Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Szene 1 – Blümelstube

Freitag, 24. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“. Wir nehmen Euch mit auf eine Reise durch die Sage der Lore, die Ausstellung ist in einzelne Szenen der Geschichte gegliedert und erzählt so fortlaufend von den Erlebnissen der Lore (Das Märchen ist hier nachzulesen). Jeder Szenenbereich wurde eigens für die Ausstellung von Hermann August Weizenegger designt, teilweise wirkte er zusammen mit verschiedenen regional und überregional ansässigen Manufakturen an der Umsetzung mit. Einzelne Manufakturen und ihre Arbeiten stellen wir euch sukzessiv hier vor.  Wir beginnen mit der ersten Szene – Der Blümelstube:

Die Gestaltung erinnert an eine rustikale Bauernstube und nimmt somit Bezug auf das Heim von Lore und ihrer Großmutter. An diesem Ort entwirft Lore ihre sonderbare Blume, daher sind im Hintergrund, an der Wand, verschiedene Blümelmaterialien zu erkennen, auf dem Tisch findet man einzelne Werkzeuge, die man für die Herstellung von Kunstblumen benötigt.

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die erste Szene „Blümelstube“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“, Blick in die erste Szene „Blümelstube“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Die Leuchte namens „Große Lore“ sowie die drei Kunstblumen wurden in Zusammenarbeit der beiden Manufakturen „Deutsche Kunstblume Sebnitz“ und „PTZ- Prototypenzentrum GmbH“ produziert.

Die Blütenblätter wurden von der Manufaktur „Deutsche Kunstblume Sebnitz“ gefertigt. Sie zählt zu den wenigen Manufakturen weltweit, in denen noch heute hochwertige künstliche Blumen in traditioneller Handarbeit hergestellt werden. Bereits seit über 180 Jahren ist dieses Handwerk in Sebnitz an der böhmischen Grenze zu Hause. Die faszinierende Tradition der Sebnitzer Seidenblumenherstellung mit ihren aufwändig gefertigten Kunstwerken ist bundesweit und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Täuschend echte Blüten und Blätter werden für Theater und Film, für Modeschöpfer und Events, für Privatpersonen und Firmen nach individuellen Vorstellungen hergestellt.

Die  Herstellung einer Kunstblume beginnt mit dem Einfärben. Besondere Sorgfalt erfordern die Eigenheiten der Farben und Stoffe. Die Farbe muss genau getroffen werden und aus den vorrätigen Grundfarbstoffen zu mischen sein. Dann werden die Schattierungen und Maserungen von Hand aufgebracht.

Nachdem die Blüten mittels Stanzeisen aus dem Stoff gestanzt wurden, erhalten sie durch heiße Prägeeisen ihre natürliche Optik. Danach kommt es zur eigentlichen Binderei, dem Blümeln, indem alle vorgefertigten Einzelteile zu Blumen zusammengebunden werden.

Das Innenleben und die Fassung der Blume wurden von der PTZ-Prototypenzentrum GmbH in einem aufwändigen 3D-Druckverfahren hergestellt.

In der 1996 gegründeten Manufaktur fertigen 17 Mitarbeiter mit modernsten Technologien Erstmodelle, Werkzeuge und Kleinserien, die auch ohne Gussformen aus Metall gefertigt und so in praktischen Testverfahren angewendet werden können. Dieses Verfahren wird hauptsächlich in der Automobilindustrie und Gerätetechnik sowie im  Anlagen- und Maschinenbau angewendet.

Die Basis eines jeden 3D-Druckverfahrens stellen die 3D-Daten dar. Diese werden an leistungsfähigen Rechnern in die benötigten Datenformate gewandelt, kontrolliert und entsprechend den Anforderungen des gewünschten Verfahrens angepasst. Nur aus gut aufbereiteten Daten lassen sich gute Teile drucken.

Bei dem 3-D Druck selbst schmilzt ein Laser einzelne Schichten des Bauteils nacheinander in ein Kunsttoffpulverbett. Die Basis bilden die vorbereiteten 3D-Daten. Das Kunststoffteil baut sich so Schicht für Schicht zur gewünschten Form auf. Anschließend werden die Teile aus dem Pulver entnommen und restliche Anhaftungen entfernt.

Ausstellungsansicht die Leuchte„Die Große Lore“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht die Leuchte„Die Große Lore“ © SKD, Foto: Ronald Bonss

Den Tisch „Stollberg“ und das Tellerregal „Annaberg“ sowie die beiden verschiedenfarbig gefassten Stühle „Erz“ (der dritte Stuhl dieser Serie befindet sich im Depot), stammen aus der Manufaktur „Heinz Möbelbau in Handarbeit“.

Am Rand von Dresden gelegen, fertigt das Unternehmen Heinz Möbelbau in Handarbeit Unikate nach Kundenwunsch. Verschiedene Möbelarten und -stile werden hier verwirklicht. Sitzmöbel wie Stühle und Sessel werden nach bestehenden Modellen in Kleinserien oder als Einzelstücke hergestellt. Das Unternehmen produziert außerdem Möbel und Polstergestelle als Dienstleister für Tischler, Raumausstatter, Designer und Architekten.

Meist dient eine Schablone als Grundlage für die Vervielfältigung der Einzelteile. Für den Sitz wird diese zunächst ausgesägt und dann auf speziellen Fräslehren zur endgültigen Form weiterbearbeitet.

Für den Stuhl „Erz“ und das Tellerregal „Annaberg“ waren außerdem noch detailreiche Schnitzereien notwendig, die in mühevoller Kleinarbeit mit unterschiedlichstem Werkzeug filigran in das Holz eingearbeitet wurden. Zum Schluss wurde den einzelnen Werken noch der passende Anstrich verpasst.

Holzschnitzerei für Stuhl „Erz“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Heinz Möbelbau, André Österreicher, + Oberhermsdorf, 2015, Foto und © Hermann August Weizenegger

Holzschnitzerei für Stuhl „Erz“, Design: Hermann August Weizenegger, Ausführung: Heinz Möbelbau, André Österreicher, Oberhermsdorf, 2015, Foto und © Hermann August Weizenegger

Ausstellungsansicht 3 Teller „Loremuster“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015, Tellerregal „Annaberg“ Ausführung/Manufaktur: Heinz Möbelbau in Handarbeit, André Östreicher, Oberhermsdorf, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Ausstellungsansicht 3 Teller „Loremuster“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015, Tellerregal „Annaberg“ Ausführung/Manufaktur: Heinz Möbelbau in Handarbeit, André Östreicher, Oberhermsdorf, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Weitere mitwirkende Manufakturen in dieser Szene waren unter anderem Jende Posamenten Manufaktur, Meissen Couture ®, Rohleder Möbelstoffweberei GmbH und Gotthard-Glas, diese werden wir in einem der kommenden Beiträge vorstellen.

