Archiv für die Kategorie ‘SKD Ausgestellt!’

Zeitstücke – Ganz in sich, aber nicht vollständig

Freitag, 22. Mai 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Der Themenbereich „Zeitstücke“ der Schau empfängt den Besucher mit leisem Ticken. Dieses sanfte Geräusch stammt aus dem Inneren der Ausstellungsarchitektur. Man spielt hier mit dem bereits längst vergangenen Nutzen dieser Objekte, denn in diesem Bereich stehen Uhrgehäuse, Uhrwerke, Uhrzeiger und Zifferblätter getrennt nebeneinander und es ist klar, dass sie nur in ihrer Kombination ihrem eigentlichen Zweck, der Zeitmessung, gerecht werden.

Ausstellungsansicht Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Die Politik der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in den 1960er-Jahren ihre Sammlungen stringenter zu organisieren, führte zu nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen. Ein besonders absurdes Beispiel dafür ist die Caffieri-Uhr, die eine Vereinigung verschiedener Materialien und Künstlerarbeiten ist und nach Materialien aufgeteilt und somit „unlesbar“ gemacht wurde. Benannt ist die Uhr nach dem im Stil des berühmten französischen Bronzebildhauers Jean-Jacques Caffieri (1725 –1792) gearbeiteten, reich bewegten Gehäuse aus gegossener und feuervergoldeter Bronze, das ein hervorragendes Zeugnis des Pariser Kunsthandwerks der 1740er-Jahre ist. Die für diese Uhr passgenau geschaffenen drei Harlekine auf dem Sockel gingen aus der Meissner Porzellanmanufaktur hervor und sind Arbeiten von Johann Joachim Kändler (1706 –1775). Das (verlorene) Uhrwerk stammte wohl von dem französischen Uhrmacher Etienne-Claude Couturier (1768 –1823). Im Zuge der Sammlungsbereinigungen wurde die prachtvolle Uhr schließlich auseinandergerissen: Die Harlekine verblieben in der Porzellansammlung, das Bronzegehäuse wurde 1969 nach Pillnitz abgegeben und ob in diesem Zusammenhang das Uhrwerk an den Mathematisch-Physikalischen Salon weitergegeben wurde oder zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort verloren ging, ist nicht mehr rekonstruierbar.

#53666 Uhr / Unbekannter Künstler, Paris, 1745 –1749 /Porzellansammlung / # PE 118, PE 250, PE 257 Drei Harlekin-Figuren / Johann Joachim Kaendler, Meißen, um 1740

#53666 Uhr / Unbekannter Künstler, Paris, 1745 –1749 /Porzellansammlung / # PE 118, PE 250, PE 257 Drei Harlekin-Figuren / Johann Joachim Kaendler, Meißen, um 1740

Anders ist es beiden 1880 von „Herrn Hofuhrmacher Weisse“ angekauften, einzelnen Uhrzeigern. Sie wurden im Sinne der Vorbildsammlung losgelöst von den Uhren angekauft, um den damaligen Stand der Metallverarbeitung zu dokumentieren und zur weiteren Erforschung zugänglich zu machen. Nicht nur haben diese Zeiger ihre Uhr und damit ihre Funktion verloren, auch kam ein Großteil des einst 26 Stück umfassenden Konvoluts im Zuge des Zweiten Weltkriegs abhanden.
Insgesamt um 60 Objekte wurde damals die Vorbildersammlung für die Studenten der angegliederten Kunstgewerbeschule erweitert. Neben wertvollen historischen Uhren gehörten auch Einzelteile dazu, darunter 26 Uhrzeiger, von denen heute nur noch fünf vorhanden sind.

#12580 Stundenzeiger / Deutschland, 18. Jh. / Messing, vergoldet / L.10,3 cm /Ankauf, Hofuhrmacher Weisse, Dresden, 1880

#12580 Stundenzeiger / Deutschland, 18. Jh. / Messing, vergoldet / L.10,3 cm /Ankauf, Hofuhrmacher Weisse, Dresden, 1880

Und dann gibt es in diesem Bereich noch Gehäuse von Pendule-Uhren. Ihnen wurden aus bisher nicht zu klärenden Gründen die Uhrwerke entnommen. Dadurch wird die aufwändige Boulle-Marketerie, die sonst hinter den Uhrwerken verborgen war, sichtbar. Die Leerstelle im Uhrgehäuse definiert das Objekt funktional wie ästhetisch neu. Die Gehäuse, zu deren Uhrwerken bis auf eine Ausnahme jede Spur fehlt, sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf sehr unterschiedlichen Wegen in die Sammlung des Kunstgewerbemuseums gekommen. Ein recht großer Teil stammt aus dem Bestand des Dresdner Residenzschlosses: Ausgelagert in Bergungsdepots im Umland von Dresden hatten die Pendulen das Bombardement überstanden. Jedoch wurden viele dieser Depots aufgebrochen, verwüstet und die Objekte stark beschädigt. Auch später kam es dazu, dass noch vollständige Uhren fragmentiert wurden, indem die Uhrwerke entnommen und willkürlich abgelegt wurden. Durch ihre aufwendige Gestaltung mit kostbarer Marketerie aus Schildpatt, Messing sowie Perlmutt und zuweilen sogar farbig unterlegtem Horn sind die Gehäuse – wenn auch zum Teil nur fragmentarisch erhalten – doch vielsagende Zeugnisse der hohen Qualität des Pariser Kunsthandwerks des 18. Jahrhunderts. Die plastisch durchgebildeten Beschläge bzw. vollplastischen Aufsatzfiguren aus vergoldetem Messing stellen meist auf die Ikonographie der Zeit abgestimmte Motive dar: Häufig schmückt der Gott der Zeit – Kronos – die Pendulen.

