auch den Namen des Unternehmens. Ziel von Augustus Rex® ist es, nicht mehr wirtschaftlich genutzte, alte Obstsorten zu erhalten, indem aus ihnen hochwertige Edelbrände hergestellt werden. Diese einmaligen Ressourcen an ungespritztem Obst ermöglichen es hocharomatische, sortenreine Destillate in großer Vielfalt und hoher Qualität herzustellen.

Der Kräuterlikör besteht aus 50 ausgewählten Kräutern und wird mit reinem Quellwasser und Alkohol in Fässern angesetzt. Nach sensorischer Prüfung durch die Destillateure erfolgt das Abrunden der Aromatik durch den Zusatz von Zucker. Nach einer Ruhezeit von bis zu sechs Wochen wird der Kräuterlikör in Flaschen handabgefüllt und etikettiert. Für den „Sebnitzer Flussteufel“ wurden individuelle Etiketten gefertigt. Das darauf zu sehende Motiv kann gleichermaßen als Teufelsfratze oder als Blumensilhouette interpretiert werden.

Außerdem beteiligt an diesen Szenen war unter anderem die Manufaktur Deutsche Kunstblume Sebnitz. Mehr zu dieser Manufaktur findet ihr in diesem Beitrag.

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

 

Unikate – Gemeinsam Einzigartig

Donnerstag, 13. August 2015

Zum Abschluss der Ausstellung „Die Teile des Ganzen“ und der ihr gewidmeten Blogserie folgt heute unsere letzte Hintergrundgeschichte. Am Sonntag, den 16. August, endet die Schau!

Die ausgestellten Unikate im gleichnamigen Themenbereich stehen in mehrerlei Hinsicht für sich. Sei es, dass sie künstlerisch außergewöhnlich sind, die letzten ihrer Art repräsentieren oder von besonderem historischem Wert sind.

Wenn man den Ausstellungsraum betritt, fällt einem sofort eine direkt gegenüberliegende, hoch oben an der Wand angebrachte Stubentüreins Auge. Durch die schräge Öffnung wird ein dahinterliegender Spiegel sichtbar, dieser lässt einen Zugang zu einem weiteren Raum vermuten. Diese Symbolik weist auf den einstigen Zugang zur Hochschule für Bildende Künste. Dennoch bleiben die Fragen offen: Ist es wirklich eine Türe? Oder ist es lediglich ein verziertes Stück Holz? Türband, Beschläge und Rahmen fehlen. Ähnlich wie die dissoziierten Uhrzeiger und Uhrgehäuse steht dieses 202*76 cm große Objekt seiner Funktion enthoben auf einmal seltsam isoliert im Raum. Die Tür, die am 12. Januar 1876 und damit noch vor der Eröffnung des Kunstgewerbemuseums am 15. September 1876 zum Preis von 54 Mark aus dem Hamburger Kunsthandel angekauft worden war, ist ein interessantes Zeugnis der Sammelpolitik des Kunstgewerbemuseums während dessen Gründungsphase. Als Fragment, ohne Rahmen und selbst mit fehlenden Füllungsfeldern – nur eines von ursprünglich vier ist erhalten – schien sie dem Museum dennoch sammlungswürdig. Ausschlaggebend dafür müssen die reichen Schnitzereien des Rahmenbandes gewesen sein, die den Studenten der Kunstgewerbeschule als Anschauungsmaterial dienen sollten. Angezweifelt werden muss jedoch die ursprüngliche Datierung in das 16. Jahrhundert: Die Gestaltung des Füllungsfeldes lässt eher an das 17. Jahrhundert denken. Fragen wirft das Türschloss auf, das eine eigenwillige Konstruktion aus Riegel und Schlüsselschild darstellt: Da das Schloss nur flächig aufliegt und nicht durch das Türblatt hindurchgeht, war die Tür nur von einer Seite aus zu öffnen.