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

 

Zeitnah bieten wir folgendes Begleitprogramm in der Ausstellung an:

Öffentlicher Rundgang:
22.08., 11 Uhr, 3€ Führungsbeitrag

Öffentliches Ferienangebot:
30.07., 10.30 bis 12 Uhr – Materialkosten 3 € pro Kind

Revolutionäres Konzept

Donnerstag, 23. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 16. August in der Kunsthalle im Lipsiusbau zu sehen.

In dem Themenbereich „Konzept“ stehen sich zwei Kleiderschränke aus den Hellerauer Werkstätten einander gegenüber. Sie sehen sich zum beinah Verwechseln ähnlich und verraten jedoch durch einen Unterschied – die verwendete Holzart – anschaulich das dahinterstehende Produktionskonzept.

Der Entwurf von Richard Riemerschmid bietet eine minimal individuelle Entscheidung zwischen Lärche und Eiche  © SKD,  Foto: Amac Garbe

Der Entwurf von Richard Riemerschmid bietet eine minimal individuelle Entscheidung zwischen Lärche und Eiche © SKD, Foto: Amac Garbe

Beide Schränke stammen aus der Serie „Das Dresdner Hausgerät“ der Deutschen Werkstätten Hellerau. Sie sind damit Teil des ersten sogenannten Maschinenmöbelprogrammes, das 1906 von den Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst auf der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Das Wohnkonzept war auf die industrielle Massenfertigung hochwertig gestalteter Möbel ausgelegt. Die dadurch bedingte Ornamentlosigkeit erforderte ein besonderes Geschick des Entwerfers: Klare Linien und ausgewogene Proportionen, die natürliche Maserung des Holzes, die stark prononcierte Rahmen-Füllungs-Konstruktion der Türen und Seitenwände sowie die funktionell als Ornamentersatz umfunktionierten Beschläge bestimmten nun die Erscheinung. Die Konsumenten konnten, je nach Geschmack und finanziellen Möglichkeiten, verschiedene Variationen auswählen und individuell zusammenstellen. So hatte zum Beispiel die Wahl der Holzart unterschiedliche Preise für das „gleiche“ Produkt zur Folge. Auf diese Weise war das Sortiment der Hellerauer Werkstätten für breite Bevölkerungsschichten zugänglich. Mit den zerlegbaren, flach verpackbaren und damit einfach zu transportierenden Möbeln nahmen die Hellerauer Werkstätten ein Jahre später in der Möbelherstellung gängiges Konzept vorweg. Sie haben mit der Entwicklung des Industriemöbels vor dem Bauhaus das Design revolutioniert. Sie stellen daher ein wichtiges Stück der Geschichte des europäischen Möbeldesigns dar.

Die falsche Blume – Die Sage der Lore

Freitag, 17. Juli 2015

Seit dem 27. Juni zeigt unser Kunstgewerbemuseum die Ausstellung „Die falsche Blume. Ein Designmärchen von Hermann August Weizenegger“ im Wasserpalais, im Schloss Pillnitz. Begleitend zur Ausstellung findet Ihr hier die neue Blogserie zu dieser sommerlichen Schau.

Blume „Lore“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Blume „Lore“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Der bekannte Berliner Produktgestalter Hermann August Weizenegger schrieb anlässlich der Ausstellung die Sage der Lore, einer Blumenmacherin, die in der Nähe von Sebnitz gelebt haben soll, nieder. Wie so oft in den Arbeiten Hermann August Weizeneggers bleibt unklar, was an dem Märchen der Lore echt ist und was von ihm gefälscht wurde. Doch macht euch selbst ein Bild:

Es war schon Ende Mai des Jahres 1880 in der Gegend von Altendorf nahe Sebnitz in der Sächsischen Schweiz – doch der Winter wollte und wollte kein Ende nehmen. Dicke Eisschichten bedeckten das Land und fast jede Nacht schneite es erneut. Die Menschen waren verzweifelt und man munkelte bereits von einer neuen Eiszeit. Selbst das traditionelle Austreiben des Winters an Fastnacht hatte keine Veränderung gebracht. Die ärmliche Landbevölkerung litt Hunger, die Bauern konnten nicht säen und die Wintervorräte waren fast aufgebraucht. Die einzige Arbeit, die noch Einkommen brachte, war das „Blümeln”. Die Bauern saßen zu Hause in ihren Stuben und banden Kunstblumen, welche sie für den Blumenfabrikanten Louis Meiche aus der Stadt Sebnitz anfertigten. Das Geschäft mit den Kunstblumen gedieh zu dieser Zeit prächtig, da die Leute aus der Sebnitzer Gegend sich als sehr geschickt in dem Handwerk erwiesen und ihre Blumen in die ganze Welt exportiert wurden.

Unter den Blumenheimarbeitern war auch das zarte und hübsche Mädchen Lore Albrecht. Sie hatte ihr Handwerk bereits im Alter von acht Jahren erlernt. Ihre Eltern waren früh gestorben und sie lebte nun bei ihrer Großmutter auf einem kleinen Hof, der kaum das Nötigste zum Leben abwarf. Trotz ihres Alters von mittlerweile 21 Jahren war sie noch ungebunden. Von jeher war sie störrisch und dickköpfig gewesen. So kam es ihr eines Tages in den Sinn, nicht nur Blüten nach dem Vorbild der Natur zu fertigen. Angeregt vom Weiß der Schneeglöckchen – ihrer Lieblingsblumen, da sie den Frühling einläuten – ließ sie sich zu den fantastischsten und außergewöhnlichsten Blütenformen hinreißen.

Als die Großmutter die ungewöhnlichen Erzeugnisse von Lores Phantasie entdeckte, redete sie streng auf sie ein: Louis Meiche werde ihr solch merkwürdige Blüten niemals abkaufen, sie seien gegen die Natur. Ihr aller Überleben sei von dem Verdienst abhängig, deswegen solle sie die gleichen Blumen wie immer fertigen, wie es auch alle anderen täten. Lore aber zeigte keine Einsicht. Bei der Auseinandersetzung mit der Großmutter stach sie sich unachtsam mit der Nähnadel in den Finger und das Blut tropfte auf den Rand ihrer weißen Kunstblüten. Nach dem ersten Schreck fand sie Gefallen an der Verfärbung und schließlich versah sie auch alle anderen Blumen mit ihrem Blut.

Trotz schwerer Schneestürme machte sie sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Sebnitz. Tief gebeugt zog sie ihren mit Kunstblumen beladenen Schlitten durch den Pulverschnee. Nach einigen Stunden mühseligen Wanderns sah sie endlich aus der Entfernung die Umrisse der Manufaktur. Sie hatte sich als einzige des gesamten Umlandes bei diesem stürmischen Wetter auf den Weg gemacht und wurde sofort zu Louis Meiche – von seinen Angestellten heimlich gerne „Geldsack“ genannt – vorgelassen. Als der Geschäftsmann die mit Blut verzierten Kunstblüten des Mädchens sah, war er entsetzt. Solch eine Blume kannte er nicht, sie hatte weder Ursprung noch Namen. Er weigerte sich, die Kreationen anzunehmen und schickte das Mädchen wieder nach Hause.