Ausstellungsansicht der Pendulen-Gehäuse im Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht der Pendulen-Gehäuse im Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Und nicht verpassen: Wir haben zeitnah ganz besondere Angebote für Euch:

23. Mai 2015 – Öffentlicher Rundgang
Treffpunkt Foyer – 11 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

23. Mai 2015 – Familiennachmittag von 15–17 Uhr
Treffpunkt Foyer – 15 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

26. Mai 2015 – Expertinnenführung: Mitarbeiterinnen des Kunstgewerbemuseums führen durch die Ausstellung und stellen ihre Spezialgebiete vor. Mit Katrin Lauterbach, Schwerpunkt Keramik
Treffpunkt Foyer – 16.30 Uhr
Keine Führungsgebühr

29. Mai 2015 – Direktorinnenführung mit Tulga Beyerle, Direktorin des Kunstgewerbemuseums und  Kuratorin der Ausstellung, führt durch die Sonderausstellung.
Treffpunkt Foyer – 16.30 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

Alle Preise gelten pro Person, Kinder unter 7 Jahren sind frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Muster(bücher) der Reformzeit

Freitag, 08. Mai 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Ein erfreuliches Angebot ermöglichte es im Jahr 2014 vier Glasurmusterbücher für Kachelöfen der Meißner Teichert-Werke (um 1910 – 20) mit einigen Katalogdokumenten aus der Hinterlassenschaft eines sächsischen Ofensetzers mit Hilfe des Freundeskreises des Kunstgewerbemuseums anzukaufen.

Draufsicht Bereich „Muster“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Draufsicht Bereich „Muster“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Die Kundschaft konnte mittels der Musterbücher aus dem reichen Farbspektrum wählen. Im Meißner Farben- und Glasurenwerk „Bidtelia“ erprobten Professoren und Studenten der Dresdner Kunstgewerbeschule ihre Ideen und führten ebenso Ofenentwürfe für die vier großen Teichert-Werke aus. Auch anerkannte Künstler wie Peter Behrens, Fritz Schuhmacher oder Ludwig Vierthaler wurden mit Ofen und Kaminentwürfen beauftragt. Die auf der Jahresschau Deutscher Arbeit 1925 in Dresden gezeigten Teichert-Öfen erhielten höchstes Lob, sie seien technisch kaum zu übertreffen und auch die Glasuren und Formen verbänden technische Vollendung mit künstlerischem Geschmack, hieß es. Die dem zeitlichen Verfall widerstehenden Glasuren geben heute exzellent die bevorzugte Farbigkeit der Reformzeit wieder. Daher sind die Musterbücher trotz ihrer Unscheinbarkeit und ihrem leicht zerschlissenen Zustand für die Forschung wertvoll, da sie es dank ihres bekannten Entstehungsdatums ermöglichen, andere Kacheln der Sammlung genauer einzuordnen.

#55433 Musterbuch für Kachelofenglasuren / Meißner Ofen- und Porzellanfabrik, vorm. C. Teichert, Meißen, um 1910 –20  © SKD

#55433 Musterbuch für Kachelofenglasuren / Meißner Ofen- und Porzellanfabrik, vorm. C. Teichert, Meißen, um 1910 –20 © SKD

Ausstellungsansicht Bereich „Muster“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht Bereich „Muster“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Zerlegbar – ob Kachelofen, Pokal oder Schrank

Freitag, 10. April 2015

Herzlich Willkommen zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Im Ausstellungsbereich „Zerlegbar“ werden Stücke gezeigt, die aus unterschiedlichsten Gründen mehrteilig konzipiert sind. Bei einem Systemmöbel wie der MDW-Wand (Montagewand Deutsche Werkstätten) erstaunt die Zerlegbarkeit kaum jemanden. Ein flach ausgelegter Kachelofen ist allerdings schon ungewöhnlicher, wurden doch solch massiven Öfen in der Regel an ihrem Zielort gesetzt und sind dann dort verblieben. Um wieder seinen vollständigen Zusammenhang zu bekommen und restauriert zu werden, musste das Objekt erst einige Hürden überwinden:

In den 1960er-Jahren gründete Lothar Berfelde, auch bekannt als Charlotte von Mahlsdorf, entgegen allem künstlerischen und politischen Zeitgeschmack ein privates Gründerzeitmuseum in Berlin Mahlsdorf (DDR). 1974 wollte der Staat das Museum in seinen Besitz bringen. Durch unbillige Steuerforderungen unter Druck gesetzt, verschenkte die Gründerin die Sammlung Stück für Stück. Der Kachelofen kam im Zuge dessen 1978 als Schenkung in die Sammlung des Dresdner Kunstgewerbemuseums und lagerte seitdem in den Depots. Durch die überraschende Flutung der Kellerräume im Schloss Pillnitz 2002 wurden viele Kacheln verschmutzt oder umdeponiert. So kam es zu einer gründlichen Säuberung und Sortierung von über 1.000 Kacheln. Dabei trat erstmals ein ganzheitliches Bild des 3,50 m hohen Neorokoko- Ofens zum Vorschein. Er besteht aus 40 Einzelteilen, die bis zu 25 kg schwer sind.

#43648 –23, Kachelofen als „Flachware“ in der Ausstellung © SKD,  Foto: Amac Garbe

#43648 –23, Kachelofen als „Flachware“ in der Ausstellung © SKD, Foto: Amac Garbe

Ein raffinierterer Grund, ein Werk zerlegbar zu machen, steckt hinter dem „Willkomm der Hofkellerei Dresden“, einem opulent gearbeiteten Deckelpokal. Er wurde im 18. Jahrhundert von August dem Starken bei der Dresdner Glashütte in Auftrag gegeben und 1768 zum „Willkomm der Chur-Fürstl. Kellerey“ bestimmt. Zur Verwendung des Pokals ist die Zerlegbarkeit nicht von Nöten, dennoch besitzt er an Schaft und Deckelknauf Glasgewinde, durch die er sich in vier Teile auseinanderschrauben lässt. Diese wurden lediglich angebracht, um das Schliffdekor bis in den äußersten Winkel des Gefäßes eingravieren zu können. Dem „Willkomm“ steht ein weiterer Pokal böhmischer Herkunft gegenüber, um den demontierten Zustand eines solchen Stücks zu veranschaulichen.

#37274 Willkomm der Hofkellerei Dresden / Glasschneider Heinrich Volckert zugeschrieben, Glashütte Dresden, 1716–17

#37274 Willkomm der Hofkellerei Dresden / Glasschneider Heinrich Volckert zugeschrieben, Glashütte Dresden, 1716–17

Der plausibelste Grund, ein Objekt zu zerteilen, spiegelt sich in einem massiven Barockschrank aus dem frühen 18. Jh. wider: Transportierbarkeit. Dieser und ähnliche monumentalen Schränke gliedern sich in einen auf stark bauchig ausgeformten Füßen stehenden Sockel, einen Hauptteil mit der charakteristischen Verzierung und ein Gesims, nach dem auch die unterschiedlichen Typen bestimmt werden. Sie werden lediglich durch kleine Keil-, Nut- oder Hakenverbindungen zusammengehalten und nach dem niederdeutschen Wort für Schrank auch „Schapp“ genannt. Die reichen Schnitzereien sind meist von christlich-religiösem Inhalt. So zeigt das Giebelrelief des ausgestellten Danziger Schapps (trapezförmiger Giebel) die christliche Kardinaltugend der Nächstenliebe (Caritas).