Ausstellungsansicht: #2703 Tür / Unbekannter Künstler, Holstein (?), 17. Jh. (?) © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht: #2703 Tür / Unbekannter Künstler, Holstein (?), 17. Jh. (?) © SKD, Foto: Amac Garbe

Läuft man auf diesen Blickfang zu, kommt man nicht umhin einem ungewöhnlich gebauten Tisch seine Aufmerksamkeit zu schenken. Doch dieser erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine Kunstkammer im Kleinen: In den im Korpus verborgenen acht Schub- und Einsatzkästen befinden sich perfekt eingepasst mehr als 200 Einzelteile: unter anderem Apotheken-und Badergerät, Schreibzeug, Spiele, wissenschaftliche Instrumente und ein Virginal. Das Kabinett weist in seiner einzigartigen Formidee und seinen Teilen frappierende Parallelen zu dem großen Kunstkammer-Kabinett in Uppsala sowie dem Pommerschen Kunstschrank (Berlin) auf, die beide vom Augsburger Kaufmann und Diplomaten Philipp Hainhofer (1578 –1647) konzeptioniert und unter Mitarbeit verschiedenster Augsburger Kunsthandwerker ausgestattet worden waren. Trotz fehlendem schriftlichen Nachweis deuten Konzeption und Umsetzung auf eine Autorenschaft Hainhofers hin. Das Tischkabinett und seine Ausstattung werden erstmals im nach 1732 erstellten Inventar der Dresdner Kunstkammer erwähnt. Nach Auflösung der Kunstkammer wurde das Stück 1832 dem Historischen Museum übereignet und im Zuge der Neuordnung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 1958 dem Kunstgewerbemuseum übergeben. Seit 2010 laufen intensive Forschungen, die das Kabinett als Ganzes sowie seine spannenden Einzelteile untersuchen.

#47714 Kunstkammerkabinett in Form eines Tisches / Konzeption: Philipp Hainhofer (zugeschr.); Kistler: Ulrich Baumgartner (zugeschr.), um 1630

#47714 Kunstkammerkabinett in Form eines Tisches / Konzeption: Philipp Hainhofer (zugeschr.); Kistler: Ulrich Baumgartner (zugeschr.), um 1630

Vom Eingang kommend, rechter Hand ist ein Tisch mit einer aus verschiedenfarbigen Stein- und Marmorsorten mit Blumen, Früchten, Vögeln und Insekten verzierten, außergewöhnlich wertvollen Platte zu sehen. Bei der in Pietra dura-Technik gefertigten Tischplatte handelt es sich um eine Florentiner Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts. Pietra dura (ital. „harter Stein“) bezeichnet die Kunst der Verlegung von Bildern und Ornamenten mit Plättchen aus harten Steinsorten wie Achat, Chalcedon, Jaspis, Lapislazuli, Marmor, Perlmutt und Koralle. Das vom sächsischen Kurfürsten als Käufer um 1780 beauftragte Tischgestell im Louis XVI.-Stil entspricht dem Zeitgeschmack am Hof und nicht dem Stil der prächtigen Platte. Der Tisch wird 1786 im Inventar der kurfürstlichen Gardemeuble Dresden aufgeführt und 1793 in das Lustschloss Pillnitz übernommen. Die herausragende Bedeutung des Tisches zeigen zwei Vergleichsbeispiele: Ein offenbar sehr ähnlicher, seit 1945 vermisster Pietra dura-Tisch befand sich im Historischen Grünen Gewölbe Dresden und ist als Kriegsverlust zu verzeichnen. Das zweite Vergleichsbeispiel, nahezu identisch mit dem Pillnitzer Tisch, befindet sich im Musée du Louvre, Paris, und stammt aus der Sammlung des Kardinals Mazarin (1602 –1661), die nach dessen Tod von König Ludwig XIV. (1638 –1715) übernommen wurde.