Dekorbild „Die falsche Blume“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Dekorbild „Die falsche Blume“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Meissen Couture ®, Meissen, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Lore war verzweifelt und bereute nun ihre Dickköpfigkeit. Da der Sturm etwas nachgelassen hatte, beschloss sie, eine Abkürzung über den zugefrorenen Sebnitzer Fluss zu nehmen. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als sie die Eisfläche betrat. Eigentlich hätte sie Brot von ihren Einnahmen kaufen sollen und nun stand sie mit leeren Händen da. Wie sollte sie sich und ihre Großmutter in den nächsten Tagen ernähren? Als sie schon fast das andere Ufer erreicht hatte, krachte und knackte es plötzlich im Eis, auf dem sie lief. Lore brach ein und sank bis zum Oberkörper ins Eiswasser. Sie strampelte und versuchte vergeblich, sich zurück aufs Eis zu ziehen, als ihr plötzlich der Flussteufel in den Sinn kam. Von jeher war sie ermahnt worden, nicht auf dem gefrorenen Fluss zu laufen, um den Teufel nicht zu stören. Nun rief sie in ihrer Verzweiflung laut nach ihm. In seinem Winterschlaf unterbrochen, erboste sich der Flussteufel zunächst über das schreiende und um sein Leben kämpfende Mädchen, zeigte aber schließlich doch Mitleid und gab sie mit einem Schub frei.

Zitternd und frierend schleppte Lore sich mit ihrem Schlitten den langen Weg nach Hause, wo sie in der Stube zusammenbrach. In den Armen der Großmutter erzählte das Mädchen mit hohem Fieber, was sie erlebt hatte und starb noch in derselben Nacht.

Wie es der Brauch bei verstorbenen Jungfrauen erforderte, fertigte die Großmutter einen Totenkranz. Aus der Not heraus und weil sie nichts anderes hatte, band sie das Gesteck aus Lores Phantasieblumen. Bei der Beerdigung Anfang Juni lag noch immer hoher Schnee.

Als der Sarg bei der Prozession zur Kapelle getragen wurde, fegte plötzlich ein Windstoß den Totenkranz vom Sarg. Er wirbelte durch die Luft, bis er seitlich des Weges im Schnee zu liegen kam.

Dann passierte etwas Erstaunliches. Vom Kranz aus Lores Phantasieblumen schien sich eine seltsame Wärme auszubreiten. Rings um ihn herum begann der Schnee zu schmelzen. Mehr und mehr zog sich das Eis zurück und verschwand. Schon bald kam der hartgefrorene Erdboden zum Vorschein. Die Menschen blickten sich mit offenen Mündern an, sie konnten es nicht fassen. Mehr und mehr wich der Schnee um den Leichenzug herum zurück und schon wenige Tage später war der Frühling in die gesamte Gegend eingezogen. Die Menschen konnten aufatmen, der Winter war endlich vorbei.

Lores Kranz aber bekam einen Ehrenplatz im Glaskasten der Kapelle von Lichtenhain. Vermutlich war es der Pastor, der sich nach einiger Zeit getraut hatte, ihn aufzuheben und, wie es von jeher die Tradition war, in die Vitrine zu legen. Den Menschen der Gegend blieb das Ereignis für lange Zeit in fester Erinnerung. In lang anhaltenden Wintern versammelten sie sich in der Kapelle vor dem Totenkranz. Sie schlossen das Mädchen in ihre Fürbitten ein und betrachteten dabei das seltsame Gesteck aus diesen falschen Blumen.

Anlässlich der Ausstellung hat sich Hermann August Weizenegger mit dem sogenannten „Blümeln“, der handwerklichen Kunstblumenherstellung, auseinandergesetzt und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kunstblume Sebnitz zwei zeitgemäße Blütenvarianten entwickelt.  Mit den beiden Blumen als Leitmotiv inszeniert er nun in zahlreichen Szenenbildern die Sage der Lore. Hierzu erfahrt Ihr in den kommenden Wochen noch mehr.

Blume „Sebnitzer Flussteufel“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

Blume „Sebnitzer Flussteufel“, Entwurf: Hermann August Weizenegger, Ausführung/Manufaktur: Deutsche Kunstblume Sebnitz, PTZ-Prototypenzentrum GmbH, Sebnitz, Dresden, 2015 © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

Hermann August Weizenegger auf der Eröffnungsfeier von "Die falsche Blume" © SKD, Foto: Ronald Bonss

 

Über die Person und Werke von Hermann August Weizenegger könnt Ihr mehr auf seiner persönlichen Webseite erfahren.

 

 

 

 

Scheinbar unendlich

Donnerstag, 09. Juli 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau wurde bis zum 16. August verlängert!

Der Bereich „Unendlich“ der Ausstellung „Die Teile des Ganzen“ präsentiert, fliesenartig angeordnet, unterschiedlichste japanische Druckpapiere. Wie viele dieser japanischen Papiere es in verschiedenen Sammlungen gibt, ist nicht bekannt. Ursprünglich ein Verbrauchsgut, welches in wenigen Werkstätten heute noch hergestellt wird, wurden diese Papiere Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa begeistert gesammelt. Diese Begeisterung kann man umso besser nachvollziehen, sobald man den Ausstellungsbereich betritt. Die Muster scheinen in unzählbar vielen Variationen zu existieren, man entdeckt immer wieder originelle Details und wird ständig aufs Neue überrascht.

Themenbereich „Unendlich“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Themenbereich „Unendlich“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Papier als Material wurde aus Korea nach Japan eingeführt, die Papierdrucktechnik Karakami (Druck mit Holzstempeln) hingegen aus China. Bis ins 12. Jahrhundert hinein erlebte sie eine Blüte, verschwand anschließend fast völlig, um in der Edo-Zeit (1603 –1868) vor allem für Zwischenwände, Paravents, Schiebetüren, Schachteln und Kleinmobiliar eine Wiedergeburt zu erleben. 1872 erreichte ein Gesuch der sächsischen Papierindustrie das Ministerium des Innern mit der Bitte um Erwerb von Papierproben in Japan, da eigene Initiativen fehlgeschlagen waren.  546 Musterpapiere unterschiedlicher Papierdrucktechniken kamen ein halbes Jahr später in Dresden an. Diese sowie ein ausführlicher Bericht zur Papierherstellung und ein Verzeichnis über 220 verschiedener Papiersorten wurden der Direktion der Technischen Deputation übergeben. 1875 wurden die 546 Papiere dem Museum übereignet. Laut Inventar besitzt das Kunstgewerbemuseum fast 900 Stück, beachtliche Anzahl. Bei genauer Betrachtung begeistern die beinahe unendlichen Musterkombinationen, aber es wird auch deutlich, dass nicht alles aus Japan reduziert und abstrakt ist. Vieles ist üppig oder einfach nur „herzig“. Die Identifizierung dieses Konvolutes aus dem Gesamtbestand, der Abgleich mit der Liste der Papierarten sowie die Zuordnung der einzelnen Inventarnummern wird ein spannendes Puzzle für die Mitarbeiter des Kunstgewerbemuseums nach dieser Ausstellung.