Die Zerlegung des mehrere hundert Kilo schweren und 280 x 274 cm großen Schranks in seine Einzelteile, der Transport und das Wiederzusammenfügen ist bis heute mit enormem Kraftaufwand verbunden.

Präzisionsarbeit: Aufbau des Barockschranks in der Ausstellungshalle

Präzisionsarbeit: Aufbau des Barockschranks in der Ausstellungshalle

Diese ursprüngliche Idee, einen Schrank für den praktischen Nutzen zerlegbar zu machen, wurde zur Produktion der Montagewand Deutsche Werkstätten, kurz MDW, erweitert. Rudolf Horn, einer der wichtigsten Designer der DDR, erhielt Anfang der 1960er-Jahre gemeinsam mit seinen Kollegen Eberhard Wüstner, Helmut Kesselring und Erhard Schumann den Auftrag, für den VEB Deutsche Werkstätten ein industriell effizient herzustellendes und dennoch attraktives Möbelprogramm zu entwickeln. Dieses sollte den neuen Wohnbedürfnissen der Menschen, unter anderem in den Plattenbausiedlungen, gerecht werden. Der Auftrag gab Horn die Möglichkeit, seinem Ideal entsprechend praktisch-nützliche Möbel für die breite Masse zu entwerfen. Das einfache wie geniale Prinzip der MDW-Wand ist, dass es auf einem Rasterprinzip aufbauende Normteile gibt, aus denen unendlich viele Kombinationen abgeleitet werden können. Die MDW-Wand wurde erstmals 1967 vorgestellt und ging schließlich 1968 in die Serienproduktion. Sie wurde in immer wieder aktualisierten Varianten bis 1991 (MDW 90) produziert und zählt damit zu den erfolgreichsten Möbelprogrammen, die je gefertigt wurden.

#55068 MDW – Montagewand Deutsche Werkstätten /Entwurf: Rudolf Horn, Mitarbeiter des Instituts f. Möbel- & Ausbaugestaltung, Hochschule f. industr. Formgestaltung Burg Giebichenstein; Ausführung: Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden-Hellerau, nach 1968

#55068 MDW – Montagewand Deutsche Werkstätten /Entwurf: Rudolf Horn, Mitarbeiter des Instituts f. Möbel- & Ausbaugestaltung, Hochschule f. industr. Formgestaltung Burg Giebichenstein; Ausführung: Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden-Hellerau, nach 1968

Die Objekte in diesem Bereich der Ausstellung verbindet neben ihrer Zerlegbarkeit auch die Tatsache, dass die einzelnen Segmente eines jeden Objekts nicht für sich allein, sondern nur im Ensemble wirken können.

Übernahmen und verkannte Geschenke

Freitag, 27. März 2015

Der Bereich „Übernahme“ der Ausstellung „Die Teile des Ganzen“ beschäftigt sich mit Objekten, die nicht gezielt gesammelt, sondern dem Kunstgewerbemuseum übertragen wurden.

So gelangte etwa ein diplomatisches Geschenk aus Japan 1975 in die Sammlung. Es handelt sich um ein Konvolut japanischer Keramikvasen und –schalen mit dazugehörigen Verpackungskisten. Niemand ahnte damals, dass es sich dabei um Meisterleistungen der japanischen, überwiegend Kyoter, Keramikszene der 1970er-Jahre handelt. Stattdessen wurden die Stücke als von „durchschnittlicher Warenhausqualität“ beurteilt. Erst 35 Jahre später erkannte man den künstlerischen Wert der Vasen und ihrer Holzkisten.(1) Bei den Boxen handelt es sich um sogenannte Kiribako-Kisten, die sich durch eine handschriftliche Signatur und das Siegel des Künstlers auszeichnen und somit Teil des Kunstwerks sind. Nur durch den Ressourcenmangel in der DDR wurden die meisten Kisten aufbewahrt – sie wurden zweckentfremdet und als Transportkisten genutzt. Forschungen zeigten mittlerweile, dass einige Werke von Künstlern mit höchsten staatlichen Auszeichnungen (sog. „Lebender Nationalschatz“) stammen. Neben der kunsthandwerklichen Qualität ist auch die Vielfalt in Material, Form und Dekor beachtlich. Durch die Präsentation der Gefäße in der Ausstellung in Form eines „Vasenturmes“ sieht man allerdings auch, dass es nicht gelungen ist, alle Kunstwerke in ihrer Gesamtheit zu bewahren. Manchen Vasen kamen die zugehörigen Holzkisten abhanden, sie repräsentieren somit eine brüchige Einheit.

Konvolut japanischer Keramikvasen mit zugehörigen, vom Künstler gesiegelten und signierten und mit Gurtbändern (Sanadahimo) verschnürten Holzkisten (Kiribako) © SKD, Foto: Katrin Lauterbach

Konvolut japanischer Keramikvasen mit zugehörigen, vom Künstler gesiegelten und signierten und mit Gurtbändern (Sanadahimo) verschnürten Holzkisten (Kiribako) © SKD, Foto: Katrin Lauterbach

Ausstellungsansicht mit Vasenturm © SKD, Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht mit Vasenturm © SKD, Foto: Amac Garbe

Ein anderes Konvolut im Bereich „Übernahme“ zeigt Stücke der sogenannten „Arbeitsgemeinschaft Winde“, einer Gruppe von Studierenden rund um den Gestalter Theodor Artur Winde an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe. Durch die Anordnung der Stücke im Raum wird verdeutlicht, welch prägende Wirkung der Lehrer in der Zwischenkriegszeit auf seine Schüler hatte und welche Wege die Schüler später nahmen. Obwohl das Studium bei Winde für die meisten Schüler nur einen kurzen Abschnitt des Ausbildungsweges bedeutete, sind namhafte Gestalter aus seiner „Arbeitsgemeinschaft“ hervorgegangen. So etwa Rudi Högner, der die Designausbildung der DDR wegweisend prägte, oder Siegmund Schütz, der als Porzellangestalter an der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin arbeitete. Das Spektrum der Berufswege reicht von Design über Holzbearbeitung und Bühnenbild bis hin zur Porzellangestaltung.