Ausstellungsansicht: #47899 Wandtisch / Unbekannter Künstler, Florenz, frühes 17. Jh. (Platte), Sachsen, 1780–90 (Gestell) © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht: #47899 Wandtisch / Unbekannter Künstler, Florenz, frühes 17. Jh. (Platte), Sachsen, 1780–90 (Gestell) © SKD, Foto: Amac Garbe

Die falsche Blume – Geldsack

Freitag, 07. August 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“. Die Schau kann noch bis zum 13. September im Wasserpalais in Pillnitz bestaunt werden.

Heute setzen wir die Reise fort und begeben uns an die Stelle der Geschichte, in der Lore die Manufaktur von Louis Meiche aufsucht. Der Blumenfabrikant wird von seinen Angestellten heimlich „Geldsack“ genannt. Diesen Reichtum repräsentiert auch die Einrichtung der zweiten Szene. Eine aufwendig gearbeitete Tapete, Stühle aus hochwertigem Holz und ein Tisch gedeckt mit einem edlen Tafelservice.

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die zweite Szene „Geldsack“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die Szene „Geldsack“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Der Barhocker „Devon“, der links in der Ecke des Raumes zu sehen ist, stammt aus der Manufaktur Sitzmöbelhandwerk Oelsa eG. In den Meisterwerkstätten werden Stühle und Tische aller Art sowie Kleinmöbel auf Kundenwunsch handwerklich gefertigt und repariert. Seite über 50 Jahren führt die Genossenschaft damit die Stuhlbauer-Tradition der Rabenauer Gegend fort. Die Produktionsgemeinschaft ist ein Verbund von Stuhlbauern, Holzbildhauern, Flechtern, Polierern und Polsterern und wurde 1958 von 55 Meistern gegründet. Heute bewahren 9 Mitglieder mit 29 Beschäftigten die Handwerkskunst. Ihre Produkte und Dienstleistungen werden seit 1998 unter der Marke „Die Meister des Stuhlbaus. Traditionell in Sachsen®“ geführt.

Für die Konstruktion fertigt der Stuhlbauer zunächst Schablonen an. Mit der Bandsäge, Hobel- und Fräsmaschinen werden die einzelnen Gestellteile dann hergestellt. Diese werden durch Zapfen- und Dübelverbindungen unter Zuhilfenahme von Zwingen verleimt und anschließend an den Verbindungsstellen verputzt. Darauf folgen aufwändige, von Hand ausgeführte Schleifarbeiten, um die Form der Rundungen zu modellieren.

Die mit aus Blattmetall gearbeiteten Blumen verzierte Tapete „Dresden“ wurde in der Welter ® Manufaktur für Wandunikate hergestellt. Das Unternehmen fertigt seit seiner Gründung vor über 30 Jahren von Ulrich Welter in Berlin hochwertige Wandbekleidung. So statteten Sie bereits zu verschiedenen Gelegenheiten beispielsweise Boutiquen von Chanel, Waldorf Astoria Hotels oder die Golden Globes aus. Die Manufaktur bietet hauseigene Kollektionen von handgearbeiteten Tapeten und Wandpaneelen sowie Maßfertigungen für Firmenkunden. Dabei kommen vielfältige Materialien und Techniken zum Einsatz. Neben Blattmetall werden auch Perlen, Kristalle, Minerale und Glas verarbeitet.

Im ersten Schritt zur Tapete wird das Blumenmotiv für die Übertragung in ein rapportfähiges Muster umgewandelt. Rapportfähig ist ein Einzelteil dann, wenn es in alle Richtungen unendlich angeordnet werden kann. Dann wird die eigens angemischte, dunkelblaue Grundierung auf die Tapetenbahnen aus Vlies aufgetragen. Darauf wird in einem Siebdruckverfahren das Blumenmuster in Spezialkleber aufgedruckt. Auf diesen wird schließlich von Hand Blattmetall in Silber aufgelegt.