Ausstellungsansicht der japanischen Druckpapiere © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht der japanischen Druckpapiere © SKD, Foto: Amac Garbe

„Die Biografie der Objekte“ erforschen und erzählen – Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes

Donnerstag, 28. Mai 2015

Was hat ein ‎expressionistisches Gemälde mit der Himmelsscheibe von Nebra zu tun, was ein Ziegelscherben aus ‎dem Irak mit einem Federschmuck aus den Anden? Ganz einfach: Sie fanden alle Eingang in Museumssammlungen und besitzen doch jeweils eine ganz individuelle Biografie. Somit sind sie, wie unzählige andere Objekte in Ausstellungen und Depots von Museen, Gegenstand der Provenienzforschung, die diese jeweilige Geschichte der Objekte untersucht und beschreibt.

„Die Biografie der Objekte“, so lautete das Thema der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes, die vom 3. bis 6. Mai in Essen stattfand. Eindrucksvoller Rahmen waren die Gebäude der  Zeche Zollverein, in denen heute u.a. das Ruhr Museum untergebracht ist.

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Vor der Kulisse der Zeche Zollverein v.l.n.r.: Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor der Stiftung Ruhr Museum), Reinhard Paß (Oberbürgermeister der Stadt Essen), Anne Henk-Hollstein (Landschaftsverband Rheinland), Prof. Dr. Eckart Köhne (Präsident des Deutschen Museumsverbundes), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder); Foto: Michael Rasche, Dortmund

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, selbst erfahren in der Museumsarbeit, beschrieb in ihrer Eröffnungsgerede ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der Museumsbesucher im Besonderen an diesen Objektgeschichten – und konstatierte, dass Museen zunehmend bereit seien, sich mit den Provenienzen ihrer Schätze forschend auseinander zu setzen, und hier auch bereits von sich aus aktiv seien. An die Medien appellierte sie, endlich wahrzunehmen, dass die Museen in Deutschland sich ihrer Verantwortung für die Suche nach NS-Raubkunst bewusst sind. Unterstützung bei ihrer Arbeit in diesem Bereich würden sie u.a. durch die neu gegründete Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg erfahren. Die NS-Raubkunst sei dabei aber keineswegs das einzige Thema für die Provenienzforschung, daneben eröffneten sich noch andere, neue Tätigkeitsfelder.

Ihnen waren die einzelnen Panels der Jahrestagung am Montag und Dienstag, 4. und 5. Mai, gewidmet. Dazu gehören die Objektbiografien des sogenannten Kulturguts aus der Kolonialzeit, also außereuropäische Objekte unterschiedlichster Art, die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Museen kamen, als systematische Erwerbungen von wissenschaftlichen Expeditionen ebenso wie beispielsweise als Erinnerungsstücke von Missionaren. Viele Erwerbungswege sind zumindest aus heutiger Sicht höchst fragwürdig, erscheinen unmoralisch, illegitim oder illegal. Die „human remains“, Überreste von Menschen, die westliche Museen wie selbstverständlich sammelten, bilden dabei nur die makabere Spitze des Eisberges. Besonders für sie gibt es seit einigen Jahren Rückgabeforderungen aus manchen Herkunftsländern. Wie damit umzugehen ist, dafür haben die Museen bisher noch kaum allgemeingültige Lösungen, Patentrezepte gibt es nicht.

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Durch die politischen Ereignisse in Syrien und im Irak sind in den letzten Monaten archäologische Kulturgüter in den Fokus gerückt, die oftmals aus Raubgrabungen stammen und illegal in den Kunsthandel eingeschleust werden. Nicht nur der Nahe Osten ist davon betroffen, sondern genauso Italien und Griechenland oder Südamerika. Deutschland ist durch seine großzügige Gesetzgebung eine Drehscheibe für den Handel mit Raubgrabgut, und so erwarten die Museen hier einiges von einer geplanten Gesetzesänderung. Bis dahin, so ein Vorschlag der lebhaften Diskussion während der Tagung, sollte auf den Erwerb archäologischer Objekte am besten verzichtet werden.

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Auftakt der Podiumsdiskussion Teilnehmer an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes; Foto: Michael Rasche, Dortmund

Ein weiteres, wieder ganz anderes Problemfeld hingegen eröffnete die Frage, wie mit Kunstwerken umgegangen werden soll, die in der DDR entzogen oder enteignet wurden. Das ist keineswegs ein spezielles Problem ostdeutscher Museen, denn viele dieser Werke wurden zum Zwecke der Devisenbeschaffung (Stichwort: Schalck-Golodkowski) in den Westen verkauft. So deutlich wie auf dieser Tagung war das zuvor selten gesagt worden. Auf diesem Feld war auch die langjährige Erfahrung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besonders gefragt. Als Teilnehmer an diesem Panel konnte ich skizzieren, wie die Handlungsspielräume der Museen aussehen: Sie sind Beteiligte in einem gesetzlich geregelten Verfahren und können keineswegs frei über Restitutionen entscheiden.

Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes hat keine einfachen Lösungen für die vielfältigen Probleme präsentiert – statt dessen hat sie gezeigt, dass es notwendig ist, die Provenienzforschung insgesamt weiter zu stärken, dass ihre Themen vielfältiger sind als in der Öffentlichkeit bisher bekannt und dass die Museen selbstbewusster ihre Möglichkeiten und Grenzen in diesem Bereich einschätzen und benennen sollten.

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel

Autor: Prof. Dr. Gilbert Lupfer - Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD; Foto: Jürgen Lösel

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitstücke – Ganz in sich, aber nicht vollständig

Freitag, 22. Mai 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Der Themenbereich „Zeitstücke“ der Schau empfängt den Besucher mit leisem Ticken. Dieses sanfte Geräusch stammt aus dem Inneren der Ausstellungsarchitektur. Man spielt hier mit dem bereits längst vergangenen Nutzen dieser Objekte, denn in diesem Bereich stehen Uhrgehäuse, Uhrwerke, Uhrzeiger und Zifferblätter getrennt nebeneinander und es ist klar, dass sie nur in ihrer Kombination ihrem eigentlichen Zweck, der Zeitmessung, gerecht werden.