Tisch mit Arbeiten der „Arbeitsgemeinschaft Winde“. Im Zentrum steht ein Leuchter von Theodor Arthur Winde, um ihn herum sind Arbeiten seiner Schüler positioniert © SKD, Foto: Amac Garbe

Tisch mit Arbeiten der „Arbeitsgemeinschaft Winde“. Im Zentrum steht ein Leuchter von Theodor Arthur Winde, um ihn herum sind Arbeiten seiner Schüler positioniert © SKD, Foto: Amac Garbe

Als drittes Konvolut im Ausstellungsbereich „Übernahme“ werden drei Wandteppiche der ostdeutschen Gestalterin Margarita Pellegrin präsentiert. Mit ihrer Form- und Farbensprache zeugen sie von Pellegrins Jahren in Chile, wo sie mit ihrem Mann lebte und an der Universidad de Chile in Antofagasta lehrte. Die Teppiche sind eine Auftragsarbeit für den Rat des Bezirkes Dresden und waren für die Ausstattung öffentlicher Gebäude gedacht. Sie gelangten 1998 über den Kunstfonds des Freistaats Sachsen das Kunstgewerbemuseum.

Wandteppich „Demonstration“, Margarita Pellegrin, Dresden, 1976

Wandteppich „Demonstration“, Margarita Pellegrin, Dresden, 1976

Alle Übernahmen haben gemein, dass sie gewissermaßen ungefragt an das Museum herangetragen wurden und die Sammlung heute bereichern, stammen sie doch oftmals aus Zeiträumen, die in der Sammlung unterrepräsentiert sind. Sie erzählen viel darüber, wie diskontinuierlich und unsystematisch Sammlungen häufig aufgebaut werden. Nicht zuletzt zeigen sie auch, dass des Öfteren erst spätere Generationen von Forschern und Forscherinnen zu einer richtigen Beurteilung der Stücke gelangen.

(1) Vgl. Lauterbach, Katrin und Simonis, Sonja: Ein verkanntes Geschenk. Zeitgenössische japanische Keramik der 1970er Jahre, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (2014): Dresdener Kunstblätter 3/2014, Kunstgewerbemuseum, Dresden, Sandstein-Verlag, S. 40-51.

Vielheit in Gestaltung, Einheit in Funktion

Montag, 23. März 2015

Im Bereich „Vielheit“, einem Teil der Ausstellung „Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums”, stehen sich eine Auswahl von Messern und ein vollständiges Besteckset gegenüber. Ausgehend von nur einem (vermeintlich) archetypischen Gegenstand lässt sich Grundlegendes über Gestaltung und ihre Parameter nachvollziehen, denn bei aller funktionalen Einfachheit bleibt erstaunlich viel Raum für unterschiedliche Gestaltungsansätze offen.

50 Messer erzählen davon, wie sich Gestaltung mit der Zeit, veränderten Bedürfnissen, technischen Neuerungen oder sozialen Verschiebungen wandelt. Die zum Großteil handgegossenen und handgeschliffenen Messer sind durch Material, Formgebung und zeittypische Dekore – oder die Abwesenheit des Dekors – gut historisch einzuordnen. Während des 18. Jahrhunderts war etwa in Kreisen des wohlhabenden Bürgertums ausschließlich Silberbesteck gebräuchlich; im darauffolgenden Jahrhundert hingegen kam die kostengünstigere Variante des Neusilbers (Alpacca) zum Einsatz. Erst im 20. Jahrhundert wurde das Silber- beziehungsweise versilberte Besteck durch Edelstahl ersetzt. Die Abfolge der Messer erzählt eine komprimierte Designgeschichte und es wird deutlich, dass ein Messer kein Archetyp ist.

Zehn Messer aus 16. - 20. Jh.: #51518, 55639 -1, 55624-1, 53641-1, 55531, 55574-1, 52055-1, 55545-1, 55586-1, 51510-1

Zehn Messer aus 16. - 20. Jh.: #51518, 55639 -1, 55624-1, 53641-1, 55531, 55574-1, 52055-1, 55545-1, 55586-1, 51510-1

Ergänzend wird ein 25-teiliges Besteckset für die Verwendung in Restaurants und Hotels der gehobenen Klasse in der DDR gezeigt. Das Besondere an dem „Modell 120“ nach einem Entwurf von Christa Petroff-Bohne ist seine schlichte Gestaltung, dadurch konnte es mühelos über den langen Zeitraum von 1961 bis 1989 zum Einsatz kommen. Petroff-Bohne gilt durch ihre Lehrtätigkeit in Berlin-Weißensee und ihre klassisch-eleganten Arbeiten, die sich nahtlos in das zeitgenössische internationale Qualitätsdesign einreihen, als richtungsweisend für das DDR-Design.

Ausstellungsansicht: Historische Aufreihung der 50 Messer © SKD, Foto: Amac Garbe

#44352–44376: Besteckset „Modell 120“, 25-teilig, Entwurf: Christa Petroff-Bohne, 1960; Ausführung: VEB Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS), Aue © SKD, Foto: Amac Garbe

Der Bereich „Vielheit“ lädt dazu ein, Alltagsobjekte genau zu betrachten und verschiedene Gestaltungsparameter an ihnen auszumachen.

Ausstellungsansicht: Historische Aufreihung der 50 Messer © SKD, Foto: Amac Garbe

Fragmente. Keramikhäuschen, Krabbe, Seidengewebe

Freitag, 06. März 2015

Ab jetzt stellen wir Euch in regelmäßigen Abständen kurze Geschichten zu den besonderen Objekten der Ausstellung „Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums” vor. Heute widmen wir uns diversen Fragmenten aus dem gleichnamigen Ausstellungsbereich.

Als Gegenstände kunsthandwerklicher Gestaltung findet sich auch Spielzeug in der Sammlung des Kunstgewerbemuseums. Darunter ein keramisches Häuschen, das einst mit 76 weiteren Teilen inventarisiert wurde. Angefertigt wurde die Spielzeugstadt in der Keramischen Werkstätte Johannes Reh Kamenz um 1923-1925 nach einem Entwurf von Rudolf Gerbert, einem vielfach ausgezeichneten Bildhauer. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges kam dem Haus allerdings die umgebende Stadt abhanden, bis zuletzt war nur ein einziges Teil auffindbar und warf viele Fragen auf: Wie ordnet man dieses Fragment ein, wie kann man seinen Verwendungszusammenhang rund ein Jahrhundert später interpretieren? Was ist ein Haus ohne Stadt? Was macht überhaupt eine Stadt aus?
Bis vor kurzem fehlte jegliche Spur von den verbliebenen Teilen, dann wurden weitere Häuser dieser Art im Museum für Sächsische Volkskunst ausgemacht. Der Fund innerhalb des Museumsverbundes ist eine erfreuliche Entdeckung, die den beharrlichen Forschungen einzelner Wissenschaftlerinnen zu verdanken ist und nun weitere Forschungen nach sich zieht.

