Archiv für Dezember 2014

Die Idee, eine gemeinsame Sprache zu erschaffen

Donnerstag, 04. Dezember 2014

Wie Einsteins Relativitätstheorie verwendet wird, Ausstellungen zu einem Besuchermagnet für jüngere Generationen zu machen und welche Rolle Videoinstallationen in unserem modernen Verständnis von Kunst spielen.

Ein Interview mit Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung Curvature of Events, bis 4. Januar 2015 zu sehen im Albertinum und der Gemäldegalerie Alte Meister.

Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung

Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung

Welchen Eindruck haben Sie von Dresden gewonnen?

M.A: Ich mag Dresden sehr; es ist eine interessante Stadt mit enormer Geschichte und einer Menge netter Leute, die hier leben. Die Menschen auf der Straße sind gastfreundlich und offen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit den Menschen in Dresden gemacht.

Wann war Ihr erster Besuch in Dresden und wie haben Sie sich für die Ausstellung entschieden?

M.A: Die Idee für das Projekt entstand im Jahr 2010 in Lunanda, Angola, auf einem Symposium des Goethe-Instituts über Kuratorinnen in Afrika und ihre Leistungen in den jeweiligen Ländern. Während des Symposiums hatte ich die Idee, eine Ausstellung europäischer Kunst aus einer neuen Perspektive zu kuratieren. Im Jahr 2012 wurde ich eingeladen nach Dresden zu kommen, um mit der Ausarbeitung eines Ausstellungskonzepts zu beginnen. Ich verbrachte etwas mehr als einen Monat hier, führte viele Gespräche mit Dresdnern, daher kenne ich auch so viele Menschen hier. Man bemerkt die Leidenschaft, die sich durch die Stadt zieht und die unvergessenen Kriegsgeschichten, die immer noch sehr lebendig sind. Ich habe jedoch die bewusste Entscheidung getroffen, nicht mit solchen Themen zu arbeiten. Die Erinnerung, besonders an die Bombardierung, die Nazi- und DDR-Zeit, in den Köpfen der Menschen ist immer noch frisch.

Was waren die wichtigsten Faktoren bei der Auswahl der Kunstwerke? Wie hatten Sie sich das im großen Zusammenhang vorgestellt?

M.A: Ich habe mich selbst auf die Kunstwerke zubewegt. Ich habe mir so viele Dinge an verschiedenen Orten angesehen, aktuelle Kunstaktivitäten, zeitgenössische Ausstellungen, bevor ich mich dazu entschlossen habe in der Gemäldegalerie Alte Meister zu arbeiten. Ich habe mir die Kunstwerke dort sehr oft angesehen. Wenn man von etwas so beeindruckt bist, dass es einen immer wieder dorthin zieht, dann ist es etwas, womit man arbeiten sollte. Ich habe nicht versucht, etwas zu finden, das nicht vorhanden ist; ich wollte mit dem arbeiten, was schon da war. Die Kunst war da und ich war da, wir haben uns „getroffen“ und es war eine sehr gute Begegnung.

Was ich ausgewählt habe, sind Kunstwerke, die etwas in mir berührt oder eine Beziehung zu aktuellen Themen wie Umwelt, Feminismus, Sexualität haben. Themen, mit welchen wir auf täglicher Basis konfrontiert sind und welche sich trotzdem seit Jahren nicht verändert haben. Alles, was ich tagtäglich erlebe, ist relevant und genau dort habe ich den Schwerpunkt gesetzt. Die Stücke schaffen beim Betrachter eine emotionale Reaktion. Und obwohl sie vor Hunderten von Jahren geschaffen wurden, sind sie auch in unserer Zeit immer noch als relevant zu betrachten.

Was verbirgt sich hinter Ihrem Konzept, Videokünstler mit klassischen Kunstobjekten arbeiten zu lassen?