Ausstellungsansicht Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Die Politik der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in den 1960er-Jahren ihre Sammlungen stringenter zu organisieren, führte zu nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen. Ein besonders absurdes Beispiel dafür ist die Caffieri-Uhr, die eine Vereinigung verschiedener Materialien und Künstlerarbeiten ist und nach Materialien aufgeteilt und somit „unlesbar“ gemacht wurde. Benannt ist die Uhr nach dem im Stil des berühmten französischen Bronzebildhauers Jean-Jacques Caffieri (1725 –1792) gearbeiteten, reich bewegten Gehäuse aus gegossener und feuervergoldeter Bronze, das ein hervorragendes Zeugnis des Pariser Kunsthandwerks der 1740er-Jahre ist. Die für diese Uhr passgenau geschaffenen drei Harlekine auf dem Sockel gingen aus der Meissner Porzellanmanufaktur hervor und sind Arbeiten von Johann Joachim Kändler (1706 –1775). Das (verlorene) Uhrwerk stammte wohl von dem französischen Uhrmacher Etienne-Claude Couturier (1768 –1823). Im Zuge der Sammlungsbereinigungen wurde die prachtvolle Uhr schließlich auseinandergerissen: Die Harlekine verblieben in der Porzellansammlung, das Bronzegehäuse wurde 1969 nach Pillnitz abgegeben und ob in diesem Zusammenhang das Uhrwerk an den Mathematisch-Physikalischen Salon weitergegeben wurde oder zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort verloren ging, ist nicht mehr rekonstruierbar.

#53666 Uhr / Unbekannter Künstler, Paris, 1745 –1749 /Porzellansammlung / # PE 118, PE 250, PE 257 Drei Harlekin-Figuren / Johann Joachim Kaendler, Meißen, um 1740

#53666 Uhr / Unbekannter Künstler, Paris, 1745 –1749 /Porzellansammlung / # PE 118, PE 250, PE 257 Drei Harlekin-Figuren / Johann Joachim Kaendler, Meißen, um 1740

Anders ist es beiden 1880 von „Herrn Hofuhrmacher Weisse“ angekauften, einzelnen Uhrzeigern. Sie wurden im Sinne der Vorbildsammlung losgelöst von den Uhren angekauft, um den damaligen Stand der Metallverarbeitung zu dokumentieren und zur weiteren Erforschung zugänglich zu machen. Nicht nur haben diese Zeiger ihre Uhr und damit ihre Funktion verloren, auch kam ein Großteil des einst 26 Stück umfassenden Konvoluts im Zuge des Zweiten Weltkriegs abhanden.
Insgesamt um 60 Objekte wurde damals die Vorbildersammlung für die Studenten der angegliederten Kunstgewerbeschule erweitert. Neben wertvollen historischen Uhren gehörten auch Einzelteile dazu, darunter 26 Uhrzeiger, von denen heute nur noch fünf vorhanden sind.

#12580 Stundenzeiger / Deutschland, 18. Jh. / Messing, vergoldet / L.10,3 cm /Ankauf, Hofuhrmacher Weisse, Dresden, 1880

#12580 Stundenzeiger / Deutschland, 18. Jh. / Messing, vergoldet / L.10,3 cm /Ankauf, Hofuhrmacher Weisse, Dresden, 1880

Und dann gibt es in diesem Bereich noch Gehäuse von Pendule-Uhren. Ihnen wurden aus bisher nicht zu klärenden Gründen die Uhrwerke entnommen. Dadurch wird die aufwändige Boulle-Marketerie, die sonst hinter den Uhrwerken verborgen war, sichtbar. Die Leerstelle im Uhrgehäuse definiert das Objekt funktional wie ästhetisch neu. Die Gehäuse, zu deren Uhrwerken bis auf eine Ausnahme jede Spur fehlt, sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf sehr unterschiedlichen Wegen in die Sammlung des Kunstgewerbemuseums gekommen. Ein recht großer Teil stammt aus dem Bestand des Dresdner Residenzschlosses: Ausgelagert in Bergungsdepots im Umland von Dresden hatten die Pendulen das Bombardement überstanden. Jedoch wurden viele dieser Depots aufgebrochen, verwüstet und die Objekte stark beschädigt. Auch später kam es dazu, dass noch vollständige Uhren fragmentiert wurden, indem die Uhrwerke entnommen und willkürlich abgelegt wurden. Durch ihre aufwendige Gestaltung mit kostbarer Marketerie aus Schildpatt, Messing sowie Perlmutt und zuweilen sogar farbig unterlegtem Horn sind die Gehäuse – wenn auch zum Teil nur fragmentarisch erhalten – doch vielsagende Zeugnisse der hohen Qualität des Pariser Kunsthandwerks des 18. Jahrhunderts. Die plastisch durchgebildeten Beschläge bzw. vollplastischen Aufsatzfiguren aus vergoldetem Messing stellen meist auf die Ikonographie der Zeit abgestimmte Motive dar: Häufig schmückt der Gott der Zeit – Kronos – die Pendulen.

Ausstellungsansicht der Pendulen-Gehäuse im Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht der Pendulen-Gehäuse im Themenbereich „Zeitstücke“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Und nicht verpassen: Wir haben zeitnah ganz besondere Angebote für Euch:

23. Mai 2015 – Öffentlicher Rundgang
Treffpunkt Foyer – 11 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

23. Mai 2015 – Familiennachmittag von 15–17 Uhr
Treffpunkt Foyer – 15 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

26. Mai 2015 – Expertinnenführung: Mitarbeiterinnen des Kunstgewerbemuseums führen durch die Ausstellung und stellen ihre Spezialgebiete vor. Mit Katrin Lauterbach, Schwerpunkt Keramik
Treffpunkt Foyer – 16.30 Uhr
Keine Führungsgebühr

29. Mai 2015 – Direktorinnenführung mit Tulga Beyerle, Direktorin des Kunstgewerbemuseums und  Kuratorin der Ausstellung, führt durch die Sonderausstellung.
Treffpunkt Foyer – 16.30 Uhr
Führungsbeitrag 3 Euro

Alle Preise gelten pro Person, Kinder unter 7 Jahren sind frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Muster(bücher) der Reformzeit

Freitag, 08. Mai 2015

Herzlich Willkommen (zurück) zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Ein erfreuliches Angebot ermöglichte es im Jahr 2014 vier Glasurmusterbücher für Kachelöfen der Meißner Teichert-Werke (um 1910 – 20) mit einigen Katalogdokumenten aus der Hinterlassenschaft eines sächsischen Ofensetzers mit Hilfe des Freundeskreises des Kunstgewerbemuseums anzukaufen.

Draufsicht Bereich „Muster“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Draufsicht Bereich „Muster“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Die Kundschaft konnte mittels der Musterbücher aus dem reichen Farbspektrum wählen. Im Meißner Farben- und Glasurenwerk „Bidtelia“ erprobten Professoren und Studenten der Dresdner Kunstgewerbeschule ihre Ideen und führten ebenso Ofenentwürfe für die vier großen Teichert-Werke aus. Auch anerkannte Künstler wie Peter Behrens, Fritz Schuhmacher oder Ludwig Vierthaler wurden mit Ofen und Kaminentwürfen beauftragt. Die auf der Jahresschau Deutscher Arbeit 1925 in Dresden gezeigten Teichert-Öfen erhielten höchstes Lob, sie seien technisch kaum zu übertreffen und auch die Glasuren und Formen verbänden technische Vollendung mit künstlerischem Geschmack, hieß es. Die dem zeitlichen Verfall widerstehenden Glasuren geben heute exzellent die bevorzugte Farbigkeit der Reformzeit wieder. Daher sind die Musterbücher trotz ihrer Unscheinbarkeit und ihrem leicht zerschlissenen Zustand für die Forschung wertvoll, da sie es dank ihres bekannten Entstehungsdatums ermöglichen, andere Kacheln der Sammlung genauer einzuordnen.