#33885 Rotes Spielzeughäuschen nach Rudolf Gerbert, um 1924 © SKD, Foto: Amac Garbe

Oftmals können nicht alle Fragestellungen zu Objekten geklärt werden. Oft ist man auf Mutmaßungen oder Referenzbeispiele angewiesen – in vielen Fällen zeigt sich, dass die Distanz einer späteren Generation manchmal hilfreich ist, um Arbeiten richtig einschätzen zu können.

Davon zeugt auch eine Krabbe aus Kupfer. Sie wurde gemeinsam mit Kleinteilen japanischer Schwerter ins Museum gebracht und deshalb nahm man an, es handle sich um ein Menuki, ein Ornament am Griff von Samuraischwertern. Doch aufgrund ihrer vollplastischen Ausführung musste die These des Menuki verworfen werden. So kam man zu der Feststellung, es handle sich um ein Okimono, eine Tierplastik. Oftmals werden solche Tierplastiken als Schmuckelement an einem Gefäß angebracht. Dann allerdings sind sie nicht mehr als Okimono zu betrachten, sondern wechseln mit der Funktion ihren Namen. So zeigt sich anhand eines so winzigen Objekts von gerade mal 1,55 x 3,5 cm eine ganz grundsätzliche Herausforderung von Wissenschaftlern, nämlich Objekte aus einer anderen Kultur zu verstehen und einzuordnen.

Kupfer-Krabbe, Japan, vor 1884

Platzieren der Krabbe im Ausstellungskasten

Doch im Bereich „Fragmente“ trifft man nicht nur auf Objekte mit ungelösten Fragen. Gleichermaßen findet man hier ein Stück eines Seidengewebes mit Chrysanthemenmuster, das mit hoher Gewissheit aus der ursprünglichen Raumgestaltung des Damenschlafzimmers des Neuen Palais in Potsdam stammt. Diese Sicherheit basiert darauf, dass Kaiser Wilhelm II. 1893 das Nachweben des Motives in Auftrag gab und im gleichen Jahr auch dieses Seidengewebefragment vom Museum angekauft wurde. Das Objekt stammt aus dem 18. Jahrhundert und war Teil einer Innenausstattung. Die Raumgestaltung eines Zimmers galt zu damaligen Zeiten als Gesamtkunstwerk, deshalb verwendete man jeweils nur ein Gewebe zur textilen Ausstattung eines Wohnraumes. Anhand des Fragmentes lässt sich der Rapport des Musters vollständig ableiten und man besitzt gleichzeitig ein Beispiel der preußischen Seidenwebkunst des Rokoko, die unter Friedrich II. zu außergewöhnlichen künstlerischem und wirtschaftlichem Aufschwung gelangte.

#24553 Paillefarbenes Seidengewebefragment mit Chrysanthemenblüten an einer Ranke, Berlin, 1760er Jahre

Diese Objekte sind anschauliche Beispiele dafür, wie Fragmente in Bezug zu einem übergeordneten Ganzen gesetzt werden können. Außerdem erzählen sie von den Herausforderungen, mit denen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Kunstgewerbemuseums täglich konfrontiert sind. Als Besucher kommt man kaum umhin, selbst nach Antworten auf offene Fragen zu suchen.

Ausstellungsansicht "Die Teile des Ganzen", 7. März - 21. Juni 2015, Kunsthalle im Lipsiusbau © SKD, Foto: Amac Garbe

Es ist soweit! Die Aufbauarbeiten in der Kunsthalle im Lipsiusbau nahen ihrem Ende

Freitag, 27. Februar 2015

Ab dem 7. März zeigt unser Kunstgewerbemuseum seine Ausstellung „Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“ im Lipsiusbau. Damit ist das Museum nach langer Zeit am Stadtrand in Pillnitz wieder in der Innenstadt präsent.

Die Aufbauarbeiten sind in vollem Gange – die Gestaltung der Ausstellung stammt vom Wiener Architekturbüro „the next ENTERprise“ und den Grafikdesignern des Berliner Studios „Fons Hickmann m23“. Kuratiert wurde die Ausstellung von Tulga Beyerle, der Direktorin des Kunstgewerbemuseums.

Ausschnitt der Wandbespannung mit den Objektnummern #1 (1873) bis #55.712 (2014)

Ausschnitt der Wandbespannung mit den Objektnummern #1 (1873) bis #55.712 (2014)

Die gesamte Kunsthalle ist innen mit einer Wandbespannung verkleidet, welche alle bislang vergebenen Inventarnummern des Kunstgewerbemuseums abbildet. Sie symbolisiert damit den „Objektspeicher“, mit dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums täglich arbeiten. Mehrere Codierungen sind in die Bespannung eingearbeitet. Schwarz durchgestrichene Nummern bezeichnen Verluste; orange durchgestrichen sind abgegebene Objekte; schwarz umrandete Nummern repräsentieren die ausgestellten Objekte. Eine Nummer steht allerdings nicht immer für nur ein Objekt, oft verbergen sich hinter einer Nummer mehrere gleiche Objekte oder Teile eines Ganzen.

1873 inventarisierte man die erste Nummer des damals noch nicht existierenden Museums, erst drei Jahre später wurde das Kunstgewerbemuseum gegründet. Die Wandbespannung endet mit der Zahl 55.712, doch seit dieser Eintragung am 30. November 2014 wurden bereits vier weitere Nummern inventarisiert. Es zeigt sich, dass die Sammlung weiter stetig wächst.

Es ist der Ansatz des Kunstgewerbemuseums, „Alltagsobjekte“ neu zu befragen und zur Diskussion zu stellen. Ein zentrales kuratorisches Element der Ausstellung sind daher die Geschichten zu den Objekten. In ihnen werden Widersprüche diskutiert, Fragen gestellt, Antworten gegeben, Assoziationen entwickelt oder die Herausforderungen der Wissenschaftlerinnen greifbar dargestellt.
Wir laden Euch ein, neue Sichtweisen, ein spannendes Haus und eine vielfältige Sammlung zu entdecken, die weit über barocken Prunk hinausreicht!