Wenn man diese unglaublich gut gefertigten, alten Kunstwerke in die Gegenwart bringen will, muss man das beliebteste Medium heute, die Videoinstallationen, einbeziehen. Deshalb dachte ich, dass dies ein Weg ist, wie das junge Publikum die Dinge betrachtet und wahrnimmt. Man muss mit dem Konzept der Ausstellung eine Sprache sprechen, die sie verstehen. Nur dann können sie sich mit dem Thema identifizieren, und werden Interesse zeigen, die Ausstellungen zu besuchen. Wir müssen einen Dialog zwischen den klassischen Gemälden und der Kunst der Gegenwart erschaffen, welcher sie den Tiefgang der Kunstwerke erkennen lässt.

Auch die „Alten Meister“ waren jung, als sie die Bilder gemalt haben. Wenn man sich die Schaffensperioden genauer ansieht, waren es immer junge Menschen, die die Kunstwerke hervorgebracht haben, durch welche die Gesellschaft und deren Status quo in Frage gestellt wurde. Was sie taten, war zeitgenössisch und oftmals revolutionär für ihre Zeit – wie sollte also dieser Dialog geschaffen werden? Videokunst schien mir der beste Weg zu sein.

In der Einleitung des Katalogs zur Ausstellung “Curvature of Events“ schreiben Sie über Einsteins Relativitätstheorie und wie sich alles in Kreisen bewegt: Was hat das mit dem ursprünglichen Gedanken zu tun, der dieses anspruchsvolle Projekt nach Dresden gebracht hat und wie gefällt Ihnen das Ergebnis?

Ich bin wirklich glücklich und zufrieden damit, die Künstler haben unglaubliche Arbeit geleistet. Sie haben mich mit ihrem Maß an Energie und Intellekt überrascht. Sie waren extrem fokussiert in ihrem Tun und den Hintergrundrecherchen, die sie geführt haben. Sie waren der Kunst gegenüber ausgesprochen loyal und das kommt nicht sehr oft vor.

Einstein war revolutionär, er hinterfragte alles. Seine Theorie der Materie und Masse, welche durch die Schwerkraft angezogen wird, war für mich besonders faszinierend. Einstein sagt, es gibt eine Kraft – bei ihm ist es die Sonne, die auf den Raum einwirkt, alles nach unten drückt und die Planeten bewegen sich um diese Kraft herum. Die Sonne wird als eine unsichtbare Kraft dargestellt, von welcher es sich nur schwer lösen lässt und um welche herumzukommen noch schwerer ist. Das war mein Eindruck, wie Künstler sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Bis heute arbeiten Künstler an diesem Punkt und haben es ähnlich schwer sich aus dieser übermächtigen Kraft zu lösen. Alles entwickelt sich in Kreisen, die kommen und gehen. Hieraus ist auch der Titel der Ausstellung, „Curvature of Events“ entstanden.

Wie wünschen Sie sich, dass die Besucher die Ausstellung erleben?

Ich möchte, dass sie eine Beziehung zu den alten Kunstwerken eingehen, um verstehen zu können, wovon die moderne Kunst beeinflusst wird. Ich möchte, dass sie ins Museum kommen und die Arbeit wertschätzen, die in den Kunstwerken steckt, unabhängig davon, wann sie geschaffen wurden. Ich betrachte die Künstler, auch die von vor vielen hundert Jahren, immer so, als ob sie noch am Leben wären. Und ich bin auch heute noch genauso ergriffen von ihren Kunstwerken, wie ich es vermutlich vor 500 Jahren gewesen wäre, wenn ich damals gelebt hätte. Ich möchte, dass die Besucher sich über die Tatsache klar werden, dass keine Sprache, Rasse oder Nationalität eine Barriere zwischen ihnen und dem Kunstwerk schaffen kann. Ich muss kein Deutsch sprechen, um ein Gemälde von einem deutschen Künstler zu verstehen. Die Kraft und Aussage der Kunst ist visuell, sie umgeht die unsichtbare Wand zwischen uns, es gibt nur mich und das Kunstwerk. Wenn wir kommunizieren, ist es eine Sprache, die wir beide verstehen. Das ist es, was ich mir wünsche, dass die Betrachter fühlen.

Das Interview führte Veronika Heimann