#55433 Musterbuch für Kachelofenglasuren / Meißner Ofen- und Porzellanfabrik, vorm. C. Teichert, Meißen, um 1910 –20  © SKD

#55433 Musterbuch für Kachelofenglasuren / Meißner Ofen- und Porzellanfabrik, vorm. C. Teichert, Meißen, um 1910 –20 © SKD

Ausstellungsansicht Bereich „Muster“ © SKD,  Foto: Amac Garbe

Ausstellungsansicht Bereich „Muster“ © SKD, Foto: Amac Garbe

Zerlegbar – ob Kachelofen, Pokal oder Schrank

Freitag, 10. April 2015

Herzlich Willkommen zu unserer Blogserie anlässlich der Ausstellung “Die Teile des Ganzen. Geschichten aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums“. Die Schau ist noch bis zum 21. Juni in der Kunsthalle im  Lipsiusbau zu sehen.

Im Ausstellungsbereich „Zerlegbar“ werden Stücke gezeigt, die aus unterschiedlichsten Gründen mehrteilig konzipiert sind. Bei einem Systemmöbel wie der MDW-Wand (Montagewand Deutsche Werkstätten) erstaunt die Zerlegbarkeit kaum jemanden. Ein flach ausgelegter Kachelofen ist allerdings schon ungewöhnlicher, wurden doch solch massiven Öfen in der Regel an ihrem Zielort gesetzt und sind dann dort verblieben. Um wieder seinen vollständigen Zusammenhang zu bekommen und restauriert zu werden, musste das Objekt erst einige Hürden überwinden:

In den 1960er-Jahren gründete Lothar Berfelde, auch bekannt als Charlotte von Mahlsdorf, entgegen allem künstlerischen und politischen Zeitgeschmack ein privates Gründerzeitmuseum in Berlin Mahlsdorf (DDR). 1974 wollte der Staat das Museum in seinen Besitz bringen. Durch unbillige Steuerforderungen unter Druck gesetzt, verschenkte die Gründerin die Sammlung Stück für Stück. Der Kachelofen kam im Zuge dessen 1978 als Schenkung in die Sammlung des Dresdner Kunstgewerbemuseums und lagerte seitdem in den Depots. Durch die überraschende Flutung der Kellerräume im Schloss Pillnitz 2002 wurden viele Kacheln verschmutzt oder umdeponiert. So kam es zu einer gründlichen Säuberung und Sortierung von über 1.000 Kacheln. Dabei trat erstmals ein ganzheitliches Bild des 3,50 m hohen Neorokoko- Ofens zum Vorschein. Er besteht aus 40 Einzelteilen, die bis zu 25 kg schwer sind.

#43648 –23, Kachelofen als „Flachware“ in der Ausstellung © SKD,  Foto: Amac Garbe

#43648 –23, Kachelofen als „Flachware“ in der Ausstellung © SKD, Foto: Amac Garbe

Ein raffinierterer Grund, ein Werk zerlegbar zu machen, steckt hinter dem „Willkomm der Hofkellerei Dresden“, einem opulent gearbeiteten Deckelpokal. Er wurde im 18. Jahrhundert von August dem Starken bei der Dresdner Glashütte in Auftrag gegeben und 1768 zum „Willkomm der Chur-Fürstl. Kellerey“ bestimmt. Zur Verwendung des Pokals ist die Zerlegbarkeit nicht von Nöten, dennoch besitzt er an Schaft und Deckelknauf Glasgewinde, durch die er sich in vier Teile auseinanderschrauben lässt. Diese wurden lediglich angebracht, um das Schliffdekor bis in den äußersten Winkel des Gefäßes eingravieren zu können. Dem „Willkomm“ steht ein weiterer Pokal böhmischer Herkunft gegenüber, um den demontierten Zustand eines solchen Stücks zu veranschaulichen.

#37274 Willkomm der Hofkellerei Dresden / Glasschneider Heinrich Volckert zugeschrieben, Glashütte Dresden, 1716–17

#37274 Willkomm der Hofkellerei Dresden / Glasschneider Heinrich Volckert zugeschrieben, Glashütte Dresden, 1716–17

Der plausibelste Grund, ein Objekt zu zerteilen, spiegelt sich in einem massiven Barockschrank aus dem frühen 18. Jh. wider: Transportierbarkeit. Dieser und ähnliche monumentalen Schränke gliedern sich in einen auf stark bauchig ausgeformten Füßen stehenden Sockel, einen Hauptteil mit der charakteristischen Verzierung und ein Gesims, nach dem auch die unterschiedlichen Typen bestimmt werden. Sie werden lediglich durch kleine Keil-, Nut- oder Hakenverbindungen zusammengehalten und nach dem niederdeutschen Wort für Schrank auch „Schapp“ genannt. Die reichen Schnitzereien sind meist von christlich-religiösem Inhalt. So zeigt das Giebelrelief des ausgestellten Danziger Schapps (trapezförmiger Giebel) die christliche Kardinaltugend der Nächstenliebe (Caritas).

Die Zerlegung des mehrere hundert Kilo schweren und 280 x 274 cm großen Schranks in seine Einzelteile, der Transport und das Wiederzusammenfügen ist bis heute mit enormem Kraftaufwand verbunden.

Präzisionsarbeit: Aufbau des Barockschranks in der Ausstellungshalle

Präzisionsarbeit: Aufbau des Barockschranks in der Ausstellungshalle

Diese ursprüngliche Idee, einen Schrank für den praktischen Nutzen zerlegbar zu machen, wurde zur Produktion der Montagewand Deutsche Werkstätten, kurz MDW, erweitert. Rudolf Horn, einer der wichtigsten Designer der DDR, erhielt Anfang der 1960er-Jahre gemeinsam mit seinen Kollegen Eberhard Wüstner, Helmut Kesselring und Erhard Schumann den Auftrag, für den VEB Deutsche Werkstätten ein industriell effizient herzustellendes und dennoch attraktives Möbelprogramm zu entwickeln. Dieses sollte den neuen Wohnbedürfnissen der Menschen, unter anderem in den Plattenbausiedlungen, gerecht werden. Der Auftrag gab Horn die Möglichkeit, seinem Ideal entsprechend praktisch-nützliche Möbel für die breite Masse zu entwerfen. Das einfache wie geniale Prinzip der MDW-Wand ist, dass es auf einem Rasterprinzip aufbauende Normteile gibt, aus denen unendlich viele Kombinationen abgeleitet werden können. Die MDW-Wand wurde erstmals 1967 vorgestellt und ging schließlich 1968 in die Serienproduktion. Sie wurde in immer wieder aktualisierten Varianten bis 1991 (MDW 90) produziert und zählt damit zu den erfolgreichsten Möbelprogrammen, die je gefertigt wurden.