Übrigens: Am 13.03.2015 findet die nächste Lipsius Vibes der JUNGEN FREUNDE in der Kunsthalle im Lipsiusbau anlässlich der Eröffnung der Ausstellung statt. Wir freuen uns über den Stargast Friedrich Liechtenstein!

Eingang zur Ausstellungshalle, Lipsiusbau

Eingang zur Ausstellungshalle, Lipsiusbau

Der sogenannte „Vasenturm“ mit Meisterleistungen der japanischen Keramikszene der 1970er-Jahre und zugehörigen Holzkisten

Der sogenannte „Vasenturm“ mit Meisterleistungen der japanischen Keramikszene der 1970er-Jahre und zugehörigen Holzkisten

Mit August dem Starken durch die Galaxie

Mittwoch, 12. März 2014
Michael Hering und Claudia Schnitzer vor einer Fotografie von Thomas Ruff

Michael Hering und Claudia Schnitzer vor einer Fotografie von Thomas Ruff

Das Kupferstich-Kabinett eröffnet am 13. März mit „Constellatio Felix – Planetenfeste Augusts des Starken – Sternenbilder von Thomas Ruff“ eine Ausstellung, die sich mit den barocken Festlichkeiten am Hofe des sächsischen Kurfürsten im September 1719 beschäftigt. In diesem Zusammenhang werden die Sternenbilder des Düsseldorfer Fotografen Ruff gegenübergestellt.

Im Vorfeld der Ausstellung standen die Kuratoren Claudia Schnitzer und Michael Hering Rede und Antwort. Sie erklären, welche Verbindung zwischen dem Kurfürsten und dem Künstler besteht und welche Begeisterung sie für das Universum teilen.

Frau Schnitzer, aus welchem Grund feierte August der Starke einen ganzen Monat diese Planetenfeste in Dresden?
Claudia Schnitzer: Der Anlass dieser Feste war die Hochzeit seines Sohnes, Friedrich August von Sachsen, mit der Prinzessin Maria Josepha von Österreich. Er erhoffte sich durch diese Verbindung die Kaiserkrone für sein Haus.

Welche barocken Werke können in der Ausstellung bewundert werden?
Claudia Schnitzer: Die Ausstellung präsentiert die Vorarbeiten zu dem von August dem Starken geplanten Festbericht. Der König wollte damit den Zeitgenossen und Regenten anderer europäischer Höfe eine Vorstellung von den prächtigen, aber vergänglichen Planetenfesten geben und diese auch für die Nachwelt erhalten. August der Starke beschäftigte hierfür eine Vielzahl von Künstlern. Bis zu seinem Tod 1733 arbeitete er unermüdlich an dem Publikationsprojekt. Übrig blieben die Vorzeichnungen und bereits ausgeführte Kupferstiche.

Johann August Corvinus nach Matthäus Daniel Pöppelmann (?), Feuerwerk auf der Elbe hinter dem Holländischen Palais, Radierung und Kupferstich

Johann August Corvinus nach Matthäus Daniel Pöppelmann (?), Feuerwerk auf der Elbe hinter dem Holländischen Palais, Radierung und Kupferstich

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?
Claudia Schnitzer: Die Ausstellung ist zweigeteilt, und bei circa 230 Blättern musste eine Auswahl getroffen werden. Im Ausstellungsteil des Kupferstich-Kabinetts sind die Darstellungen zu den sieben Planetenfesten zu sehen, im Sponselraum des Neuen Grünen Gewölbes wird der Einzug der Braut in das Residenzschloss thematisiert. Diese Blätter sind unersetzlich für die Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Paradeappartements und auch, um eine Vorstellung vom barocken Dresden jener Zeit zu gewinnen.

Wie kommen in diesem Zusammenhang Thomas Ruffs Fotografien ins Spiel?
Michael Hering: Wir Menschen greifen allzu gerne nach den Sternen. Thomas Ruffs Sternenbilder führen den Besuchern auf einer sinnlichen und zugleich analytischen Ebene die eigene emotionale Ambivalenz vor Augen, wenn wir in den Himmel blicken. Die Sterne und das unendliche Weltall sind Sehnsuchtsmotive, die zugleich Ohnmacht und Faszination auslösen – Aspekte, die uns dazu bewogen haben, sie als zeitgenössische künstlerische Position dem barocken Fest der „Constellatio Felix“ in der Ausstellung gegenüberzustellen.

Thomas Ruff, Sterne 3.38 00 h 46m/-30°, 1992, C-Print, gerahmt, 260 × 188 cm, Edition 1/2, copyright: VG-Bildkunst Bonn 2014

Thomas Ruff, Sterne 3.38 00 h 46m/-30°, 1992, C-Print, gerahmt, 260 × 188 cm, Edition 1/2, copyright: VG-Bildkunst Bonn 2014

Wieso fasziniert das Thema im Barock, wie auch in der Gegenwart die Menschen gleichermaßen?
Michael Hering: Die Vorstellung, dass die Planeten mit Gottheiten gleichzusetzen sind, reicht bis in die Antike zurück. Könige und Herrscher inszenierten sich nicht zuletzt als sogenannte Planetengötter um einen irdischen Machtanspruch zu legitimieren. Bis heute sind die Planeten jedoch kaum erforscht, so dass sie romantische Projektionsflächen für unsere Träume bleiben. Was es aber wirklich heißt, mit dem Raumschiff Enterprise in die Unendlichkeit zu fliegen, bleibt unvorstellbar.

Was kann der Besucher noch entdecken?
Claudia Schnitzer: Es wird eine Klanginstallation geben. Man hört den Start des Space Shuttle Challenger. Kombiniert wird die Sequenz mit den sphärischen Klängen der Toccata Johann Sebastian Bachs und Weltraumklängen.

Wer soll mit dieser Ausstellung angesprochen werden?
Michael Hering: Unser Wunsch ist es, dass die Freunde der alten Kunst und der Kunst der Gegenwart sich im wahrsten Sinne des Wortes auf eine gegensätzliche Zeitreise begeben und auf eine andere Epoche einlassen. Daneben veranschaulicht die Ausstellung einmal mehr die Lebendigkeit der Dresdener Sammlungen und die Idee von Modernität, wie sie schon zur Zeit der Regentschaft Augusts des Starken als eine wichtige Quelle der Inspiration diente.
Claudia Schnitzer: Wir sind Menschen der Gegenwart, aber die Gegenwart ist auch von der Vergangenheit bestimmt. Es ist interessant zu sehen, dass einige Dinge einfach bleiben, gewissermaßen zeitlos sind, wie die Musik Bachs – oder eben die Faszination für Sterne.