Auflegen des Blattmetalls von Hand © Welter ® Manufaktur für Wandunikate

Auflegen des Blattmetalls von Hand © Welter ® Manufaktur für Wandunikate

Im zweiten Druckvorgang wird auf das Muster eine Patinierung aufgebracht – so entsteht eine künstliche Schicht, die in Farbe und Muster Alterungserscheinungen des Materials und damit eine historisch gewachsene Hochwertigkeit nachahmt. Nachdem alles getrocknet ist und die Klebeverbindungen stabil sind, werden in einem dritten Druckdurchgang die Konturen des Musters aufgedruckt.

Die drei Gläser „Klimax“, die auf dem Tisch zu sehen sind, stammen aus der Kristallglasmanufaktur Theresienthal GmbH. Dort arbeiten seit 1836 Glasmacher, Schleifer, Graveure, Maler und Handwerker weiterer Fachberufe des Glasgewerbes. Sie verfügen über großes Wissen und Erfahrung, die sie für die Herstellung wertvoller Gläser benötigen. Viele Arbeiter sind schon seit Jahrzehnten und nicht wenige in vierter, fünfter Generation in Theresienthal tätig. Sie stellen ihre Gläser nach wie vor ausschließlich in Handarbeit und vollständig vor Ort her – so können sie die hohe Qualität des Endprodukts garantieren.

Nach der Anfertigung des Holzmodels entnimmt der Glasmacher dem Ofen einen Glasklumpen und bringt diesen mittels Blasen, Drehen und gezielter Kühlung in die Form des Trinkglases. Am schwierigsten ist hierbei die Fertigung des Bodens und des Stieles. Auf der erkalteten Glasoberfläche wird dann das Blumenmuster zuerst angezeichnet. Anschließend arbeitet der Graveur an einem maschinell angetriebenen Diamantgravurrad freihändig das vorgezeichnete Muster heraus.

Freihändiges einarbeiten des Musters mithilfe eines Diamantgravurrads © Kristallglasmanufaktur Theresienthal GmbH

Freihändiges Einarbeiten des Musters mithilfe eines Diamantgravurrads © Kristallglasmanufaktur Theresienthal GmbH

Weitere Mitwirkende Manufakturen in dieser Szene waren unter anderem Heinz Möbelbau in Handarbeit, Jende Posamenten Manufaktur, Meissen Couture ®, Rohleder Möbelstoffweberei GmbH, Weissfee GmbH und Gotthard-Glas, diese werden wir in einem der kommenden Beiträge vorstellen oder wurden bereits vorgestellt.

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

Eine Schale grüner Tee zum Klang der Zither

Mittwoch, 05. August 2015

Im Rahmen der Museumsnacht am 11. Juli 2015 lud die Porzellansammlung zu einer besonderen Veranstaltung ein: der Verköstigung von grünem Tee zum Klang von traditioneller chinesischer Musik. Frau Ruoming Wu aus Heidelberg unterhielt die Gäste mit dem Spiel von Brett-Zither und Flöte, während TeeGschwendner Dresden freundlicherweise zwei Teesorten zum Probieren zur Verfügung stellte.

Frau Wu beim Spiel der chinesischen Griffbrettzither (Guqin - 古琴) © SKD

Frau Wu beim Spiel der chinesischen Griffbrettzither (Guqin - 古琴) © SKD

… und der Kalabassen Flöte (Hulusi -葫芦丝) © SKD

… und der Kalabassen Flöte (Hulusi -葫芦丝) © SKD

Nach einer Einführung in die Geschichte der Teekeramik in Ostasien, vorgestellt von Konservatorin Cora Würmell, konnten sich die Besucher unterschiedliche Formen von Teeschalen und die damit verbundenen Funktionen erklären lassen.