#55068 MDW – Montagewand Deutsche Werkstätten /Entwurf: Rudolf Horn, Mitarbeiter des Instituts f. Möbel- & Ausbaugestaltung, Hochschule f. industr. Formgestaltung Burg Giebichenstein; Ausführung: Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden-Hellerau, nach 1968

#55068 MDW – Montagewand Deutsche Werkstätten /Entwurf: Rudolf Horn, Mitarbeiter des Instituts f. Möbel- & Ausbaugestaltung, Hochschule f. industr. Formgestaltung Burg Giebichenstein; Ausführung: Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden-Hellerau, nach 1968

Die Objekte in diesem Bereich der Ausstellung verbindet neben ihrer Zerlegbarkeit auch die Tatsache, dass die einzelnen Segmente eines jeden Objekts nicht für sich allein, sondern nur im Ensemble wirken können.

Die Idee, eine gemeinsame Sprache zu erschaffen

Donnerstag, 04. Dezember 2014

Wie Einsteins Relativitätstheorie verwendet wird, Ausstellungen zu einem Besuchermagnet für jüngere Generationen zu machen und welche Rolle Videoinstallationen in unserem modernen Verständnis von Kunst spielen.

Ein Interview mit Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung Curvature of Events, bis 4. Januar 2015 zu sehen im Albertinum und der Gemäldegalerie Alte Meister.

Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung

Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung

Welchen Eindruck haben Sie von Dresden gewonnen?

M.A: Ich mag Dresden sehr; es ist eine interessante Stadt mit enormer Geschichte und einer Menge netter Leute, die hier leben. Die Menschen auf der Straße sind gastfreundlich und offen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit den Menschen in Dresden gemacht.

Wann war Ihr erster Besuch in Dresden und wie haben Sie sich für die Ausstellung entschieden?

M.A: Die Idee für das Projekt entstand im Jahr 2010 in Lunanda, Angola, auf einem Symposium des Goethe-Instituts über Kuratorinnen in Afrika und ihre Leistungen in den jeweiligen Ländern. Während des Symposiums hatte ich die Idee, eine Ausstellung europäischer Kunst aus einer neuen Perspektive zu kuratieren. Im Jahr 2012 wurde ich eingeladen nach Dresden zu kommen, um mit der Ausarbeitung eines Ausstellungskonzepts zu beginnen. Ich verbrachte etwas mehr als einen Monat hier, führte viele Gespräche mit Dresdnern, daher kenne ich auch so viele Menschen hier. Man bemerkt die Leidenschaft, die sich durch die Stadt zieht und die unvergessenen Kriegsgeschichten, die immer noch sehr lebendig sind. Ich habe jedoch die bewusste Entscheidung getroffen, nicht mit solchen Themen zu arbeiten. Die Erinnerung, besonders an die Bombardierung, die Nazi- und DDR-Zeit, in den Köpfen der Menschen ist immer noch frisch.

Was waren die wichtigsten Faktoren bei der Auswahl der Kunstwerke? Wie hatten Sie sich das im großen Zusammenhang vorgestellt?

M.A: Ich habe mich selbst auf die Kunstwerke zubewegt. Ich habe mir so viele Dinge an verschiedenen Orten angesehen, aktuelle Kunstaktivitäten, zeitgenössische Ausstellungen, bevor ich mich dazu entschlossen habe in der Gemäldegalerie Alte Meister zu arbeiten. Ich habe mir die Kunstwerke dort sehr oft angesehen. Wenn man von etwas so beeindruckt bist, dass es einen immer wieder dorthin zieht, dann ist es etwas, womit man arbeiten sollte. Ich habe nicht versucht, etwas zu finden, das nicht vorhanden ist; ich wollte mit dem arbeiten, was schon da war. Die Kunst war da und ich war da, wir haben uns „getroffen“ und es war eine sehr gute Begegnung.

Was ich ausgewählt habe, sind Kunstwerke, die etwas in mir berührt oder eine Beziehung zu aktuellen Themen wie Umwelt, Feminismus, Sexualität haben. Themen, mit welchen wir auf täglicher Basis konfrontiert sind und welche sich trotzdem seit Jahren nicht verändert haben. Alles, was ich tagtäglich erlebe, ist relevant und genau dort habe ich den Schwerpunkt gesetzt. Die Stücke schaffen beim Betrachter eine emotionale Reaktion. Und obwohl sie vor Hunderten von Jahren geschaffen wurden, sind sie auch in unserer Zeit immer noch als relevant zu betrachten.

Was verbirgt sich hinter Ihrem Konzept, Videokünstler mit klassischen Kunstobjekten arbeiten zu lassen?

Wenn man diese unglaublich gut gefertigten, alten Kunstwerke in die Gegenwart bringen will, muss man das beliebteste Medium heute, die Videoinstallationen, einbeziehen. Deshalb dachte ich, dass dies ein Weg ist, wie das junge Publikum die Dinge betrachtet und wahrnimmt. Man muss mit dem Konzept der Ausstellung eine Sprache sprechen, die sie verstehen. Nur dann können sie sich mit dem Thema identifizieren, und werden Interesse zeigen, die Ausstellungen zu besuchen. Wir müssen einen Dialog zwischen den klassischen Gemälden und der Kunst der Gegenwart erschaffen, welcher sie den Tiefgang der Kunstwerke erkennen lässt.

Auch die „Alten Meister“ waren jung, als sie die Bilder gemalt haben. Wenn man sich die Schaffensperioden genauer ansieht, waren es immer junge Menschen, die die Kunstwerke hervorgebracht haben, durch welche die Gesellschaft und deren Status quo in Frage gestellt wurde. Was sie taten, war zeitgenössisch und oftmals revolutionär für ihre Zeit – wie sollte also dieser Dialog geschaffen werden? Videokunst schien mir der beste Weg zu sein.

In der Einleitung des Katalogs zur Ausstellung “Curvature of Events“ schreiben Sie über Einsteins Relativitätstheorie und wie sich alles in Kreisen bewegt: Was hat das mit dem ursprünglichen Gedanken zu tun, der dieses anspruchsvolle Projekt nach Dresden gebracht hat und wie gefällt Ihnen das Ergebnis?

Ich bin wirklich glücklich und zufrieden damit, die Künstler haben unglaubliche Arbeit geleistet. Sie haben mich mit ihrem Maß an Energie und Intellekt überrascht. Sie waren extrem fokussiert in ihrem Tun und den Hintergrundrecherchen, die sie geführt haben. Sie waren der Kunst gegenüber ausgesprochen loyal und das kommt nicht sehr oft vor.