Das Interview führte Marie-Luise Kunze.

„My Joburg“ – Schüler schreiben Geschichten zu Johannesburg

Freitag, 20. Dezember 2013

„Who is Johannes?“ Dieser und anderen Fragen konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen des museumspädagogischen Programms der Sonderausstellung „My Joburg. Kunstszene Johannesburg“ im Lipsiusbau nachgehen.

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

Sue Williamson, „Other Voices: Who is Johannes“, 2009

„My Joburg“, präsentiert einen Querschnitt durch die aktuelle Kunstszene Johannesburgs und dokumentiert die südafrikanische Stadt aus individuellen Blickwinkeln – als Treffpunkt, Heimat und Quelle der Kreativität. Die vielen Geschichten, die Johannesburg und seine Bewohner zu erzählen haben, lassen sich auch in den Werken der Künstler und Künstlerinnen wiederfinden, die Teil der Ausstellung sind. Es sind Geschichten einer Gesellschaft, die noch heute mit den Folgen der Apartheid zu kämpfen hat. Kunstwerke, die hinter farbenfroher Fassade von Ungerechtigkeit, Wut und Gewalt zu berichten wissen. Aber auch fröhliche Geschichten einer Stadt, die so bunt und lebensfroh ist, wie ihre Bewohner.

Einen Teil dieser Geschichten konnten Dresdner Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Schülerkursen in der Ausstellung kennenlernen. In Kleingruppen diskutierten und erarbeiteten sie Bezüge zwischen den Kunstwerken der Ausstellung und der Stadt Johannesburg. Zum Schluss wurden die Schulklassen selbst kreativ und brachten die gesammelten Eindrücke in einem praktischen Teil aufs Papier. Die Zehntklässler der Dresdner Waldorfschule skizzierten ihr jeweiliges Lieblingsporträt, um im Anschluss daran eine eigene Geschichte zu dem Bild entstehen zu lassen. Nicht selten ging es in den Geschichten um die Lebensweise der Johannesburger und die Geschichte(n) ihrer Stadt.

Senta Beyer schrieb ihre Geschichte zu einem Porträt der Fotografin Zanele Muholi. Besonders das Leben der Menschen zur Zeit der Apartheid beeindruckte die Zehntklässlerin in der Ausstellung.

“Seit ich denken kann, lebe ich in Johannesburg. Ich komme aus einer sehr wohlhabenden Familie, doch seit die National Party an der Regierung ist, dürfen wir nicht mehr in unserem schönen alten Haus wohnen. Meine Mutter ist eine Schwarze, mein Vater ist Weißer, doch davon sieht man bei mir nichts. Mein Vater hat uns direkt nach meiner Geburt verlassen, weil es für ihn als Weißen verboten war, eine Ehe mit einer schwarzen Frau einzugehen. Ich bin 17 Jahre alt und gehe in eine Schule, in der nur schwarze Schüler sind. Manchmal frage ich mich, warum es so wichtig ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat. Wir wohnen in Soweto, vielleicht habt ihr davon schon einmal gehört. Hier hat man zwar nicht besonders viel Platz, aber ich bin froh darüber, so viele Nachbarn zu haben. Mein Traum ist es, später einmal Sängerin zu werden. Meine Mutter singt oft mit mir und hat mir viel beigebracht. Manchmal stelle ich mich einfach vor unser Haus und fange an zu singen. Die Leute aus unserer Nachbarschaft bleiben dann oft stehen, erkennen die Lieder und man sieht Bewunderung und Freude in ihren Gesichtern. Ich freue mich, wenn ich durch meine Musik Menschen glücklich machen kann. Aber ich weiß, dass ich als schwarzes Mädchen niemals im Fernsehen oder in den Bars der Stadt auftreten dürfte. Das dürfen nur die weißen Sänger.”

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Zanele Muholi, Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal, 2012

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"

Senta Beyer, Skizze des Porträts „„Phila Mbanjwa, Pietermaritzburg, KwaZulu Natal“ von Zanele Muholi"


Auch Friederike Weisheil war beeindruckt von Zanele Muholis Porträts. In ihrer Geschichte wollte sie die Eindrücke von Johannesburg einfangen, die sie in der Ausstellung gewonnen hat.

“Gedankenverloren laufe ich durch den dunklen Gang und zwischen den hohen Säulen hindurch, zwischen denen das frische Grün des Parks und das Licht des Frühlings morgens hindurchscheinen. Mit der rechten Hand halte ich mein T-Shirt fest. Es ist trägerlos und immer wenn ich mich beeile, droht es zu verrutschen. Gerade habe ich meinen Bruder Keenan zu meiner Tante gebracht. Sie passt vormittags immer auf ihn auf, wenn ich zur Arbeit gehe. Mein Bruder und ich leben alleine. Mama treibt sich irgendwo herum, jeden Tag ist sie woanders. Mal schläft sie unter einer Brücke, dann wieder sehe ich sie im Park neben den neugebauten Häusern. Ich habe die Verantwortung für Keenan übernommen, als Mama uns vor ungefähr zwei Jahren verließ, und beschloss ihr Leben anders weiterzuführen. Mir war das ganz recht, ich kam nie besonders gut mit ihr zurecht. Sie hat sich auch nie wirklich mütterlich um uns gekümmert. Als Kind war ich meistens mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft unterwegs. Wir spielten mit Dingen, die wir in der Gegend fanden: alte Autoreifen, Lehm und Holzstöcke. Was für andere bloß Müll war, wurde unser Schatz. Wenn der Wind durch die Straßen pfiff und uns die winzigen Staubkörner, vermischt mit goldfarbenen Teilchen aus den ehemaligen Minen, ins Gesicht wehte, brannte die Haut wie verrückt und wir fühlten uns wie die Arbeiter, die vor langer Zeit Johannesburgs Goldvorkommen aus tiefem Gestein geschlagen hatten. Wenn ich abends müde nach Hause kam, stellte ich mir oft vor, wie meine Mutter mir den Staub aus den Kleidern klopfen würde. Doch sie war zu beschäftigt mit sich selbst, um überhaupt zu bemerken, dass ich wieder im Haus war. Meinem Bruder möchte ich nun die Wärme und Liebe geben, die mir in meiner Kindheit gefehlt hat.”