Konservatorin Cora Würmell gibt den interessierten Besuchern einen Einblick in die Geschichte der Teekeramik Ostasiens © SKD

Konservatorin Cora Würmell gibt den interessierten Besuchern einen Einblick in die Geschichte der Teekeramik Ostasiens © SKD

Zur besseren Veranschaulichung wurden ausgewählte Objekte aus den Beständen der Porzellansammlung gezeigt.

Ausgewählte Objekte aus den Beständen der Porzellansammlung: Bei den beiden äußerden schwarzen Schalen handelt es sich um zwei Gefäße aus dem 12.-14.Jh. aus China. In der Mitte dieser Gefäße befindet sich eine eine japanische Raku-Schale aus dem frühen 19. Jh.. Im unteren Teil des Bildes ist eine yankou-wan Schalen zu sehen. © SKD

Ausgewählte Objekte aus den Beständen der Porzellansammlung: Bei den beiden äußerden schwarzen Schalen handelt es sich um zwei Gefäße aus dem 12.-14.Jh. aus China. In der Mitte dieser Gefäße befindet sich eine japanische Raku-Schale aus dem frühen 19. Jh.. Im unteren Teil des Bildes ist eine yankou-wan Schalen zu sehen. © SKD

Hierbei handelte es sich um zwei Gefäße aus China des 12. -14. Jh. sowie um eine japanische Raku-Schale aus dem frühen 19. Jh. Der ästhetische Reiz dieser Teeschalen zeichnet sich nicht nur durch die schlichten bzw. ausdrucksstarken Formen aus, sondern auch durch die faszinierenden und subtilen Glasureffekte dieser schwarzanmutenden Keramiken, die den höchsten Ansprüchen damaliger Teezusammenkünften entsprachen. So genossen nicht nur japanische Shogune sondern bereits der chinesische Kaiser Huizong (1082-1135) grünpulverisierten Grüntee (matcha 抹茶 ) aus sogenannten yankou-wan Schalen, die wie das exquisite Dresdner Gefäß eine silbrig glänzende Hasenfell-Zeichnung aufweist. Der weiß aufgeschäumte Tee wird durch den Kontrast der dunklen, leicht silbrig schimmernden Glasurfarbe ausgezeichnet zur Geltung gebracht. Dahingegen wurde die kleine Seladonschale mit Untersatz, die zu den Meisterwerken Goryeo-zeitlicher Keramik (Korea, 918–1392) zählt, für Aufgüsse aus Blatt-Tees  wie auch zum Genuss alkoholischer Getränke verwendet.

Im Anschluss erläuterte Frau Lysann Werner von TeeGschwendner die Geschichte des Tees und die Herstellung verschiedener  Teesorten © SKD

Im Anschluss erläuterte Frau Lysann Werner von TeeGschwendner die Geschichte des Tees und die Herstellung verschiedener Teesorten © SKD

Der Matcha-Tee wird auch in der japanischen Teezeremonie verwendet. Nach dem Aufgießen in einer Teeschale schlägt man die Flüssigkeit mit einem Bambusbesen auf, bis sich eine tiefgrüne Schaumschicht bildet. Die zweite Teesorte, die man kosten konnte, war ein Blatt-Tee aus Süd-Korea (Seogwang Sencha). Hierbei wurde deutlich, dass nicht nur ein hochwertiger Tee, sondern auch gutes Wasser sowie die richtige Wassertemperatur (80°C) und Ziehzeit (2 Minuten) für die Herstellung einer schmackhaften Schale Tee entscheidend sind.

Matcha-Tee © SKD

Matcha-Tee © SKD

Außerdem hatten die Gäste nach der Vorführung die Möglichkeit, die Teeschalen der Porzellansammlung nach der Vorführung aus nächster Nähe zu betrachten und sich mit der Konservatorin über deren Verwendung und Aussehen auszutauschen. Alles in allem war die Museumsnacht auch in diesem Jahr für die Porzellansammlung ein voller Erfolg.

Wir bedanken uns bei allen, die die Museumsnacht mitgestaltet haben.

Text und Bilder: Sonja Simonis