Einstein war revolutionär, er hinterfragte alles. Seine Theorie der Materie und Masse, welche durch die Schwerkraft angezogen wird, war für mich besonders faszinierend. Einstein sagt, es gibt eine Kraft – bei ihm ist es die Sonne, die auf den Raum einwirkt, alles nach unten drückt und die Planeten bewegen sich um diese Kraft herum. Die Sonne wird als eine unsichtbare Kraft dargestellt, von welcher es sich nur schwer lösen lässt und um welche herumzukommen noch schwerer ist. Das war mein Eindruck, wie Künstler sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Bis heute arbeiten Künstler an diesem Punkt und haben es ähnlich schwer sich aus dieser übermächtigen Kraft zu lösen. Alles entwickelt sich in Kreisen, die kommen und gehen. Hieraus ist auch der Titel der Ausstellung, „Curvature of Events“ entstanden.

Wie wünschen Sie sich, dass die Besucher die Ausstellung erleben?

Ich möchte, dass sie eine Beziehung zu den alten Kunstwerken eingehen, um verstehen zu können, wovon die moderne Kunst beeinflusst wird. Ich möchte, dass sie ins Museum kommen und die Arbeit wertschätzen, die in den Kunstwerken steckt, unabhängig davon, wann sie geschaffen wurden. Ich betrachte die Künstler, auch die von vor vielen hundert Jahren, immer so, als ob sie noch am Leben wären. Und ich bin auch heute noch genauso ergriffen von ihren Kunstwerken, wie ich es vermutlich vor 500 Jahren gewesen wäre, wenn ich damals gelebt hätte. Ich möchte, dass die Besucher sich über die Tatsache klar werden, dass keine Sprache, Rasse oder Nationalität eine Barriere zwischen ihnen und dem Kunstwerk schaffen kann. Ich muss kein Deutsch sprechen, um ein Gemälde von einem deutschen Künstler zu verstehen. Die Kraft und Aussage der Kunst ist visuell, sie umgeht die unsichtbare Wand zwischen uns, es gibt nur mich und das Kunstwerk. Wenn wir kommunizieren, ist es eine Sprache, die wir beide verstehen. Das ist es, was ich mir wünsche, dass die Betrachter fühlen.

Das Interview führte Veronika Heimann

#myRembrandt zu Besuch in Dresden

Freitag, 01. August 2014

Die Bayrischen Staatsgemäldesammlungen machen derzeit mit einer wunderbaren Social-Media-Aktion auf sich aufmerksam: #myRembrandt. Während der Teilschließung der Alten Pinakothek gehen Repliken des berühmten Selbstportraits von Rembrandt (1629) auf Reisen und erkunden die Welt außerhalb der bekannten Museumswände.

Nun erreichte #myRembrandt Dresden, nach einer aufregenden Reiseroute, die ihn bereits nach China zu Ai Weiwei, nach Kreta und gar ins Weltall führte.

Wir nahmen ihn mit auf eine Stadtbesichtigung durch das sächsische Elbflorenz und durch unsere Museen, wo er gar auf den ein oder anderen Bekannten traf.

Unsere Tour startete in der Dresdner Altstadt, wo Rembrandt als erstes die Semperoper erblickte…

#myRembrandt auf dem Theaterplatz vor der Semperoper

#myRembrandt auf dem Theaterplatz vor der Semperoper

Unser nächster Stopp war die Frauenkirche…

Frauenkirche

Die Frauenkirche auf dem Dresdner Neumarkt

Dort entdeckte Rembrandt einen Engel – und dieser ihn – und was sollen wir sagen: Es war “himmlische Liebe auf den ersten Blick”…

himmlische Liebe auf dem Neumarkt

himmlische Liebe auf dem Neumarkt

Unsere nächste Station: der Zwinger. Der barocke Gebäudekomplex beherbergt heute die Gemäldegalerie Alte Meister, die Porzellansammlung und den Mathematisch-Physikalischen Salon…

im Zwingerhof vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon

im Zwingerhof vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon

Aber gehen wir besser hinein: Im Mathematisch-Physikalischen Salon erwarteten Rembrandt hochpolierte Brennspiegel, historische Uhren und Automaten, Teleskope, astronomische Modelle sowie Erd- und Himmelgloben…

Die Planetenlaufuhr von Eberhard Baldewein (u.a.), gefertigt zwischen 1563 und 1568

Die Planetenlaufuhr von Eberhard Baldewein (u.a.), gefertigt zwischen 1563 und 1568

Rembrandt wagte gar einen Blick in die Sterne…

mit dem Spiegelteleskop von Johann Gottlob Rudolph (um 1748)

mit dem Spiegelteleskop von Johann Gottlob Rudolph (um 1748)

…und bewunderte die Rückseite des Parabolischen Brennspiegels von Peter Höse (um 1740)

Rückseite des Parabolischen Brennspiegels von Peter Höse

Rückseite des Parabolischen Brennspiegels von Peter Höse

Nachdem wir den Mathematisch-Physikalischen Salon hinter uns gelassen hatten, schaute Rembrandt gespannt auf den Glockenspielpavillon, der pünktlich um 15 Uhr sein Glockenspiel ertönen ließ…

Zwinger mit Blick auf den Glockenspielpavillon

Zwinger mit Blick auf den Glockenspielpavillon

…und erblickte einen Malerkollegen, dem er neugierig über die Schulter schaute…

von Maler zu Maler

von Maler zu Maler

Weiter ging es in die Gemäldegalerie Alte Meister, wo Rembrandt auf einen alten Bekannten traf…

Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn (um 1635)

Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn (um 1635)

…und natürlich lernte er auch höchstpersönlich Raffaels Sixtinische Madonna kennen, genauer gesagt die Engelchen um Fuße des Werkes…

Engel der Sixtinischen Madonna von Raffael (1512/13)

Engel der Sixtinischen Madonna von Raffael (1512/13)

Auch im Kupferstich-Kabinett, welches sich im Residenzschloss befindet, freute sich Rembrandt über ein Wiedersehen: Die Zeichnung “Die Entführung des Ganymed” diente Rembrandt 1635 als Ideenskizze für sein Gemälde “Ganymed in den Fängen des Adlers“, das sich aktuell auf dem Weg nach München für die Ausstellung Rembrandt – Tizian – Bellotto befindet.

Rembrandts "Die Entführung des Ganymed", Zeichnung von 1635

Rembrandts "Die Entführung des Ganymed", Zeichnung von 1635

Zu guter Letzt machten wir mit Rembrandt einen Spaziergang ins Albertinum. Dort befand er sich nicht nur in guter Gesellschaft in der Antikensammlung…

Antikensammlungen, Gläsernes Debot, Albertinum

Antikensammlungen, Gläsernes Debot, Albertinum

…sondern inspizierte auch die Kunst der Moderne und kam mit Auguste Rodin ins Zwiegespräch…

Auguste Rodin, Der Denker, 1881-83

Auguste Rodin, Der Denker, 1881-83

Verabschieden wollten wir Rembrandt nicht ohne ihm den berühmten Canaletto-Blick zu zeigen…

der Blick auf die Dresden Silhouette

der Blick auf die Dresden Silhouette

Wir sagen “Tschüss #myRembrandt” und komm’ bald wieder – das nächste Mal gern auch im Original!