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Zanele Muholi, “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban”, 2012

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Friederike Weisheil, Skizze des Porträts “Sizile Rongo-Nkosi, Glenwood, Durban“ von Zanele Muholi

Autorin: Svenja Pacholski, sowie Senta Beyer & Friederike Weisheil (Freie Waldorfschule Dresden)

Ausstellungsaufbau “My Joburg. Kunstszene Johannesburg”

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Ab 26. Oktober 2013 zeigt euch unsere Sonderausstellung My Joburg zeitgenössische Kunst aus Südafrika. Einige Künstler haben wir vorab bei der Installation ihrer Arbeiten im Lipsiusbau getroffen.

In der Arbeit von Kemang Wa-Lehulere (*1984) sind Schrift, Zeichnung und Performance auf das Engste verbunden und befruchten sich gegenseitig. Literarische Zitate oder Gedichte von Autoren wie Lesego Rampolokeng oder R.R.R. Dhlomo liefern zuweilen das Stichwort für knappe Erzählungen, die er mit Kreide auf die Wand schreibt. Diese schriftlichen Aufzeichnungen verbindet er mit den geheimnisvollen Zeichen seiner persönlichen Mythologie – gesichtslosen Wesen, die weder Mensch noch Tier sind, Gebeinen, Flaschen, fliegenden Drachen usw. –, die er von Werk zu Werk in unendlichen Variationen neu kombiniert.

Kemang Wa-Lehulere fertigt Kreidezeichnungen auf einer großen Wandfläche an. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Kemang Wa-Lehulere fertigt Kreidezeichnungen auf einer großen Wandfläche an. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dineo Seshee Bopapes (*1981) kurzlebige, fragile Installationen aus Alltagsgegenständen sind geheimnisvoll und poetisch zugleich. Queen of Necklace evoziert mit ihrem Gehänge den Glamour von früher, wie ihn Nelson Mandelas erste Ehefrau Winnie verkörperte. Doch die eingestreuten Werkzeuge (Nadeln, Nähfuß, Spieße, Flaschen usw.) verleihen dem Werk eine ambivalente Note, denn sie wirken seltsam vertraut und bedrohlich zugleich und suggerieren unterschwellig Gewalt.

Dineo Seshee Bopape bei der Installation ihres Werkes "Queen of Necklace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dineo Seshee Bopape bei der Installation ihres Werkes "Queen of Necklace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Die Statue The Angel of Peace, die auf dem Georg-Treu-Platz zwischen Albertinum und der Kunsthalle im Lipsiusbau steht, hat der Autodidakt Winston Luthuli (*1968) vor Ort eigens für die Ausstellung angefertigt. Seine ersten Zementskulpturen entstanden 2003 vornehmlich für den öffentlichen Raum. Ähnliche Werke wie dieses thronen an prominenten Plätzen im Zentrum von Johannesburg und verkünden optimistische und wohlmeinende Botschaften.

Winston Luthuli arbeitet auf dem Vorplatz des Lipsiusbaus an seiner Skulptur "The Angel of Peace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Winston Luthuli arbeitet auf dem Vorplatz des Lipsiusbaus an seiner Skulptur "The Angel of Peace". © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Die unter der Apartheid eingeführte Rassentrennung hat Narben in der Stadt hinterlassen und ließ Parallelgesellschaften entstehen, die einander fremd sind. Die Folge ist, dass sich die Menschen aus Angst immer stärker verbarrikadieren, im Übrigen ein Phänomen, das nicht nur in Südafrika anzutreffen ist, sondern in allen Ländern, wo die soziale Ungleichheit groß ist und die Reichen die Begehrlichkeit der Ärmsten fürchten. Der zweireihige Maschendrahtzaun der Installation Security von Jane Alexander (*1959) ist vielsagend und lässt an Grenzen, Militärlager, Warendepots denken, oder auch an die übermächtige Sicherheitsindustrie, die ihre Aufgabe gewissenhaft ausführt. Hier umschließt der Zaun allerdings eine Parzelle, auf der Weizen wächst und eine Figur steht, die teils menschliche, teils tierische Züge aufweist. Ist diese Figur in Gefahr oder gefährlich? Geschützt oder eingesperrt? Zwischen den Zaunreihen liegen Tausende von Macheten, Sicheln und Handschuhen. Sie lassen an körperlich schwere Feldarbeit und Ernte denken, rufen aber auch ambivalente Assoziationen an Gewalt wach.

Jane Alexanders "Security" besteht aus einem gedeihenden Weizenfeld, umzäunt von Maschendraht und Macheten. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Jane Alexanders "Security" besteht aus einem gedeihenden Weizenfeld, umzäunt von Maschendraht und Macheten. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Bettina Malcomess (*1977) und Dorothee Kreutzfeldt (*1970) sind Kuratorinnen und Künstlerinnen. Ihre künstlerische Zusammenarbeit mündete in der Publikation: Not No Place: Johannesburg, Fragments of Spaces and Times (2013), deren erster Satz lautet: »Dieses Buch beginnt mit der Stadt als Material«. Es bildet die Grundlage für das Glossar, das die Künstlerinnen für den Katalog zur Ausstellung verfasst haben, und für ihre Installation. Letztere beginnt mit einem Video von Phybia Dlamini, das den Besucher von der Innenstadt nach Soweto führt. Eine Inspirationsquelle für Not No Place war die große Fülle der »Ephemere« aus vergangener wie aus jüngster Zeit, die Joburgs ungleichartige, riesige Einwohnerschaft generiert: Bücher, Urkunden, Fotos, Zeitungen, Broschüren, Telefonbücher, Pläne, Berichte, Protokolle von Gerichtsverfahren, Stadtratsbeschlüsse usw. Das ist Geschichte im Rohzustand. Ausgehend von diesem »archäologischen Material« vermischten Malcomess und Kreutzfeldt schriftliche und bildliche Fragmente und ließen sich bei ihrer Vorgehensweise von dem unvollendeten Passagenwerk über »Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts« von Walter Benjamin inspirieren.

Dorothee Kreutzfeld beim Einrichten des Dokumentationsraumes. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster

Dorothee Kreutzfeld beim Einrichten des Dokumentationsraumes. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Förster